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Amokfahrer auf A23 : Unfallopfer klagt Polizei an: „Ich war der Prellbock.“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein Amokfahrer rast mit 200 Stundenkilometern über die Autobahn, die Polizei versucht ihn aufzuhalten, dabei kommt es zum Unfall. Ein Unbeteiligter wird schwer verletzt – weder Land noch Versicherungen helfen.

shz.de von
erstellt am 10.Okt.2015 | 17:55 Uhr

Tiebensee | Noch heute sträuben sich Joachim Epler aus Tiebensee (Dithmarschen) die Nackenhaare, wenn sich vor ihm der Verkehr staut – und hinter ihm Autos angerast kommen: Böse Erinnerungen an einen schweren Unfall, den er im August 2011 auf der Autobahn A23, Anschlussstelle Heide-Süd, erlitten hatte. Mit Schulterbruch, Lungenquetschung und Gehirnerschütterung wurde er danach ins Klinikum Itzehoe gebracht. Die Polizei hatte die Autobahn abgeriegelt, um einen Amokfahrer aufzuhalten, der mit 1,3 Promille, einem nicht versicherten, nicht zugelassenen Opel Vectra und einem Tempo nahe 200 Stundenkilometern von Nordfriesland heran gejagt war. Der hatte schon zuvor Haltezeichen ignoriert und sah vor sich nun die aufgestauten Fahrzeuge, wollte sein Auto auf die Standspur herumreißen und krachte bei dem Manöver am Stauende in Archie Eplers VW-Transporter. Der wurde dabei zerrissen.

Bis in dieses Jahr hinein hat Epler mit seinem Anwalt versucht, die Landespolizei zum Ersatz seiner Schäden und zur Zahlung von Schmerzensgeld heranzuziehen, denn der aus Bredstedt (Nordfriesland) stammende, damals 26-jährige Verursacher ist mittellos und wird zeitlebens im Koma liegen. „Gerechtigkeit sieht anders aus!“, spöttelt der heute 60-jährige Unternehmer, der durch sein Tanzlokal Tiebensee und seinen Zeltbaubetrieb in ganz Schleswig-Holstein bekannt ist.

Er sieht das Land in der Haftung, weil die Polizei den fließenden Verkehr erst rechts ausgebremst und direkt vor der Nase des Amokfahrers mit einem Streifenwagen der Autobahnpolizei Elmshorn auch noch das letzte Schlupfloch – die linke Spur – gestopft hatte. Vor allem jene zwei Beamten, die das gemacht hatten, wollten die Kläger vor Gericht hören.

Kurzzeitig waren die zwei Polizisten sogar von der Staatsanwaltschaft als Beschuldigte geführt worden, weil ihr Verhalten als Auslöser angesehen werden könnte. Aber auch als Zeugen hätten ihre Aussagen vor Gericht hilfreich sein können, argumentieren Archie, wie Joachim Epler alle in der Region nennen, und sein Anwalt.

Die Beamten behaupten bis heute, dass sie davon ausgegangen seien, der Raser sei bereits vor dem Sperrriegel und sie hätten links bloß die Verfolgung aufnehmen wollen. Ihr Auftauchen überraschte jedoch selbst deren Kollegen in der rechten Spur: „Wo kommen die denn plötzlich her.“ Sie müssen geahnt haben, dass es gleich kracht.

Das Land blieb im Laufe der Prozesse vom Landgericht Itzehoe bis zum Oberlandesgericht Schleswig bei seiner Haltung: Die Beamten hätten sich in der Ausnahmesituation korrekt verhalten. Es habe sich auch nicht um einen künstlichen Stau gehandelt, wie die Kläger stets argumentierten (dabei werden Streifenwagen in voller Breite vor den fließenden Verkehr gesetzt und immer langsamer), um von hinten nahende Raser aufzuhalten. Ein Sprecher des Landespolizeiamtes erklärte auf Anfrage von Schleswig-Holstein am Sonntag, dass es dieses Einsatzmittel in Schleswig-Holstein gar nicht gäbe.

Der sei rechtlich auch höchst problematisch, erklärt Frank Müller-Rath. Der heute in Berlin lebende Anwalt hat an der Uni Kiel seine Doktorarbeit über künstliche Staus verfasst und dabei ausdrücklich die Frage nach der Haftung des Staates untersucht. Von unserer Zeitung um eine Einschätzung des Horrorcrashs auf der A23 befragt, erklärt er: „Ein künstlicher Stau ist es nicht.“

Wie der Raser auf der A23 haben Tausende Autofahrer keine Kfz-Versicherung und stehen damit vor der Stilllegung ihres Fahrzeugs. Im Vorjahr waren es allein 875 in Nordfriesland, 510 in Dithmarschen. Kommt es mit diesen Fahrzeugen zu einem Unfall und keiner will am Ende zahlen, springt möglicherweise die Verkehrsopferhilfe ein, ein Zusammenschluss aller Autohaftpflichtversicherer. Für Epler blieb vier Jahre offen, wer für seine Schäden (Fahrzeug, Ersatzkräfte in seiner Firma) aufkommt und Schmerzensgeld zahlt. Der Raser ist mittellos, der Staat verweigert sich. Im Sommer schaltete er die Verkehrsopferhilfe ein, die interessierte sich für den Fall und beglich dem Dithmarscher anstandslos fast alle seine Forderungen und sicherte ihm für Spätfolgen sogar eine Rente zu.

Nur eines kommt auch mit Geld nicht aus der Welt: seine Kritik an dem Polizeieinsatz. „Ich war der Prellbock – dazu hatte ich mich aber nicht freiwillig gemeldet.“
 

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