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Prozess im Landgericht Flensburg : Versuchter Auftragsmord von Rantrum: Verteidiger bestreiten Mordabsicht

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Angeklagt sind zwei Männer und die Ehefrau des Opfers. Der Staatsanwalt forderte lebenslange Haftstrafen für alle Angeklagten. Die Verteidiger sehen das anders.

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erstellt am 26.Nov.2015 | 15:09 Uhr

Im Prozess um einen gescheiterten Auftragsmord in Nordfriesland haben die Verteidiger in ihren Plädoyers Mordabsichten bestritten. Angeklagt sind zwei Männer und eine Frau.

Sie sollen nach Ansicht des Staatsanwalts gemeinsam den Mord am Ehemann der Frau geplant haben, um an sein Vermögen zu gelangen.

Doch die Verteidiger bestritten dies am Donnerstag im Prozess vor dem Landgericht Flensburg: Eine Mordabsicht hätten ihre Mandanten nicht gehabt. Der Verteidiger der Ehefrau sagte, es käme für seine Mandantin allenfalls eine Verurteilung wegen versuchten Totschlags in Betracht. Der Anwalt des Schützen forderte eine Verurteilung auf Bewährung wegen Körperverletzung. Die Verteidigung des als Mittelsmann geltenden Angeklagten hatte bereits am vorigen Freitag auf Freispruch plädiert.

Der Staatsanwalt hatte am Freitag lebenslange Haftstrafen für alle drei Angeklagten gefordert. Die 25 und 36 Jahre alten Männer und die 43 Jahre alte Frau sollen nach Ansicht des Staatsanwalts gemeinsam heimtückisch den Mord am Ehemann der Frau geplant haben, um an sein Vermögen zu gelangen. Der jüngere Mann soll vom älteren als Schütze angeheuert worden sein. Initiatorin war nach Ansicht der Staatsanwaltschaft die Ehefrau.

Das damals 58 Jahre alte Opfer, ein Immobilienmakler aus Husum, war Mitte September 2014 nach Rantrum in Nordfriesland zu einem Besichtigungstermin in ein zum Verkauf stehendes Haus gelockt und von hinten niedergeschossen worden. Er überlebte schwer verletzt, kann sich an die Tat aber nicht erinnern.

Sein Mandant habe zugegeben, sich als Kaufinteressent ausgegeben zu haben, sagte der Anwalt des 25-Jährigen. Er sei mit dem Mann ins Haus gegangen und habe fünf Schüsse auf den 58-Jährigen abgegeben und ihn zweimal in den Rücken getroffen. Dies sei unstreitig. Aber er habe die restlichen drei Patronen - anders als vom Staatsanwalt gesagt - nicht wegen eines Defektes am Revolver nicht abgefeuert, sondern sich bewusst dafür entschieden, dies nicht zu tun.

Sein Mandant sei daher vom Vorwurf des versuchten Mordes freizusprechen, sagte der Anwalt. Es bliebe eine Körperverletzung, „die keineswegs bagatellisiert werden soll“. Dafür solle sein Mandant zu einer Bewährungsstrafe verurteilt werden, forderte der Rechtsbeistand. Die Ehefrau sei die Auftraggeberin gewesen und der zweite Angeklagte der Mittelsmann, der auch die Waffe besorgt habe. Sein Mandant sei nur das „Werkzeug“ gewesen.

Der Verteidiger der Ehefrau bestritt in seinem Plädoyer, dass seine Mandantin die Auftraggeberin gewesen ist. „Ich bin davon überzeugt, dass nicht sie die Tat geplant und ins Werk gesetzt hat.“ Dies sei vielmehr der 36-Jährige gewesen, mit dem die Angeklagte eine Beziehung gehabt habe. Er habe die Waffe beschafft und jemanden gefunden, der den Ehemann töten soll. Er behaupte, seine Mandantin stecke dahinter, aber dies ließe sich nicht beweisen.

Die Frau habe nichts von dem Dritten gewusst, sagte ihr Anwalt. Sie habe unter ihrem gewalttätigen Ehemann gelitten und sei davon ausgegangen, ihr Bekannter wolle ihren Mann in dem Haus treffen und „fertig machen“. Seine Mandantin bestreite, gewusst zu haben, dass ihr Mann umgebracht werden soll. Ob dies stimme, wisse er nicht.

Heimtückisch und habgierig sei die Frau aber nicht. Es käme allenfalls eine Verurteilung wegen versuchten Totschlags in Betracht. Seiner Ansicht nach sein eine Strafe im mittleren einstelligen Bereich für Tat und Schuld angemessen. Das Urteil soll voraussichtlich am 3. Dezember verkündet werden.

shz.de mit einer Chronologie der Ereignisse:

18. September 2014: Die Tat

Die Spurensicherung am Tatort in Rantrum.
Die Spurensicherung am Tatort in Rantrum. Foto: hjm

In den späten Nachmittagsstunden wird der bekannte Husumer Immobilienmakler in der Karl-Pohns-Straße in Rantrum (Kreis Nordfriesland) durch mehrere Schüsse lebensgefährlich verletzt. Das damals 58 Jahre alte Opfer war am 18. September nach Rantrum zu einem Besichtigungstermin in ein zum Verkauf stehendes Haus gelockt worden. Der 25-Jährige habe sich als Kaufinteressent ausgegeben und sei mit dem Makler ins Haus gegangen, sagte der Staatsanwalt.

Als dieser sich auf einer Treppe befand, habe der Angeklagte einen Revolver gezogen und fünf Schüsse auf den 58-Jährigen abgegeben. Er traf ihn zweimal in den Rücken.

Anschließend habe der Angeklagte das Haus fluchtartig verlassen und den Tod seines Opfers zumindest in Kauf genommen. Der 25-Jährige flüchtete auf einem Motorrad.

Die zwei herbeigerufenen Notärzte versuchen nach Angaben von Nachbarn über längere Zeit, den Mann zu reanimieren. Schließlich wurde er mit lebensgefährlichen Verletzungen mit einem Rettungshubschrauber abtransportiert. Der 58-Jährige wurde notoperiert. Er überlebt, hat aber keine Erinnerung an die Tat.

Anfänglich bekommt die Nachbarschaft nichts von der Bluttat mit. Erst als nach und nach Polizeifahrzeuge eintreffen und die Spurensicherung mit ihren hellen Schutzanzügen ihre Arbeit aufnimmt, wird vielen Anliegern bewusst, dass sich in dem Haus ein Verbrechen ereignet haben muss.

20. September 2014: Die Polizei sucht den Motorradfahrer

Entsetzen herrscht über die Tat in der Gemeinde Rantrum. Zum Tatmotiv gibt es noch keinerlei Hinweise. Laut Polizeiangaben ist jedes Motiv möglich, von Eifersucht bis hin zu Geldangelegenheiten. Allerdings hat die Polizei mittlerweile einige Details zum Täter ermitteln können.

Anfang Dezember 2014: Die Festnahmen

Der 25 Jahre alte Tatverdächtige wird am 2. Dezember festgenommen. Ein weiterer Mann, der den Schützen angeworben haben soll, wird drei Tage später geschnappt. Am 6. Dezember wird auch die Ehefrau verhaftet. Die Fahnder greifen sie nach einem Besuch in Bulgarien am Hamburger Flughafen auf.

17. Dezember 2014 : Die Ehefrau gesteht

Endlich ist klar: Hinter den beinahe tödlichen Schüssen auf einen Immobilienmakler steckt ein versuchter Mord im Auftrag der Ehefrau des Opfers. Das gaben Polizei und Staatsanwaltschaft bekannt. Die Ehefrau, der Todesschütze und ein der Anstiftung mitverdächtiger Mittelsmann sitzen in U-Haft. Die Ehefrau und der mutmaßliche Schütze haben den Angaben zufolge Geständnisse abgelegt.

Den Haupttäter hat die 43-jährige Ehefrau des Maklers offenbar über einen in Bremen lebenden 36 Jahre alten Mittelsmann gefunden. 30.000 Euro versprach die Auftraggeberin dem Schützen laut Staatsanwaltschaft für einen Mord.

Das Motiv der Ehefrau liege nach bisherigen Erkenntnissen in ihrer unglücklichen Ehe. „Vermutlich hatte sie die Befürchtung, im Falle einer Scheidung leer auszugehen“, sagt Oberstaatsanwältin Ulrike Stahlmann-Liebelt. Auch häusliche Gewalt soll es gegeben haben - der Ehemann, der zum Tatzeitpunkt mit der 43-Jährigen in Husum wohnte, bestreite dies allerdings. Bei der Frau habe sich dann „der Entschluss gebildet, ihren Ehemann loszuwerden“.

Auf die Schliche kam eine achtköpfige, extra für diesen Fall eingerichtete Mordkommission dem Schützen durch digitale Spuren: Der 25-Jährige war in dem Rantrumer Wohngebiet von einer Videokamera aufgezeichnet worden. Zudem hatte er von dort vor der Tat mehrere Telefonate mit seinem Handy geführt. In diesen und später entstandenen Verbindungsdaten sieht der Flensburger Staatsanwalt Axel Schmidt den Schlüssel zum Fahndungserfolg. Die Polizei stimmt zu: „Ich habe kein anderes Verfahren in Erinnerung, wo so intensiv Telekommunikationsdaten ausgewertet wurden“, sagte damals Michael Raasch, Leiter der Kriminalpolizei Husum.

29. Mai 2015: Der Prozess beginnt

Die beiden Männer gestehen vor dem Landgericht Flensburg, dass sie an dem geplanten Auftragsmord beteiligt waren. Initiatorin der Tat sei aber die mitangeklagte Ehefrau des Opfers gewesen, hieß es in Erklärungen, die die Anwälte der beiden Männer am Freitag verlasen. Die 43 Jahre alte Frau schwieg zu Prozessbeginn.

Der mitangeklagte 36 Jahre alte mutmaßliche Geliebte soll laut Anklage unter anderem die Tatwaffe besorgt und den 25 Jahre alten Schützen angeheuert haben. Diesem sollen 30.000 Euro für den Mord versprochen worden sein.

Der 25-jährige Angeklagte gab in seiner Erklärung zu, die Schüsse abgefeuert zu haben. Er habe im Sommer mehrere Anrufe des 36-Jährigen erhalten. Zunächst habe dieser gefragt, ob er Geld verdienen wolle. Später kam der Auftrag, er solle den tyrannischen Mann einer Frau umbringen. Da er unter chronischem Geldmangel litt, habe er zugesagt. Die Frau habe er nie kennengelernt.

Am Tattag habe er zunächst fliehen wollen, als eine Zeugin ihn vor dem Haus ansprach. Den Rat, die Tat abzubrechen, habe er telefonisch auch von dem 36-Jährigen erhalten. Dann sei aber das Auto des Maklers vorgefahren und er habe gedacht „jetzt oder nie“. Er habe an das Geld gedacht. Er schäme sich sehr für seine Tat und sei froh, dass der Angeschossene überlebt habe. „Ich möchte mich ausdrücklich entschuldigen.“

Der 36 Jahre alte Mittelsmann gab zu, für die Frau die Waffe besorgt und den Schützen angeheuert zu haben. Geplant und initiiert habe aber sie allein die Tat. „Ich habe kein eigenes Interesse an seiner Beseitigung.“ Er bestritt, ein Verhältnis mit der Frau gehabt zu haben. Er habe das Ehepaar 2012 kennengelernt. Die Frau habe unter der Gewalttätigkeit ihres Mannes gelitten, sich ihm öfter anvertraut. „Mir ist bewusst, dass er das Opfer ist.“ Aber seine Gewalt und Verachtung gegenüber seiner Frau waren Ausgangspunkte für die Tat.

Er habe sich auf ihr Bitten umgehört, ob es jemanden gebe, der die Tat ausführen wolle. Er habe auch die Waffe besorgt. Der Tatplan und der Zeitpunkt seien aber von der Angeklagten bestimmt worden. Am Tattag habe er dem aufgeregten Schützen am Telefon gesagt, er solle abhauen und die Tat abblasen. Er bedauere die Geschehnisse zutiefst.

19. Juni 2015: Der Prozess muss neu beginnen

Der zweite Verhandlungstag ist zugleich der vorerst letzte: Der Prozess muss wieder von vorne beginnen. Ein Richter sei erkrankt, sagt eine Sprecherin des Landgerichts Flensburg.

6. Juli 2015: Angeklagte legen Teilgeständnisse ab

Mit schriftlichen Teilgeständnissen von zwei Angeklagten begann der Prozess erneut. Der 36-Jährige Angeklagte gab zu, die Waffe besorgt und sie dem Jüngeren ausgehändigt zu haben. Als dieser jedoch am Tag der Tat vor dem Haus wartend von einer Frau angesprochen worden sei und ihn angerufen habe, habe er ihn aufgefordert, die Tat nicht auszuführen. Er sei froh, dass das Opfer lebt. Ähnlich äußerte sich der 25-Jährige. Er schäme sich für die Tat und „bereue sehr und zutiefst“.

 

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