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Offshore Windenergie : Viele Visionen und hohe Hürden

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Deutschland startet in Sachen "Offshore" mit dem Testfeld "Alpha Ventus" vor Borkum. Obwohl große Erwartungen mit der Nutzung des Seewindes verbunden sind, bleibt der zögerliche Netz-Ausbau ein Problem für Projekte.

Nordfriesland | Die Windkraft-Branche ist seit langem auf dem Festland ein Job-Motor und zu einer Wirtschaftsmacht in Schleswig-Holstein geworden. Nun soll es hinaus aufs Meer gehen - Windkraftanlagen "off shore" aufgebaut werden. Während in anderen Ländern bereits Energie mit Seewind erzeugt wird - führend sind hier Dänemark und Großbritannien, gefolgt von den Niederlanden, Belgien und Schweden - soll in Deutschland noch in diesem Jahr der "Offshore-Start" mit dem Testfeld "Alpha Ventus" erfolgen: 45 Kilometer vor Borkum in einer Wassertiefe von 30 Metern.
Geplant sind zwölf Fünf-Megawatt-Anlagen der Hersteller Multibrid (Bremen) und Repower (Hamburg) - mit sechs Anlagen wird der Meeres-Windpark in Betrieb genommen. "Hoffen wir nach Alpha Ventus auf einen zügigen Ausbau", betonte Andreas Eichler, Firmen-Sprecher von Vestas Deutschland, im Husumer Rathaus und verwies in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung von Test-Standorten an Land.
In der Kreisstadt fand auf Einladung der Stiftung "Offshore-Windenergie" und der Netzwerk-Agentur "Windcomm Schleswig-Holstein", moderiert von Carsten Kock (RSH-Chefkorrespondent), eine Podiumsdiskussion über Meeres-Windparks statt. Anlass war eine Aktion der Stiftung, die das Museumsschiff "Greundiek" mit einer "Offshore-Ausstellung" in Sachen Öffentlichkeitsarbeit auf Reisen geschickt hat - noch bis zum 9. August liegt das Museumsschiff im Rahmen der Nordsee-Tour deshalb im Husumer Hafen (wir berichteten).
"Verdoppelung der Arbeitsplätze"

Die großen Hoffnungen, die mit der Energieerzeugung aus dem starken und stetigen Seewind verbunden sind, fasste Martin Schmidt von der "Windcomm" mit Zahlen zusammen. Er prognostizierte für "Offshore" die nächsten Jahre eine "große Entwicklung" mit bis zu 15 000 Megawatt und etwa 3000 Anlagen sowie einer "Verdoppelung der Arbeitsplätze" im nördlichsten Bundesland - "on shore" seien es zurzeit etwa 5000.
Staatssekretär Jost de Jager aus dem schleswig-holsteinischen Wirtschaftsministerium verwies auf Herausforderungen bei dem Plan "go off shore" - angefangen bei der "gigantischen Investition" und Meerestiefen von 20 bis 40 Metern. Deutsche Betreiber werden nämlich vor allem in der Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) und damit oberhalb von 30 Kilometern Entfernung zum Land Anlagen errichten - nicht nur freiwillig, denn in Küstennähe greifen in Deutschland Naturschutzrecht und touristische Belange. Sechs Meeres-Windparks seien vor Schleswig-Holstein genehmigt - aber: "Es steht keiner". Damit hatte der Staatssekretär mit knappen Worten deutlich gemacht, dass trotz aller Euphorie Hürden auf dem "Offshore-Weg" stehen.
Kohlekraft-Planung contra Erneuerbare Energien?

Deutliche Worte kamen hierzu von Udo Paschedag aus dem Bundesumweltministerium. Er war der Überraschungsgast der Veranstaltung. Der Ministerialrat hatte einige Tage Urlaub in Nordfriesland verbracht und sich spontan angemeldet. Seine Erklärung: 70 Prozent aller Genehmigungen befinden sich in Händen der großen Energieversorger - und bisher hat noch keiner einen Offshore-Park gebaut: in Deutschland. Denn, so Paschedag weiter, insbesondere Eon baue vor der englischen Küste Meeres-Windparks. Für ihn liegt daher der Verdacht nahe, dass "Offshore" verzögert werden solle, da die Energie-Riesen auch weiter auf "ihre" Atom- und Kohlekraft setzen wollen.
Direkt an de Jager adressierte er die Kritik: "Ihre Kohlekraft-Planung passt nicht zu den Erneuerbaren Energien. Offshore-Strom hätte Vorrang vor neuen Kohlekraftwerken, die dann heruntergefahren werden müssten." Unwirtschaftlich werden die Kraftwerke nach Einschätzung Paschedags ohnehin von 2013 an durch die Emissions-Zertifikate. Der Gescholtene entgegnete, dass es ohne Energie-Mix nicht zu schaffen sei bis 2020 bundesweit auf "Erneuerbare" umzusteigen.
Hemmschuh Netzanbindung

Hans Feddersen, Mit-Initiator des bei Sylt geplanten Bürger-Windparks "Butendiek", erklärte, dass die Netzanbindung eines der "großen Hemmnisse" sei. "Die Energieversorger verlangen, erst den Windpark zu bauen - und die Banken wollen, dass zuerst die Netze fertig sind. Hier muss die Politik eingreifen." Das so genannte Infrastrukturplanungs-Beschleunigungsgesetz habe nichts gebracht. Paschedag verwies auf ein Positionspapier der Küsten-Länder, dass bereits bei der Bundes-Netzagentur liegt - "noch in diesem Sommer ist das Problem gelöst". Und er versprach: "Wenn ein Netzbetreiber nicht das Notwendige tut, wird es eine Anweisung geben."

Dr. Klaus Rave, Vorstand der Investitionsbank Schleswig-Holstein, formulierte eine Vision: Wäre es nicht möglich, wenn die Priorität auf den Erneuerbaren Energien liegt, globale Vorgaben umzusetzen, wie es in einer Woche durch die Finanzkrise mit dem Investitionstabilisierungsgesetz möglich gewesen sei. Rave räumte ein, dass es im "Offshore-Bereich" keine Bank gebe, die "führen" würde.

Rudolf-Eugen Kelch, Vorsitzer der Schutzgemeinschaft Deutsche Nordseeküste, forderte wegen der "konkurrierenden Nutzung" in der Nordsee - Fischerei, Schifffahrt - dass "Offshore"-Windparks auf die ausgewiesenen rund 1000 Quadratmeter Vorrangfläche konzentriert werden. Zudem sollten Netze "gebündelt" werden - "eine Netz-Gesellschaft wäre vernünftig".
System vollständig erneuern
Der Klimawandel zwinge zur vollständigen Erneuerung des Systems, betonte Prof. Hartmut Graßl vom Zentrum für Marine und Atmosphärische Wissenschaften in Hamburg. Noch seien zwar genügend fossile Brennstoffe in der Erde. "Wir könnten noch einige Jahrzehnte locker so weitermachen - aber dann haben wir die Misere und Grönland schmilzt ab", riet er zum Handeln. Nur Sonne und Wind sind nach seinen Worten die Energiequellen, mit denen die "großen Herausforderungen" gemeistert werden können. "Die Primärenergie der Zukunft ist die Sonne." Nur auf Windkraftanlagen umzustellen, ist laut Graßl keine Lösung, da durch die kinetische Energie die Atmosphäre beschädigt werde.
Pro Seewind
Durch Wind werden zurzeit 40 Prozent des Stromverbrauchs in Schleswig-Holstein abgedeckt - bis 2020 sollen es 100 Prozent sein. Für Deutschland lautet die Vorgabe 30 Prozent. Ohne "Offshore" kann dieses Ziel nicht erreicht werden. Deshalb plant die Bundesregierung bis 2030 Windkraftanlagen mit einer Leistung bis zu 25 000 Megawatt in Nord- und Ostsee zu errichten.

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erstellt am 28.Aug.2009 | 10:13 Uhr

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