Von wegen unberührte Natur : Tonnenweise Abfall aus dem Meer

Vor dem schönen Friesenhaus auf Süderoog stapelt sich der Abfall aus dem Meer.
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Vor dem schönen Friesenhaus auf Süderoog stapelt sich der Abfall aus dem Meer.

Auf der Hallig Süderoog erfahren die Bewohner beinahe täglich: Müll im Meer ist kein Problem, das es nur in fernen Regionen in den Ozeanen gibt.

shz.de von
23. Mai 2018, 11:47 Uhr

Luftballons für Töchterchen Fenja muss Holger Spreer wohl niemals kaufen. Die muss er nur einsammeln, schließlich werden sie auf der Hallig Süderoog in Massen angeschwemmt: „Einmal hingen sogar noch Luftpost-Grüße von einer Hochzeit dran. Ein anderes Mal war es die Karte von einem Luftballonwettbewerb – nur lag der Einsendeschluss leider schon fast ein Jahr zurück.“ Spreer und seine Partnerin Nele Wree leben mit ihrer Tochter auf dem kleinen Eiland im Nationalpark Wattenmeer. Doch „unberührte Natur“ gibt es dort nicht mehr. Mehrmals in der Woche gehen beide an der Hallig-Kante entlang und sammeln Müll. „Mit Frontlader und Trecker - sonst schleppt man sich tot.“ Mehrere Tonnen Abfall sammeln sie so jedes Jahr.

Die Müll-Flut trifft jedoch nicht nur Süderoog. „Das sieht man überall an der Küste“, weiß Spreer. Nach Schätzungen des Naturschutzbundes gelangen jedes Jahr rund 20.000 Tonnen Müll in die Nordsee: größtenteils verursacht durch Schifffahrt und Fischerei.

Die Reste einer Wegwerf-Gesellschaft treiben mit den Strömungen von Ebbe und Flut durch das Wattenmeer und werden vom Wind an Land getragen. Bei Zählungen seien in der Vergangenheit „durchschnittlich 712 Müllteile pro 100 Meter Küstenlinie“ entdeckt worden, heißt es vom Naturschutzbund. „Das Müllsammeln ist zum Teil eine sehr ätzende Arbeit“, sagt Spreer und sucht weiter in einem Spülsaum-„Teppich“ nach Plastik und anderem Abfall.

Er findet Eimer und Fisch-Kisten, einen Schwung nagelneuer Einweg-Rasierer und den Wetterballon eines Meteorologen. „Auch Ölkanister mit Restinhalt sind keine Seltenheit. Wenn sie aus Blech sind, ist das besonders ungünstig. Dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis das Salzwasser sie zerfrisst und das Öl ins Meer gelangt.“ Oft seien auf den Dosen noch Gefahrenhinweise zu entdecken – von „Ätzend“ bis „Giftig“ oder einfach nur ein Totenkopf. „Einmal hatte sich ein 200-Liter-Fass mit einem unbekannten flüssigen Inhalt in den Buschlahnungen verfangen.“ Alte Kaffee-Pads, Taue und Tüten gehören zum ständigen Müll, der auf Süderoog anlandet – unversehrte Verpackungen mit Instant-Snacks sind ebenfalls keine Seltenheit: „Verhungern müsste man hier nicht“, scherzt Holger Spreer.

In seinem Müll-Lager auf Süderoog stapelt sich ein Sammelsurium: vom fingernagelgroßen Styropor-Stückchen bis zum großen Seezeichen, das sich losgerissen hat.

Ist auf der Hallig kein Platz mehr, schippert Spreer den Abfall nach Pellworm. „Dort wird der Meeresmüll beim Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz gesammelt und dann zur weiteren Entsorgung aufs Festland verschifft.“

Nicht immer sei das Treibgut aus dem Meer harmlos. „Manchmal sind die Fundstücke auch ein Fall für den Kampfmittelräumdienst“, berichtet Holger Spreer. „Auf dem Weg nach Nordstrand fischte ich einmal ein Netz auf. Beim Hochholen bemerkte ich etwas Schweres und Verrostetes“, erinnert er sich. „Es war ein mulmiges Gefühl, denn ich konnte nicht genau erkennen, ob es eine mannsgroße Gasflasche war oder vielleicht eine Bombe.“ Da man mit solch einem Fund nicht einfach in einen Hafen einlaufen darf, musste Spreer per Telefon die Wasserschutzpolizei und den Kampfmittelräumdienst alarmieren. Letztlich gab es Entwarnung – es war keine Bombe. „Doch es wäre naiv gewesen, ohne es abgeklärt zu haben, in den Hafen einzulaufen. Wenn dann etwas passiert, hast du als Kapitän die Arschkarte.“

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