pädagogisch-psychologischer Berater : VHS-Weiterbildung: Reden ohne Floskeln und Fassade

Profitieren im Alltag und im Berufsleben von den Gesprächstechniken: Der Dozent der Weiterbildung Ralf Paulsen und die Absolventin Annika Reimers.
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Profitieren im Alltag und im Berufsleben von den Gesprächstechniken: Der Dozent der Weiterbildung Ralf Paulsen und die Absolventin Annika Reimers.

Die Weiterbildung zum pädagogisch-psychologischen Berater ist neu im Programm der VHS und richtet sich nicht nur an Pädagogen.

shz.de von
23. Januar 2018, 12:07 Uhr

Husum | „Aktives Zuhören ist gar nicht so leicht wie man denkt“, sagt der pädagogisch-psychologische Berater und Familien-Coach, Ralf Paulsen. „Beim Zuhören ist es wichtig, wirklich nur zuzuhören und dabei nicht zu urteilen.“ Dies ist Teil der Weiterbildung zum pädagogisch-psychologischen Berater, einem neuen Angebot an der Husumer Volkshochschule. Den Kursus gab es bisher nur in Kiel.

Die Teilnehmer sollen lernen, Ratsuchende in ihrer individuellen Lebenssituation besser verstehen zu können und gezielt weiterzuhelfen und zu vermitteln.

Die Weiterbildung sei nicht nur für Pädagogen oder Sozialarbeiter geeignet, auch Bankberater oder Krankenschwestern könnten davon profitieren. „Ich freue mich immer, wenn Altenpfleger kommen, sie müssen beispielsweise gerade mit Demenzkranken im Gespräch einfühlsam sein.“

Dafür werden bei der Weiterbildung drei Grundhaltungen erlernt: Empathie, Akzeptanz und Kongruenz. Bei Ersterem geht es darum, sich in das Gegenüber einzufühlen und dabei seine Gefühlswelt nicht zu bewerten. „Auch wenn mir das Problem meines Gegenübers nichtig erscheint, muss ich versuchen, es aus seiner Sicht zu betrachten und es ernst zu nehmen“, so Paulsen.

Bei der Akzeptanz gehe es darum, sich dem Klienten bedingungslos zuzuwenden, „vollkommen unabhängig von seiner Kleidung, seinem Parfüm, seiner Religion“.

Mit sich selbst in Deckung zu sein, die Kongruenz zu üben, fordert den Teilnehmern wohl am meisten ab. „Dabei geht es darum, sich in der Beratung nicht hinter einer Fassade oder Floskeln zu verstecken.“ Wenn der Berater seinem Gegenüber freundlich zustimme, dabei aber die Augenbrauen zusammenziehe und die Arme verschränke, merke der Klient – bewusst oder unterbewusst – dass etwas nicht stimme und verschließe sich.

Darüber hinaus werden Gesprächstechniken geübt. „Zum Beispiel in bestimmten Situationen auf W-Fragen zu verzichten. Es macht einen Unterschied, ob ich frage: Warum geht es Ihnen nicht gut? Oder sage: Es geht Ihnen nicht gut“, sagt der Coach. Die Klienten würden bei einer Aussage teils viel mehr ins Reden kommen. „Wenn ich dann eine Schleuse geöffnet habe, höre ich zu.“

Eine sehr intensive Methode sei es, Angebote zu machen. „Das bedeutet, wenn etwa eine Frau von ihrem Streit mit ihrem Ehemann erzählt, dann mache ich das Angebot: Sie wollen sich von Ihrem Mann trennen.“ Damit spreche der Berater etwas aus, was sein Gegenüber vielleicht noch nicht einmal denken wollte. „Dadurch kommt man auf den Kern. Die Technik üben wir lange.“

Was die Teilnehmer auch trainieren, ist das Achten auf die nonverbalen Signale. „Wenn mein Klient nach einer Frage unruhig auf dem Stuhl herumrutscht, dann kann das ein Zeichen von Nervosität sein“, schildert Paulsen.

Um all das theoretische Wissen auch anzuwenden, ist das praktische Training und die Selbsterfahrung ein fester Baustein der Weiterbildung. „Wir arbeiten an ganz praktischen Themen. Einer erzählt, und der andere hört zu. Dabei spürt jeder Teilnehmer die Methoden selbst.“ Drei beobachten das Beratungsgespräch. Das können Themen sein wie der Streit mit dem Nachbarn und der Zwiespalt beim Autokauf: Volkswagen oder BMW, schwarz oder orange. „Das ist eine sehr vertrauensvolle Atmosphäre“, betont der Coach.

Nach der Hälfte der Weiterbildung kommt es zur ersten echten Probe des Erlernten. „Jeder Teilnehmer sucht einen Klienten im Bekanntenkreis, dann wird ausgelost“, schildert Paulsen. Um dann das Zertifikat zu erhalten, müssen drei Beratungsgespräche geführt werden.

Doch wenden die Teilnehmer die Methoden in der Praxis tatsächlich an? „Zu Anfang war ich noch ein wenig verkopft und musste bewusst daran denken, die Methoden zu nutzen“, schildert Annika Reimers. Sie hat die Weiterbildung 2015 genutzt. „Ich arbeite viel mit den Gesprächstechniken und spiegle die Körperhaltung wieder. Das klappt bei dem Kindern und Eltern. Sie öffnen sich mir damit mehr.“ Reimers ist von Beruf Heilpädagogin. Es seien manchmal Kleinigkeiten, die das Gespräch in eine lösungsorientierte Richtung lenken, weiß sie. Die Erwiderung der Eltern auf: „Ihr Kind macht Ihnen Sorgen“ sei eben häufig offener und ausführlicher als auf die Frage nach dem Warum.

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