Bauern in Not : Trotz Gülle-Lagunen: „Die Lage ist dramatisch“

Die Lagerkapazitäten sind bis zum Anschlag ausgereizt: Thomas Kühl mit Mischlingshündin Ida vor einem Pumpen-Schacht am Stall.
Foto:
Die Lagerkapazitäten sind bis zum Anschlag ausgereizt: Thomas Kühl mit Mischlingshündin Ida vor einem Pumpen-Schacht am Stall.

Das Gülle-Problem treibt Landwirte wie Thomas Kühl an ihre Grenzen – weder Not-Lagunen noch Biogasanlagen können wirklich helfen.

von
24. Januar 2018, 10:30 Uhr

Ostenfeld | Morgens um 5.30 Uhr klingelt bei Thomas Kühl der Wecker. Anziehen – und dann geht es in den Stall, um zu melken und die Kälber zu füttern. Danach blickt der Landwirt in der Regel das erste Mal auf die Wetter-App seines Mobiltelefons. Denn seit Wochen schaut der erfahrene Landwirt sorgenvoll auf seine Felder, in deren Furchen das Wasser steht. Und die Gülle, die steht ihm und seinen Kollegen so langsam bis zum Hals.

Seit Wochen bekommen die Landwirte die Gülle nicht auf die Felder, weil der Boden nach so vielen Niederschlägen vollkommen aufgeweicht ist. Die schweren Trecker-Güllefass-Gespanne würden den Äckern und Wiesen tiefe Schäden zufügen oder sich festfahren.

„Die Lage ist dramatisch“, sagt Thomas Kühl, der gemeinsam mit Sohn Hans-Christian in Ostenfeld einen Hof mit rund 200 Milchkühen bewirtschaftet. „Noch 14 Tage, dann ist unsere Lagerkapazität vollkommen ausgeschöpft.“ Die Niederschlagsmenge liegt im Jahr durchschnittlich bei 800 Millimetern pro Quadratmeter, 2017 waren es rund 1200 Millimeter. „Unsere Güllelagune ist 3,50 Meter tief. Allein ein Meter davon ist Regenwasser. Also ein Drittel.“ Der Hof Hoffnung der Familie Kühl liegt auf der Geest. „Das geht ja noch. Die Bauern, die ihre Flächen in der Marsch oder der Treene-Niederung haben, haben noch viel mehr unter der Feuchtigkeit zu leiden“, macht der Ostenfelder deutlich.

Nach einem Notfallplan des Landwirtschaftsministeriums dürfen Bauern vorübergehend Lagunen bauen, in denen sie die Gülle zwischenlagern. Was der Bauernverband verhandelt habe, sei zwar vom Ansatz her gut, ließe sich in der Praxis aber kaum umsetzen, so Kühl. Erstens koste der Bau einer Lagune – selbst wenn es eine provisorische ist – Tausende Euro, und zweitens „wüsste ich nicht, wo ich bei uns noch buddeln sollte“. Bislang seien dem Bauernverband Schleswig-Holstein zufolge nur neun Notlager mit einem Gesamtvolumen von rund 1000 Kubikmetern errichtet worden – und zwar in den Kreisen Dithmarschen, Rendsburg-Eckernförde, Steinburg und Schleswig-Flensburg.

Ein Feld mit Wintergetreide steht bei Großhansdorf unter Wasser.
Foto: Markus Scholz, dpa

Ein Feld mit Wintergetreide steht bei Großhansdorf unter Wasser.

 

Wie viele Bauern nutzt die Familie Kühl die Möglichkeit einer Fristverschiebung bei der Gülleausbringung. Dafür stoppte der 57-Jährige im Herbst diese zwei Wochen früher, um schon Mitte Januar wieder damit anzufangen. Doch das nützt ihm in diesem Jahr wenig. „Wir standen alle in den Startlöchern. Aber am 16. Januar war es total verregnet. Da ging gar nichts.“ Sie würden sich schon über vier oder fünf trockene Tage am Stück freuen, erklären Thomas und Hans-Christian Kühl unisono. „Da kann man schon was wegschaffen.“ Von Tag zu Tag verschärfe sich die Situation weiter, berichten die beiden. „Unsere Lagerkapazitäten sind bis zum Anschlag ausgereizt. So eine Situation haben wir noch nie gehabt.“

Das bestätigt auch ein Berufskollege, der bei Viöl eine Biogasanlage mit einer Leistung von 440 Kilowatt betreibt. Mindestens 30 Prozent Gülle müssen in so einer Anlage verwertet werden, so schreibt es das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) vor. Doch auch er könne den Bauern keine zusätzliche Gülle mehr abnehmen. „Die Anlage läuft Tag und Nacht und ist mehr als ausgelastet“, erklärt er und glaubt ebenfalls nicht, dass Not-Lagunen das Problem lösen. „Ich kenne kaum einen Standort, wo einem das Wasser beim Bau so einer Anlage nicht gleich entgegen kommt.“ Zur Erklärung: Bei der Wahl des Standorts sind Mindestabstände zu Gewässern und die Höhe des Grundwasserspiegels zu beachten. Die Nutzung ist auf sechs Monate begrenzt, dann muss der Rückbau erfolgen.

Und was passiert, wenn in den kommenden Wochen das Wetter nicht besser wird? „Dann müssen wir von Tag zu Tag und von einer trockenen Stelle zur nächsten ausbringen“, sagt Kühl. Er habe mit seinen Berufskollegen schon viel über Alternativen gesprochen. „Soweit es geht, versuchen wir uns gegenseitig zu helfen. Wenn ich zum Beispiel mit Gülle übervoll wäre, wüsste ich jemanden, der mir für eine Woche aushilft.“ Denkbar wäre auch, mit dicken Schläuchen zu arbeiten, um nicht mit Fahrzeugen auf die Felder zu müssen. Auch über zugeschweißte Übersee-Container habe man diskutiert. „Aber das ist reine Theorie“. Zunächst einmal hoffe er auf einen Wetterumschwung in den nächsten Wochen. Nicht umsonst heiße sein Hof Hoffnung.
 

zur Startseite

Kommentare

Leserkommentare anzeigen