Weiterer Schutzzaun gegen Wölfe auf Eiderstedt : Umweltminister Jan Philpp Albrecht stellt sich dem geballten Zorn der Schafhalter

Schutzzäune sollen Wölfe abhalten.

Schutzzäune sollen Wölfe abhalten.

Alleine auf der Halbinsel wurden 24 Wolfrisse registriert. Der neue Zaun soll eine Fläche von vier Hektar schützen.

Kay Müller von
11. Oktober 2018, 21:42 Uhr

Oldesnswort | Für Helge Hinz steht eines schon vorher fest. „Das ist doch Kasper-Kram hier“, schnaubt der Vorsitzende des Landesverbandes der Schaf- und Ziegenzüchter. Er steht auf einer Wiese in Oldenswort (Kreis Nordfriesland) und schaut kritisch auf den rund ein Meter hohen Zaun aus Plastikstangen und elektrischen Drähten, vor dem sich Umweltminister Jan Philipp Albrecht (Grüne) medienwirksam aufgebaut hat. Der Zaun soll Wölfe davon abhalten, auf Schafweiden Tiere zu reißen. Allein: Die versammelten Schäfer glauben das nicht – und machen ihrem Ärger lautstark Luft. „Alles Show“, sagt Hinz.

Es ist die erste harte Bewährungsprobe für den neuen Umweltminister. In praller Sonne steht ihm eine wütend schimpfende Menge gegenüber. „Der Wolf kann locker vier Meter hohe Hindernisse überwinden“, sagt einer. „Das Ding hier bringt gar nichts“, meint eine Frau.

Seit Anfang Mai wurden in Nordfriesland 43 potenzielle Wolfsrisse gemeldet. Auf Eiderstedt konnte in 24 Fällen ein Wolf nachgewiesen werden. „Ich weiß, dass das hier ein Problem für Sie ist“, sagt Albrecht, der versucht, die aufgebrachten Schafhalter zu beruhigen, von denen einige um ihre Existenz fürchten – obwohl das Land sie bei nachgewiesenen Wolfsrissen entschädigt. Er hält die Zäune für wirksam. „Und wenn da ein Wolf drübergehen sollte, haben wir eine Möglichkeit, über eine Entnahme zu reden“, sagt der Minister. Denn der Wolf ist laut EU-Recht geschützt, nur auffällige Tiere dürfen geschossen werden. „Einfach so abknallen ist nicht möglich, deswegen müssen Sie das hier ein Stück weit ertragen“, sagt Albrecht.

Das ist nicht das, was die Tierhalter hören wollen. Auch nicht, dass es vier oder fünf Jahre dauern könnte, das EU-Recht zu ändern, wie der Minister sagt. „Wir wollen die Wildnis und die Artenvielfalt bewahren“, sagt der Minister.

Eine Frau dreht sich da schon weg. „Er versteht es einfach nicht“, sagt sie. Die Tierhalter wollen den Wolf nicht wieder ausrotten, aber sie wollen ihn weg haben aus Eiderstedt, weg von ihren Schafen, die auf den Weiden grasen und die Deiche stabil halten. Für sie ist der „günstige Erhaltungszustand“ des Wolfes in Schleswig-Holstein längst erreicht – wie es im Amtsdeutsch heißt. Sprich: Erst wenn sich der Wolf etabliert hat, kann man über eine Bejagung verhandeln. Wann das der Fall ist, das müssten Experten beurteilen, das sei keine politische, sondern eine fachliche Frage, meint Albrecht.

„Wir wollen Ihnen aber schon jetzt helfen und investieren dafür viele Hunderttausend Euro. Wir tun alles, was wir können, um ihnen zu helfen.“ Das schleswig-holsteinische Wolfsmanagement sei in anderen Ländern sehr anerkannt. Dort ist aber auch der Zorn mancher Landwirte größer. In Brandenburg etwa gibt es schon über 20 Rudel. „Vor ein paar Jahren hatten wir auch nur einzelne Tiere, Sie glauben nicht, wie schnell die sich ausbreiten. Das, was wir an Rissen haben, werden Sie im Norden auch bald erleben“, sagt der Geschäftsführer des Bauernbunds Brandenburg, Reinhard Jung, der aus Schleswig-Holstein stammt. „Es gibt keinen wirksamen Schutz vor dem Wolf – außer das Gewehr.“

Albrecht sagt, dass es für den Abschuss des Wolfes derzeit keine Mehrheit gebe. „Ich bin ja auch nicht der Alleinentscheider.“ Immer wieder versucht er, den Tierhaltern, mit denen er in den Wochen seit seinem Amtsantritt schon mehrfach gesprochen hat, klarzumachen, dass ihm die Hände gebunden sind. Doch das Geschimpfe hört nicht auf, auch die persönlichen Angriffe nicht. Man fragt sich, wie sein Vorgänger Robert Habeck, der Albrecht das Wolfs-Problem hinterlassen hat, mit so einer Situation umgegangen wäre. Vermutlich ähnlich ruhig, aber vielleicht hätte er versucht, den Tierhaltern mehr Hoffnung zu geben, dass er sich für ihre Belange stärker einsetzen wird.

Als Albrecht für die Kameras ein paar Drähte am mobilen Wolfschutzzaunes befestigt, schaut sich der Sprecher der Bürgerinitiative „Wolfsfreies Eiderstedt“, Peter Th. Hansen, das aus der Entfernung an. Sechs Mal habe ein Wolf im Juni und Juli seine Tiere auf der Weide angegriffen, erzählt er, 13 Schafe starben. Er weiß, dass Albrecht nicht alles sofort ändern kann, aber er fordert mehr Engagement. „Denn ich will nicht, dass wir in die Illegalität gezwungen werden.“ Sprich, dass die Tierhalter selbst zum Gewehr greifen. Und bedroht ihn der Wolf in seiner Existenz? Hansen überlegt kurz und sagt dann: „Wir Eiderstedter haben in der Geschichte schon so viel überstanden, da überstehen wir auch den Wolf.“

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen