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Polizist aus Husum : Tödliche Schüsse auf Asylbewerber: Es war Notwehr

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Ein Polizist erschoss im Dezember einen somalischen Flüchtling. Das Verfahren gegen ihn wurde jetzt eingestellt. Wir sprachen mit einer Polizeipsychologin über die Verarbeitung von Extremstress.

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erstellt am 12.Feb.2015 | 12:30 Uhr

Es war ein echtes Horror-Szenario: Mit Messern in jeder Hand stürzte am 4. Dezember vergangenen Jahres ein somalischer Flüchtling aus einem Haus in der Langenharmstraße und ging auf einen Polizisten los. Mehrfach forderte der Beamte den Mann auf, stehen zu bleiben. Doch der reagierte nicht. Und so hatte der Polizist am Ende keine andere Wahl, als von der Schusswaffe Gebrauch zu machen. Dabei wurde der somalische Flüchtling tödlich getroffen.

Dass „der Polizist in Notwehr gehandelt hat“, zu diesem Ergebnis kommt auch ein Ermittlungsverfahren, das Oberstaatsanwältin Ulrike Stahlmann-Liebelt jetzt eingestellt hat. Nach übereinstimmenden Zeugenaussagen hatte der Beamte keine andere Wahl als zu schießen, weil der Mann aus Somalia auf seine Rufe nicht reagierte. „Zudem war es dem Beamten nicht möglich, dem Angreifer auszuweichen“, so Stahlmann-Liebelt: „Es gab da keinen Bewegungsspielraum.“

Nach der Obduktion des Toten seien in dessen Körper insgesamt fünf Projektile gefunden worden, so die Oberstaatsanwältin weiter. Zeugen hatten gegenüber unserer Zeitung seinerzeit von drei oder vier Schüssen gesprochen. Tatsächlich waren es wohl aber noch mehr als jene fünf, die im Körper des Erschossenen gefunden wurden. Der Beamte habe schießen müssen, weil sein Gegenüber, das medikamentös behandelt worden und wiederholt durch aggressives Verhalten aufgefallen sei, „einfach nicht stehen bleiben wollte“, wie Stahlmann-Liebert gegenüber unserer Zeitung noch einmal hervorhob. Die Stimmungslage des Mannes beschrieb sie als wechselhaft – „zwischen Teilnahmslosigkeit und Aggressivität“. Der Beamte sei bereits wieder im Dienst, fuhr die Oberstaatsanwältin fort und verwies auf Betreuungsangebote, die Polizisten nach solchen Extremsituationen in Anspruch nehmen könnten. Nach Informationen unserer Zeitung hat der Vater zweier Kinder dies auch getan.

Warum es in der Langenharmstraße überhaupt zum Äußersten kommen konnte, bleibt allerdings weiter im Dunkeln. „Dahinter steht nach wie vor ein großes Fragezeichen“, erklärte Stahlmann-Liebelt. Der Mann habe das Haus gemeinsam mit einem somalischen Paar bewohnt. Beide hätten allerdings getrennte Wohnungen gehabt. Soweit bekannt, sei der Mann dann überraschend vor der Wohnung des Paares aufgetaucht und habe gegen die Tür getreten. „Warum, entzieht sich aber unserer Kenntnis“, sagte Stahlmann-Liebelt.

Danach eskalierte die Situation. Mit Schnittverletzungen an den Händen rettete sich das somalische Paar ins Freie. Eine Nachbarin alarmierte die Polizei, die das Areal rund um den Einsatzort großflächig abriegelte. Nachdem er sich zunächst im Haus verbarrikadiert hatte, stürmte auch der alleinstehende Somalier aus der Tür und ging sogleich auf den Polizeibeamten los. Dann fielen die Schüsse.

 

Der Albtraum eines jeden Polizisten. Wir wollten wissen: Wie verarbeitet ein Mensch ein solches Erlebnis?

Zwischen Pflicht- und Mitgefühl

Gundhild Ameln ist Psychologin. Seit knapp 25 Jahren unterstützt sie Polizeibeamte in Stress- und Konfliktsituationen und hilft ihnen, mit den Folgen belastender Einsätze, aber auch persönlicher Lebenskrisen klarzukommen. Über den Husumer Fall kann und will die Psychologin nicht zuletzt aus Gründen der Vertraulichkeit nicht sprechen. Doch erklärt sie, wo Stress- und Konfliktbewältigung beginnt und wo sie an Grenzen stoßen kann.

Was tun Sie, wenn ein Beamter in eine Situation wie die in Husum geraten ist? Gibt es einen Notfallplan und wenn ja, wie sieht der aus?
Zunächst fragen wir alle am Einsatz Beteiligten: Was braucht Ihr? Nach einer Reihe von krisenhaften Einsätzen in der Vergangenheit wollten wir ein niedrigschwelliges Betreuungskonzept schaffen, das auf allen Ebenen greift. Mit anderen Worten: Auch Kollegen und Vorgesetzte sollen sich angesprochen fühlen. Wir sind keine Feuerwehr, aber jederzeit ansprechbar. Es geht um die Bearbeitung von einsatzbedingtem Extremstress und die Prävention von Psychotraumata. Wir wissen, dass Stress an der Wurzel beginnt, dass Polizisten schon während ihrer Ausbildung lernen müssen, über ihren Alltags-Stress zu sprechen und damit umzugehen. Und dass es dafür einer Schulung bedarf – durch alle Ebenen hindurch, denn unser Konzept steht und fällt mit dem Umfeld. Wenn zum Beispiel ein Vorgesetzter sagt „Wie es Dir geht, interessiert mich im Augenblick nicht, schreib’ erst mal Deinen Bericht“, dann funktioniert das nicht. Früher dominierte die Cop-Kultur, eine Art emotionsfeindliche Polizei. Aber heute wissen die meisten Polizeibeamtinnen und -beamten: Wenn ich meine Emotionen nicht kenne, sie ständig unterdrücke statt sie zu managen, dann kann ich auch nicht funktionieren. Da haben wir mit unserem Emotions-Management angesetzt, und seither hat sich die Einstellung zu diesem Thema auch sehr verbessert. Ich würde sogar sagen, die Bereitschaft war immer da, aber eben auch die Hilfslosigkeit, wie man mit diesem Thema umgehen soll.

Wie meinen Sie das?
Es kann ja kein Polizist sagen: Da ist ein Einsatz, aber ich fahr’ nicht hin. Als Polizist musst du hin, aber du musst auch mitfühlen können. Mensch bleiben ist das polizeipsychologische Hauptthema.

Führt ein traumatisches Erlebnis wie das in Husum quasi automatisch eine vorläufige Außerdienststellung des Kollegen nach sich?
Man sollte ihn nicht nach Hause schicken, wenn er dort allein ist und das auch nicht möchte. Im Übrigen gibt es neben der psychologischen ja immer auch eine rechtliche Seite. Wie war die Situation vor Ort? Warum wurde überhaupt geschossen? Solange die Spurensicherung am Tatort ist, werden wir den Betroffenen nicht ansprechen. Er hat ja auch ein Aussage-Verweigerungsrecht. Das ist alles hochkomplex. Wenn es um das Geschehene geht, ist ein Pastor zunächst der bessere Ansprechpartner.

Wann kommen Sie ins Spiel?
Wenn der Einsatz abgeschlossen ist. Übrigens: Schusswaffengebrauch ist ja genau das, was Polizisten unbedingt vermeiden wollen, zumal es dafür klare und umfängliche rechtliche Regelungen gibt – selbst wenn nur in die Luft geschossen wird. Wenn ein Beamter am Ende tatsächlich nur noch schießen kann, ist das an sich schon ein hochdramatischer Akt. Aber wir bewerten nicht, wir schauen nur genau hin, wie es den Beteiligten jetzt geht, und klären, was sie tun können, um den Stress in den Griff zu bekommen.

Wie vorbereitet können Polizisten auf solche Extremsituationen sein?
Das ist eine Frage der rechtlichen und praktischen Handlungssicherheit, aber auch der Einsatztaktik. Je besser ein Polizist ausgebildet ist, desto weniger Stress wird er haben. Gleichwohl lassen sich Extremsituationen nicht in Rollenspielen in allen Facetten ab- und aufarbeiten.

Wie erfolgreich ist Ihre psychologische Betreuung?
Es gibt da keine Evaluation, wenn Sie das meinen. Fakt ist: So ein Erlebnis geht an niemandem spurlos vorbei. Und manch einer steigt aus. Das ist immer auch eine Frage, wie das dienstliche und private Umfeld mit den Betroffenen umgeht. Das gibt den Handelnden die Sicherheit wieder zurück. Das zu verbessern oder weiterhin gut zu gestalten ist genau unser Thema.

Und was geschieht, wenn die Gespräche nicht anschlagen wollen?
Zu einer guten Betreuung gehört das Angebot einer psychotherapeutischen Begleitung. Aber viele wollen es nicht annehmen, glauben, dass sie das allein bewältigen müssen. Und dann bricht – manchmal Jahre später – alles wieder auf. Wir hatten mal einen Polizisten, der in einen schweren Unfall verwickelt war, und Jahre später plötzlich nicht mehr Streife fahren konnte. Menschen verarbeiten traumatische Situationen ganz unterschiedlich.

Und am wichtigsten ist es wohl, dieses Erlebnis – etwas salopp formuliert – in sein Leben einzubauen?
Genau. Es muss ein Teil der Lebensrealität werden. Für Polizisten, die traumatische Situationen erlebt haben, ist es wichtig, dass sie danach nicht irrational handeln. Wir begleiten sie auf diesem Weg, versuchen Ressourcen zu aktivieren, die ihnen helfen, die Situation für sich zu lösen.

Auch die Polizei leidet unter Personalmangel. Erhöht das Ihren Erfolgsdruck?
Nein. Wir können ja nur unseren Teil dazu beitragen, dass die Kollegen sich selbst helfen und untereinander unterstützen. Ein echter Brennpunkt ist allerdings die Arbeitsverdichtung. Dadurch erhöht sich das allgemeine Stresspotenzial: Belastende Einsätze müssen heute kürzer hintereinander bewältigt werden, und es gibt weniger Zeit, vom Einsatzstress wieder runterzukommen. Stress ist heute – mehr noch als früher – an der Tagesordnung.


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