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Abriss-Arbeiten : Und täglich grüßt der Schaufelbagger

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Margaret Carstensen hat ein Wohnzimmer mit besonderer Aussicht: Direkt darunter liegt Husums derzeit größte Baustelle.

Wohnen auf der Baustelle? „Nicht ganz“, sagt Margaret Carstensen. Aber viel fehlt nicht, denn das Haus, in dem die Mitarbeiterin einer Husumer Steuerberaterkanzlei wohnt, ist gleichsam das letzte rund um das Gelände des einstigen Hertie-Komplexes und des früheren Parkhauses, das noch steht. Der Rest wurde bereits entsorgt oder ist in den gewaltigen Schuttmengen aufgegangen, die sich dahinter auftürmen.

Seit 21 Jahren wohnt Margaret Carstensen in der Schlossstraße. Und wenn es nach ihr und ihrer Vermieterin geht, soll das auch gern noch ein Weilchen so bleiben – Großbaustelle hin, Großbaustelle her. Die gehört gewiss zum Gewaltigsten, was der Innenstadt in den vergangenen Jahrzehnten widerfahren ist. Und wie so viele hofft auch Margaret Carstensen darauf, dass die neue Shopping-Mall am Ende erfüllen kann, was sie verspricht. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Und den haben derzeit Bagger und anderes schweres Gerät fest im Griff. Ein Kettenfahrzeug rollt bedrohlich scheppernd auf Carstensens Balkon zu, kommt aber kurz davor zum Stillstand und wechselt die Schaufel. „Ist schon spannend zu sehen, was hier jeden Tag passiert“, sagt sie und gesteht, mit einer Freundin so manchen Nachmittag zugeschaut zu haben. Hinter verschlossener Balkontür – logisch, „sonst versteht man ja sein eigenes Wort nicht“. Und ständig Staub zu inhalieren, ist auf die Dauer ja auch nichts. Nicht, dass die Baustelle sie in ihrem Innersten störte, räumt Carstensen ein. „Die Aussicht war vorher ja auch nicht so prall und das Hertie-Gelände sowieso alles andere als ansehnlich.“ Aber wenn es irgendwann vorbei ist, wird sie ihr gewiss nicht nachtrauern.

Dennoch: Von ihrem Logenplatz hat Casrstensen fast jeden Tag Fotos gemacht. „Die werde ich dann zu einer kleinen Dokumentation zusammenstellen.“ Lärm und Staub nimmt sie sportlich, wenngleich sie für den Dreck mehr Energie aufbringen muss als für den Lärm. Wenn es zu laut wird, schließt sie einfach die Tür. „Dann geht’s“. Aber gegen den Dreck war vor allem zu Beginn kein Kraut gewachsen. „Als das Parkhaus fiel, wollte ich auf den Balkon und Fotos machen“, berichtet Carstensen. „Keine Chance. Da zogen dichte, weiße Wolken übers Gelände, und du konntest die Hand vor Augen nicht sehen. Auch ans Atmen war nicht zu denken.“ Zwei eingeschränkte lebenswichtige Körperfunktionen – das ist einfach eine zu viel. Also zurück ins Haus und Tür zu.

Über die „Entschädigung“ für ihren Langmut und ihre Geduld kann Margaret Carstensen nur müde lächeln: eine Bratwurst und ein Getränk bei der Abrissparty. „Mit ner Putzkolonne für unsere Fenster oder einem Gutschein für die Autowaschanlage hätten wir mehr anfangen können“, sagt sie. „Aber egal.“

Wie oft sie seit Baubeginn die Außentreppe und ihren Balkon gesäubert hat, weiß Margaret Carstensen nicht mehr. Und das – wie geplant – in nur vier Wochen mit dem Bau der Shopping-Mall begonnen werden soll, kann sie mit Blick auf das Geschehen unter ihrem Balkon auch nicht recht glauben. Aber das ist eine andere Baustelle.

Apropos: „In der Commerzbank möchte ich derzeit nicht arbeiten müssen“, sagt sie und verweist auf den wahrscheinlich fragilsten Teil der Abrissarbeiten. Übrigens: Sie selbst nimmt jetzt erst einmal ein paar Tage Urlaub von „der Baustelle“. Aber wohl kaum genug, als dass die nicht mehr da wäre, wenn sie zurückkehrt.

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erstellt am 06.Apr.2017 | 07:45 Uhr

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