Verein Jordsand : Tragischer Tod im Wattenmeer

Wann immer Hans-Heinrich Petersen auf Hooge ist, besucht er die Grabstelle von Jens Sörensen Wandt. Foto: hn
Wann immer Hans-Heinrich Petersen auf Hooge ist, besucht er die Grabstelle von Jens Sörensen Wandt. Foto: hn

Vogelwärter Wandt ertrank - Begleiter macht sich bis heute Vorwürfe, dass er den "Vogelkönig von Norderoog" seinen eigenen Weg gehen ließ.

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28. Januar 2011, 08:54 Uhr

Joldelund | Das Unglück ist über 60 Jahre her, aber Hans-Heinrich Petersen aus Joldelund kann den legendären Vogelwart von der Hallig Norderoog, Jens Sörensen Wandt, einfach nicht vergessen. Immer wieder holt ihn die Erinnerung an dessen tragischen Tod im Watt am 26. Mai 1950 ein. Als 18-jähriger hatte der Joldelunder die letzten Stunden des Vogelwartes und die Zuspitzung der Situation miterlebt. Immer wieder stellt er sich seitdem die Frage: "Hätte ich energischer sein müssen?"

So, als wäre es eben erst gewesen, kann sich Petersen an die Schicksalsnacht erinnern. Vorausgegangen waren vier unvergessliche Tage auf der Hallig Norderoog, in denen er den - wie er ihn beschreibt - sturköpfigen, eigenwilligen Vogelschützer kennen und schätzen lernte. So manchen Eier-Dieb hatte der Naturfreund Wandt mit unkonventionellen Methoden und seiner Muskelkraft verjagt. Die Eier seiner gefiederten Freunde waren damals als Delikatesse sehr begehrt. Auch Petersens Freund Otto Kraft war damals, bei dem besagten viertägigen Aufenthalt auf dem Eiland, mit dabei. Dessen Eltern hatten die Tour eingefädelt, denn sie kannten Wandt und wussten, wie ihr Sohn und dessen Freund die Natur lieben.

Petersen schildert das Ereignis bei der Rückkehr aufs Festland so: "Mein Freund und ich und Rolf Venzl, ein Hobby-Ornithologe, brachen am Freitagmorgen um 1.30 Uhr auf. Wir gingen durch das Watt nach Hooge. Wir mussten um vier Uhr das Post-Schiff zum Festland erreichen. Jens Wandt führte uns." Bald habe er anhand seines Kompasses gemerkt, dass Wandt viel zu weit nach rechts marschierte, nämlich direkt auf das Rummelloch mit seiner lebensgefährlichen Strömung zu. "Wir konnten ihn Gott sei Dank umstimmen. Nach fast zwei Stunden erreichten wir glücklich Hooge und das Schiff", berichtet er. Kaum angekommen, stritten sich Venzl und Wandt. Der Hobby-Ornithologe Venzl, der auf Norderoog einen Film drehte, hatte vorgeschlagen, das Niedrigwasser und die Helligkeit abzuwarten. "Wir schlugen uns auf Venzls Seite und gaben unseren Senf dazu, aber Wandt ignorierte uns", so Petersen. Er wollte unbedingt zurück. Wieder schlug er einen falschen Kurs ein. An einem Priel trennte sich Venzl schließlich und ging - nach einem erneuten Streit - den direkten Weg zurück.
Während Venzl mit Hilfe eines Kompasses schon nach 300 Metern auf Norderoog ankam, hatte Wandt keine guten Karten. Er musste sich der rasch auflaufenden Flut geschlagen geben. Er konnte sich nur noch auf einen erhöhten Punkt retten. Nach den Aufzeichnungen Venzls schlug Wandt bei eintretender Ebbe den Weg nach Hooge ein. Doch plötzlich war er aus Venzels Blickfeld verschwunden. Wandt kam nie auf Hooge an. Am nächsten Morgen wurde seine Leiche 150 Meter nördlich von Norderoog angeschwemmt.
Vogel-König von Norderoog

Jens Sörensen Wandt hatte mit Unterbrechungen von 1909 bis zu seinem Tod im Dienste des Vereins Jordsand auf Norderoog gearbeitet. "Man nannte ihn den Vogel-König von Norderoog", so Petersen. Besonders in Fachkreisen hatte sich der Vogelwart Respekt und Anerkennung verschafft. Unter anderem besuchte ihn Heinz Sielmann, um einen Film über die Vogelwelt zu drehen.

Als noch lebender Zeitzeuge wurde Hans-Heinrich Petersen kürzlich auf die Hallig eingeladen. Das empfand er als eine besondere Ehre. Vor allem die jungen Leute, die im Dienst des Vereins Jordsand stehen oder ein freiwilliges ökologisches Jahr machen, wollten von ihm alles wissen über die Geschichte des legendären Vogelwartes. "Das hat mich beeindruckt", so Petersen. Höhepunkt und würdiger Abschluss dieses Treffens war der Besuch des Wandt-Grabes auf Hallig Hooge.

"Vielleicht hätten wir uns damals mehr Gehör verschaffen müssen. Aber wir waren noch jung", sinniert der Joldelunder und bemüht sich nicht, seine Rührung zu verbergen. Eine Schwalbe soll Wandt während der Trauerfeier in der Hooger Kirche einen letzten Gruß aus der Vogelwelt geschickt haben. Sie hatte nach Erzählungen über dem Sarg gekreist, bevor die Predigt begann.

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