zur Navigation springen

Konjunkturumfrage : Unternehmen ersticken in Bürokratie

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Der Unternehmensverband Unterelbe-Westküste stellt seine Halbjahresbilanz vor. Die Dokumentationspflicht beim Mindestlohn ist ein großer Hemmschuh und auch mangelhafte Infrastruktur belastet die Wirtschaft

von
erstellt am 25.Jun.2015 | 17:00 Uhr

„Die aktuelle Konjunkturlage ist wie das Wetter: Eigentlich haben wir Sommer, weder Eis noch Schnee, aber es könnte besser sein!“ So fasste Sebastian Koch gestern die Stimmung der Unternehmen zwischen Norderstedt und der Westküste zusammen. Grundsätzlich blicke die Wirtschaft auf ein solides Halbjahr zurück – „trotzdem gibt es noch Luft nach oben“, so der Geschäftsführer des Unternehmensverbandes Unterelbe-Westküste.

Koch legte mit Co-Geschäftsführer Ken Blöcker in Mildstedt die Verbands-Bilanz des ersten Halbjahres vor. Mit dabei waren auch der stellvertretende Vorsitzende Dieter Wade, Geschäftsführer der Firma Adolf Nissen Elektrobau in Tönning, und Gastgeber Christian Singelmann, Geschäftsführer des Baustoffzentrums C. G. Christiansen. Um mit den aktuellen Zahlen und Fakten aufwarten zu können, hatte der Verband unter seinen Mitgliedern eine Umfrage zur Konjunkturlage gestartet. 109 der insgesamt 400 Betrieben nahmen daran teil.

Eines zeigt die Erhebung deutlich: Den meisten Kummer bereitet den Geschäftsleuten der ständig steigende bürokratische Aufwand. Für 70 Prozent der Firmen ist das ein schwerer Klotz am Bein – zehn Prozent mehr als noch bei der Umfrage im Winter 2014. Grund: Die komplizierten Dokumentationspflichten beim Mindestlohn, die in diesem Jahr hinzugekommen sind. „Nicht der Mindestlohn an sich ist unser Problem“, machte Blöcker deutlich, „sondern der damit verbundene Bürokratismus“.

Ob schnelles Internet per Breitband, Autobahn 20 oder Bundesstraße 5 – der Sanierungsstau im Norden ist der Dauerbrenner für Verbandsvertreter und Mitglieder. In der fehlenden Verbindung zur A  20 und dem unzureichenden Ausbau der B 5 sehen sie ihre wirtschaftliche Entwicklung eingeschränkt. „Eine Katastrophe“, antwortete Christian Singelmann schlicht, als er auf die B 5 angesprochen wurde. Dort sind seine Lieferanten nämlich fast ununterbrochen unterwegs. Auch die Breitband-Versorgung geht den Unternehmern zu langsam voran. Viele von ihnen sind selbst aktiv geworden und haben eigene Glasfaserleitungen gelegt. So wie Dieter Wades Firma, die dafür 60.000 Euro in die Hand genommen hat.

Zum ersten Mal wurden die Verbands-Mitglieder danach gefragt, welche Erfahrungen sie mit Flüchtlingen gemacht haben. Während 33 Prozent der antwortenden Unternehmen noch nicht mit dem Thema in Berührung gekommen sind, zogen sechs Prozent ein positives Fazit. Von negativen Erfahrungen berichtete niemand. Allerdings werde die Einstellung von Flüchtlingen nicht die Fachkräfte-Problematik lösen, so Blöcker. Vor allem die Sprachbarrieren erschwerten die Zusammenarbeit. Darüber hinaus beklagt jede zweite Firma, dass es keinen zentralen Ansprechpartner beim Land für die Einstellung von Flüchtlingen gebe – verheerend, wenn es um die Arbeitserlaubnis geht. „Es muss eine einheitliche Regelung geben – und das schnell“, betonte Koch.

Der Fachkräftemangel ist und bleibt ein Sorgenkind. 47 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, darunter zu leiden. Und eine Lösung ist nicht in Sicht. Das habe wenig mit der Zusammenarbeit mit den Arbeitsagenturen zu tun, denn die klappe den meisten Firmen zufolge relativ gut. Doch viele Firmen suchen Fachkräfte über Personalbüros. Die wenigsten finden sie bei den Arbeitsagenturen. Ganz zu schweigen vom Wettbewerb um den Nachwuchs. Neben zu wenig Bewerbungen mache den Personalverantwortlichen die fehlende Reife vieler Schulabgänger zu schaffen. „So wird das Unternehmertum irgendwann durch gegenseitigen Raubbau an Arbeitskräften auf die Probe gestellt“, kommentierte Koch dieses Dilemma.

Alles in allem ist die Stimmung der Unternehmer vorsichtig optimistisch. Die Werte zeigen aber auch, dass die Unternehmen im vergangenen Halbjahr weniger Aufträge an Land ziehen konnten als erwartet. Die Auslastung liegt bei durchschnittlich 86 Prozent. Von einem wirklichen Aufschwung könne Blöcker zufolge also keine Rede sein.

Auffällig sind allerdings Ergebnisse, die eine Zusatz-Umfrage in Nordfriesland und Dithmarschen zutage förderte. 52 Unternehmen nahmen daran teil. Während es ganz im Norden zu wenig Aufträge gab, war die Auftragslage im Nachbarkreis gut. Auch die Investitionsbereitschaft ist in Dithmarschen gestiegen; die der Nordfriesen ging dagegen zurück.

Eine deutliche Kritik an die Adresse der Gesetzgeber ist im Abschlussbericht nicht zu überlesen: „Die Politik tut ihr Bestes, den Aufschwung zu bremsen. Der Mittelstand wartet auf anerkennende Signale aus Berlin und Kiel“, heißt es dort.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen