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Zerstörte Luftballons und eine tote Krähe : Vertreibung ist keine dauerhafte Lösung

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Sechs Wochen lang vergrämte eine Projektgruppe der Hermann-Tast-Schule Krähen im Husumer Schlossgarten. Mit mäßigem Erfolg. Ein Vogel wurde verletzt, ein anderer starb. Zuletzt riet der Projektleiter der Stadt, die Methode nicht weiter anzuwenden.

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erstellt am 03.Apr.2014 | 12:30 Uhr

Sie stehen unter Schutz und haben ein fatalen Hang zum Radau machen. Vor allem abends ziehen sie in Scharen über den Himmel – auf dem Rückweg zu ihren Schlafplätzen. Viele davon sind im Schlossgarten. Hier finden Saatkrähen ideale Lebensbedingungen. Hohe Bäume, in deren Wipfel ihnen kaum ein Tier folgen kann, bieten Schutz für sie und ihren Nachwuchs. Doch dieser Lebensraum gehört ihnen nicht allein. Rund um den Schlossgarten leben Menschen. Auch das Krankenhaus ist gleich nebenan. Und manchem Anlieger geht das ständige Gezeter ganz schön auf die Nerven.

„Es gibt immer wieder Beschwerden von Anwohnern“, bestätigt Karl-Friedrich Bumb vom Ordnungsamt: „Aber was sollen wir dagegen tun?“ Bis vor zwei Jahren wurden die Vögel mit Hilfe von Schreckschüssen vergrämt. „Aber so richtig erfolgreich war das nicht“, gesteht Bumb. Da kam eine Initiative der Hermann-Tast-Schule gerade recht. Im Rahmen eines Projekts wollte Helge Raddatz, der dort Biografie, Geografie und Technik unterrichtet und selbst Anlieger des Schlossgartens ist, mit Schülern eine neue Vergrämungsmethode ausprobieren. Mit Helium gefüllte und mit LED-Leuchten versehene Ballons steigen zu den Schlaf- und potenziellen Nistplätzen der Krähen auf. Die verstehen das als Bedrohung und ziehen Leine. Damit ist das Problem zwar nicht aus der Welt, wird aber an einen anderen Ort verlagert. „Irgendwo müssen sie ja hin“, sagt Raddatz.

Damit die Ballons wieder heruntergeholt werden können, werden sie an Fäden befestigt. Doch bevor es losging, wurde erst einmal beim Ordnungsamt nachgefragt, ob das Projekt dort überhaupt Interesse fände. Das tat es, und so gelangte die Idee zur Genehmigung beim Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR). Von dort kam einige Tage später grünes Licht. Der etwas andere Feldversuch konnte also beginnen. Angesetzt waren zunächst vier Wochen – von Mitte Februar bis Mitte März. Später sollten weitere 14 Tage draufgelegt werden.

Bevor sich die Gymnasiasten ans Werk machten, gingen sie von Haus zu Haus und fragten die Anwohner nach ihren Erfahrungen mit den Krähen. Manche begrüßten das Projekt und erklärten, dass die Vögel sie schon um so manche Nachtruhe gebracht hätten. Aber nicht überall wurden die Feldforscher mit offenen Armen empfangen. Einige konnten mit der Aktion gar nichts anfangen.

Schon wenige Tage nach dem Start wurde dann klar, dass zwischen Theorie und Praxis eine Lücke klafft. Einige Ballons gingen kaputt, andere „wurden mitgenommen“ und auch mancher Faden verhedderte sich. Richtig schlimm kam es dann jedoch, als eine Anwohnerin dem Ordnungsamt von einer Krähe berichtete, die sich hoffnungslos in einem Band verfangen hatte und elendig zu Grunde zu gehen drohte. Die Feuerwehr rückte mit der Drehleiter an und befreite das Tier. Aber die Blaujacken mussten noch einmalö ran: Wieder hatte sich eine Krähe verfangen. Diesmal kam jede Hilfe zu spät.

„Das tut uns natürlich leid“, sagt Raddatz, der inzwischen schon bei der Stadt gewesen ist und ihr von einer weiteren Anwendung der Methode abgeraten hat. Zwar seien einige Krähen tatsächlich weggeflogen, „aber es gab auch einen Gewöhnungseffekt“, sagt er. Manche Reaktion auf das Projekt ist ihm dennoch aufgestoßen. So hätten Kollegen gefragt, was er denn da bloß treibe – und auch seine Schüler seien teilweise ganz schön angeraunzt worden.

Der Konflikt „Mensch und Krähe“ ist Hans-Joachim Augst nicht unbekannt. „Früher waren Saatkrähen draußen in der Feldmark“, sagt der Dezernatsleiter Biodiversität beim LLUR. „Heute finden sich praktisch alle Kolonien in Siedlungsbereichen.“ Augst, der früher für den World Wilflife Fund (WWF) in Husum gearbeitet hat, wurde bei der Jahrestagung der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft für Schleswig-Holstein Anfang März im Schloss selbst Zeuge des Krähen-Gezeters. „Für uns Ornithologen war das natürlich in Ordnung“, sagt er, hat aber Verständnis, dass so etwas auch nerven kann. Dennoch sollte man „die Vertreibung nicht übertreiben“, so der Experte.

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