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Analyse fürs Klinikum : Tönninger Krankenhaus hat keine Zukunft

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO stellte ihr Gutachten zur Schieflage des Klinikums Nordfriesland vor – ein Ergebnis: Das Niebüller Haus ist auf einen Sicherstellungszuschlag angewiesen.

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erstellt am 04.Mär.2016 | 06:30 Uhr

Aus für die Tönninger Klinik bei gleichzeitiger Ausweitung des medizinischen Versorgungszentrums, Weiterbetrieb des Niebüller Krankenhauses ohne große Veränderungen – unter der Voraussetzung, dass die Krankenkassen einen Sicherstellungszuschlag gewähren. Das sind die einschneidendsten Empfehlungen, die dem Kreis als Träger des hoch defizitären Klinikums Nordfriesland nun offiziell auf dem Tisch liegen.

Gewonnen hat diese Erkenntnisse die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO, die am Donnerstag, 3. März; im Husumer Kreishaus auftragsgemäß ihre Machbarkeits- und Wirtschaflichkeitsanalyse vorstellte. Das mediale Interesse an diesem auf die Handlungsempfehlungen von Gutachter Karl-Heinz Vorwig draufsattelnden Zukunftskonzept war so groß, dass Dieter Harrsen bei der Pressekonferenz regelrecht ins Staunen geriet: „Einen solchen Andrang habe ich in meiner bislang achtjährigen Amtszeit noch nicht erlebt.“ Aber, so der Landrat, es gehe ja schließlich auch um die Frage einer angemessenen medizinischen Versorgung, die sich deutlich mehr als in der kostenträchtigen Vergangenheit den strukturellen Vorgaben und vorgegebenen Budgets anpasst. „Es gibt nun mal Rahmenbedingungen, die sich für kleinere Krankenhäuser in Zukunft noch verschärfen“, so Harrsen. Nordfriesland sei der einzige Kreis in Schleswig-Holstein, der seine Kliniken – neben einer Bürgschaft in Höhe von acht Millionen Euro – mit einem Betriebskostenzuschuss (4,5 Millionen Euro für zwei Jahre) ausstattet.

Um den Konkurs abzuwenden, hat BDO der betriebswirtschaftlichen Prüfung Vorwigs einen weiteren Blickwinkel hinzugefügt: die medizinische Versorgung im ländlichen Raum, die zurzeit von den vier Kreis-Kliniken in Husum, Tönning, Niebüll und Wyk auf Föhr mit insgesamt 405 Betten und 1500 Mitarbeitern sichergestellt wird.

„Unsere Kernthemen“, so erklärte BDO-Projektleiter Frank Jantzen, „waren dabei die Standorte Niebüll und Tönning.“ Letztgenannte Einrichtung ist so defizitär, dass die Schließung kaum zu vermeiden sein werde. Dadurch verbessere sich das Ergebnis der gemeinnützigen Gesellschaft um rund 700.000 bis 800.000 Euro. Zwar ergab die Prüfung einer grundsätzlichen Alternative, dass sich das kleine Krankenhaus auf die Innere Medizin konzentrieren und zusätzlich eine Geriatrie-Abteilung aufbauen könnte – doch selbst dann sei Tönning „ein Verlustbringer, der das gesamte Unternehmen mit rund einer halben Million Euro jährlich belasten würde“.

Was Niebüll angeht, so rät BDO zu einem Ausbau der geriatrischen Kapazitäten. Die Chirurgie soll nicht in eine Tages-Abteilung umgewandelt, sondern erhalten werden – ebenso wie der Hals-Nasen-Ohren-Bereich. Die Entfernung zu den nächsten Geburtskliniken mache eine Gynäkologie mit Geburtshilfe in Niebüll erforderlich. Künftige Qualitätsanforderungen stellen laut Jantzen allerdings ein erhebliches Risiko dar. „Die Versorgungsnotwendigkeiten in Niebüll sind unstrittig“, fasste Kreispräsident Heinz Maurus diesen Aspekt der Expertise zusammen. Es gehe also darum, in Verhandlungen mit dem Land das Defizit bei den Betriebskosten zu drücken. „In diesem Zusammenhang haben wir bereits vor zwei Jahren in Kiel um einen Sicherstellungszuschlag geworben – das Gutachten verleiht dem Antrag nun neues Gewicht“, fügte Landrat Harrsen hinzu.

Eine weitere, in eine ganz andere Richtung gehende Möglichkeit, die Zukunft der Kreis-Krankenhäuser zu sichern, haben die Wirtschaftsprüfer zwar auf dem Schirm, aber nicht im Detail durchgerechnet. Denn das, so Jantzen, hätte den Rahmen gesprengt. Statt die in die Jahre gekommenen Kliniken fortwährend mit erheblichem Aufwand instand zu halten, könnte der Kreis alle drei Festlands-Standorte aufgeben und im Raum Bredstedt für mehr als 65 Millionen Euro einen modernen Neubau in optimaler Größe hochziehen. Der würde nach Auffassung der BDO nicht nur die Einhaltung der künftigen Qualitätsvorgaben erleichtern, sondern auch die Wirtschaftlichkeit verbessern. „Eine strategische Option, über die ernsthaft nachzudenken ist“, so Harrsen.

Laut Maurus liegen dem Kreistag nun ausreichend Erkenntnisse vor, um am 23. März „eine Entscheidung zu treffen und mit dem Land und den Kassen an einer Lösung zu arbeiten“. Das gemeinsame Ziel sei, eine qualitativ hochwertige Versorgung der Bevölkerung in Nordfriesland sicherzustellen.

Mit gemischten Gefühlen aufgenommen

Noch bevor die Beratungen über das gestern veröffentlichte BDO-Klinik-Gutachten in den Fraktionen und  Ausschüssen des Kreistages so richtig angelaufen sind, geht es erst einmal in Klausur. In der Nordsee-Akademie in Leck treffen sich am Wochenende Kreispräsident, Landrat, Mitglieder des Hauptausschusses und  die gesundheitspolitischen Sprecher der Fraktionen mit den Machern der Wirtschaftlichkeitsanalyse zu einem internen Workshop. Dabei sollen ihre Erkenntnisse zur Zukunft des Klinikums Nordfriesland vertieft und erste Einschätzungen ausgetauscht werden.

Als positiven Beitrag zur Sanierung des Klinikums werten die Sozialdemokraten das vorgelegte Gutachten.  Insgesamt biete es eine gute Grundlage, um tatsächlich  am 23. März in Kreistag und Gesellschafterversammlung zu grundsätzlichen  Entscheidungen zu kommen. „Das ist auch nötig, denn die Hängepartie,  die derzeit Patienten und Beschäftigte  des Krankenhauses erleben, muss schnellstens beendet werden“, erklärte der Chef der SPD-Kreistagsfraktion, Thomas Nissen. Leider sei es auch nicht überraschend,  dass die von BDO  geforderten „Patienten-zumutbaren  Strukturentscheidungen“, etwa  Tönning betreffend, nicht zu einer schwarzen Null des Gesamt-Klinikums führen. „Dennoch muss der Träger jetzt seine Schularbeiten machen“, so Nissen. Dabei stehe für die SPD die bestmögliche medizinische Versorgung aller Bürger im Kreis an oberster Stelle.

Der CDU-Fraktionsvorsitzende  Tim Hanke begrüßte die klare Aussage, dass die Klinik Niebüll – ohne Abstriche –  unverzichtbar ist und Land und Kassen hier in der Pflicht seien, für einen finanziellen Strukturausgleich zu sorgen. Leider bestätige das Gutachten auch die Sorge,  „dass der Standort Tönning – so wie er ist –  nicht zu halten ist“. Darüber hinaus müssten jetzt alle im Gutachten aufgezeigten Zukunftsperspektiven für das Klinikum ernsthaft geprüft werden. Dies gelte auch für den von den Gutachtern angeregten Klinik-Neubau in zentraler Lage. Und, so  Hanke: „Ich  glaube nicht, dass das Klinikum Nordfriesland auf Dauer ohne Partner überleben kann.“

„Wir stehen nach wie vor für eine flächendeckende medizinische Versorgung in öffentlicher Hand“, bekräftigt auch Jürgen Jungclaus,   Fraktions-Chef der Wählergemeinschaft NF/Die Unabhängigen, die zu den Initiatoren des Bürgerentscheides gegen eine Teil-Privatisierung im Jahr 2002 gehört hatte.  Positiv wertet Jungclaus  die  deutliche Aussage, dass die Klinik Niebüll erhalten werden muss, während die Schließungs-Empfehlung für Tönning enttäuschend sei.  Mit einem Höchstmaß an Sachlichkeit müssten jetzt alle offenen Fragen abgearbeitet werden.

Die macht SSW-Fraktionschef Ulrich  Stellfeld-Petersen neben den deutlichen Aussagen für den Standort Niebüll vor allem im Zusammenhang mit Tönning aus.  Man dürfe sich die Entscheidung über den Standort nicht zu einfach machen. Auch die Nachteile müssten intensiv geprüft werden.  Zudem warnt Stellfeld-Petersen davor, den möglichen Erfolg kurzfristiger Maßnahmen zu überschätzen: „Wir sind aus dem Gröbsten nicht  heraus. Wir müssen auch strategisch denken. Die Probleme mit der weiteren Finanzierung bleiben.“

Bürgerinitiative sieht sich bestätigt

Die Bürgerinitiative Klinik Niebüll begrüßt die BDO-Empfehlung, das Niebüller Klinikum im aktuellen Umfang zu erhalten. „Das  bestätigt uns in unseren Bemühungen für den Erhalt der Klinik“, so Thomas Uerschels. Bei dem Gutachten hätten  deutlich die medizinischen Notwendigkeiten im Vordergrund gestanden. „Jetzt gilt es, durch gute Konzepte das  Land und auch die Kassen mit ins Boot zu holen und die Finanzierung des Klinikums  zu sichern“, so Jonas Winkler. „Inwieweit ein Zentralkrankenhaus in Bredstedt sinnvoll, finanzierbar und realisierbar sein könnte, muss in den kommenden Jahren geprüft und beurteilt werden“, rät Sieghard Schmanteck.

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