Leser-Wahl: Menschen des JAhres : Trainingseinheiten auf der Baustelle

Der Verein steht hinter ihm: Thorsten Schulze freut sich über den starken Rückhalt der Spartenleiter und des Vorstands.
Der Verein steht hinter ihm: Thorsten Schulze freut sich über den starken Rückhalt der Spartenleiter und des Vorstands.

TSV-Hattstedt-Vorsitzender Thorsten Schulze organisierte den behindertengerechten Umbau eines Hauses für ein Vereinsmitglied. Die beispielhafte Aktion des 45-Jährigen sorgte landesweit für Aufsehen.

23-1861327_23-54833104_1381228557.JPG von
08. November 2013, 12:00 Uhr

Er ist Sportler, ein bekennender Mannschaftsspieler. Das Team steht im Vordergrund – nicht er. Und deshalb ist es ihm sogar ein wenig unangenehm, als Kandidat für die Wahl zum „Mensch des Jahres“ im Mittelpunkt zu stehen. Thorsten Schulze ist seit zehn Jahren Vorsitzender des TSV Hattstedt. Unter seiner Federführung haben Vereinsmitglieder eine Hilfsaktion ins Leben gerufen, die in den zurückliegenden Monaten landesweit ihresgleichen sucht: Für ihren verunglückten Fußballtrainer Kay Eckmann erstellten sie innerhalb von neun Monaten einen behindertengerechten Anbau und ermöglichen dem treuen Vereinsmitglied damit weiterhin ein Leben im Kreise seiner Lieben.

Die Eckmanns sind Bestandteil des TSV Hattstedt: Kay und Levke mit ihren Töchtern Christin, Lena und Sina engagieren sich seit gefühlten Ewigkeiten im Verein. Als Kay (41) eines Abends nach dem Training auf seinem Grundstück so unglücklich stürzt, ändert sich das Leben der in Husum lebenden Familie von einer Minute zur anderen. „Zunächst dachten wir alle, dass das schon wieder werden wird“, erinnert sich Thorsten Schulze. Doch schon wenig später sollte sich herausstellen, dass der Jugend-Fußballtrainer querschnittsgelähmt bleiben wird.

Ein Schock. Nicht nur für Kay Eckmann und seine Familie, sondern auch für all diejenigen, mit denen der bis dahin aktive und engagierte Sportler zu tun hatte. „Ohne Kay geht das alles nicht“, fasst Thorsten Schulze die Meinung vieler Vereinskameraden zusammen, die zu jener Zeit eigentlich mit ihrem Kumpel das vereinsinterne Oktoberfest feiern wollten. „An dem Abend standen wir alle wie blöde im Zelt. Kay war das einzige Thema – niemandem war nach feiern zumute.“

Was jedoch alle Anwesenden einte, war der unbedingte Wille, zu helfen. „Das waren wir Kay schuldig. Er hat viel für den Verein getan – ein Stück davon wollten wir ihm zurückgeben.“ Doch wie? Als feststand, dass Kay Eckmann gelähmt sein würde, aber sein Haus alles andere als barrierefrei war, wussten alle, was zu tun war. Das Eigenheim in Husum musste behindertengerecht umgebaut werden, andernfalls hätte Kay Eckmann ins Pflegeheim gemusst.

Thorsten Schulze – von Haus aus Projektentwickler in der Immobilienbranche – scharte eine Handvoll Leute um sich und gründete eine Arbeitsgruppe. „Wir haben alle Gewerke in unseren Reihen. Das muss zu schaffen sein“, sagte der 45-Jährige und schwor seine Truppe auf das gemeinsame Ziel ein. Tischler, Maurer, Zimmerleute, Maler, Elektriker und jede Menge Bauhelfer stellten sich in den Dienst der guten Sache. „Allein hätten die Eckmanns das nicht geschafft“, sagt Schulze. Rund 84 000 Euro mussten aufgetrieben werden, um das Vorhaben zu realisieren. „Bei einer solchen Summe kann man nicht von Haustür zu Haustür gehen“, war dem Initiator klar. Deshalb ging der Verein an die Öffentlichkeit.

Der Schleswig-Holsteinische Zeitungsverlag (sh:z) berichtete landesweit über das Schicksal der Familie. Nach Erscheinen des Zeitungsartikels stand Schulzes Telefon nicht mehr still. Unzählige Schleswig-Holsteiner boten finanzielle und materielle Unterstützung an. „Da wusste ich, dass wir unser großes Ziel erreichen werden“, erinnert sich der TSV-Vorsitzende und zweifache Familienvater. Aus allen Landesteilen kam Hilfe. So wurde ein riesiges Zelt zur Verfügung gestellt, damit auch in der kalten Jahreszeit gebaut werden konnte. Sogar Diesel wurde gespendet, um es zu beheizen. Unterstützung kam aus dem Süden der Republik: Der FC Bayern München spendete beispielsweise 2000 Euro. Und viele weitere Unternehmen, Privatpersonen und Vereine halfen, das große Ziel zu erreichen. „Wir mussten bis Ostern fertig werden. Kay sollte bis dahin aus dem Krankenhaus entlassen werden“, erzählt Thorsten Schulze. Andernfalls drohte das Pflegeheim. Doch genau das wollten der Vereins-„Präsident“ und seine Mitstreiter verhindern. „Das war für uns Motivation genug.“

Dass es letztlich nicht soweit gekommen ist, ist Thorsten Schulze und den zahlreichen freiwilligen Helfern zu verdanken. Stunden um Stunden wurden investiert – alles nebenbei in der Freizeit. „Ich habe darüber nie nachgedacht. Ich hab’ es einfach durchgezogen“, sagt Schulze, der neben seinem Beruf und der TSV-Tätigkeit zu jener Zeit auch noch ehrenamtlich im nordfriesischen Kreistag saß. „Es war das schnellste Dreiviertel-Jahr meines Lebens“, sagt der „Mensch des Jahres“-Kandidat rückblickend.

Seit Ostern wohnt Kay Eckmann nun in seinem barrierefreien Domizil. Dank eines elektrischen Rollstuhls ist er sogar einigermaßen mobil. Auch im TSV Hattstedt engagiert er sich wieder: als Beisitzer im Vorstand und als Co-Trainer einer Jugendmannschaft. Außerdem wird er künftig den Internetauftritt des Vereins pflegen. Er ist wieder zu Hause bei seiner Familie, bei seiner Frau Levke und den Töchtern Christin, Lena und Sina – und dem TSV Hattstedt.

zur Startseite
Karte

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen