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Mut zum neuen Leben : Tischler-Azubi mit 45 Jahren

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Helge Schmidt aus Viöl hat sich entschieden, sein Hobby zum Beruf zu machen – und noch einmal in die Lehre zu gehen. Seine jungen Kollegen schätzen seine Lebenserfahrung.

Helge Schmidt fällt auf. Dabei ist er gar nicht der Typ, der immer im Mittelpunkt stehen will. Es ist sein Alter, das in Anbetracht von 45 Lebensjahren eigentlich nicht besonders nennenswert ist. Allerdings fällt er dadurch auf, dass er derzeit Azubi ist – eine Ausbildung zum Tischler macht, die üblicherweise nach der Schulzeit beginnt. Als bei Schmidt damals die Frage anstand, konnte er sich darauf keine Antwort geben.

Er bewarb sich vielerorts, unter anderem bei der Bundeswehr, um Hubschrauberpilot zu werden. Aufgrund seiner Fitness bestand er zwar den Eignungstest, entschied sich dann aber für einen einjährigen Lehrgang zum Krankenpflege-Helfer. Danach machte er eine Ausbildung zum Krankenpfleger und eine Weiterbildung zur psychiatrischen Fachpflegekraft. Es folgten 20 Jahre in der psychiatrischen Krankenpflege der Landes- und Fachkliniken Schleswig sowie sieben Jahre in der akuten Psychiatrie der Diakonissenanstalt Flensburg. In seiner wenigen Freizeit, die ihm der Schichtdienst ließ, habe er schon immer mit Begeisterung getischlert. Irgendwann war ihm klar, dass er seinen Beruf nicht ein Leben lang ausführen kann und möchte. Die Idee, sein Hobby zum Beruf zu machen, reifte über zehn Jahre. Einfach war seine Entscheidung letztendlich nicht, denn er hat Verantwortung für Familie mit Ehefrau und zwei Kindern, dem Haus und andere Dingen gegenüber.

Familie und auch Freunde unterstützten ihn jedoch, noch einmal von vorne anzufangen. Die Berufsgenossenschaft genehmigte ihm nach jahrelangem hin und her sowie jeder Menge Bürokratie eine Umschulung, die er bei der Firma HCH in Behrendorf antrat. Seit Mitte Juli 2014 ist er dort einer von drei Lehrlingen im zweiten Jahr. Das erste Lehrjahr übersprang er aufgrund der Umschulung. Mit allen Kollegen versteht er sich gut. Das Lehrjahre keine Herrenjahre sind, war ihm vorher bewusst. „Ich will den Beruf lernen und die Ausbildungszeit gehört nun einmal dazu“, sagt er. Einmal wöchentlich besucht er die Berufsschule in Husum und fällt zwischen den jungen Leuten natürlich auf. Die Schulbank drückt er sehr konzentriert und gerne, denn mit jedem Tag ist er seinem Ziel ein Stückchen näher. Hausaufgaben sind für ihn schnell erledigt und während andere stundenlang in den Zimmern ihrer Elternhäuser büffeln, hat Helge Schmidt anderes zu tun: sich um Familie, Haus und Hof kümmern. Blöde Sprüche wegen seiner späten Ausbildung bekommt er nicht, eher erntet er ein Schmunzeln, wenn er davon erzählt oder Anerkennung für seinen Mut.

Seine Familie ist froh über seine Entscheidung. „Sie meinen, ich bin ein anderer Mensch geworden. Ausgeglichener und so“, sagt der 45-Jährige. Er selbst fühlt sich gut und bedauert seinen Schritt nicht. „Das würde ja ohnehin nichts bringen.“ Dass er seinen Lebensstandard aufgrund seines Einkommens ein wenig herunterschrauben musste, stört ihn nicht. Das einzige was zählt: „Ich bin zufrieden und habe meine Erfüllung gefunden.“ Als Tischler kann er kreativ sein, Dinge gestalten und sehen, was er erschaffen hat.

Niklas Nissen und Andre Dethlefs sind seine Lehrlingskollegen und beide keine 20 Jahre alt. „Helge ist immer nett und hilfsbereit. Mit seiner Erfahrung und Leistung ist er der Beste in unserer Schulklasse“, erzählt Niklas, der es anfangs schon ein bisschen komisch fand, dass jemand in Schmidts Alter eine Ausbildung begonnen hat. „Er ist für mich ein ganz normaler Kollege“, meint Andre Dethlefs. „Das Gute an Helge ist, dass man ihn immer fragen kann, wenn man Hilfe braucht.“ Die gesamte Schulklasse greife gerne darauf zurück – nicht umsonst wurde er zum Klassensprecher gewählt.

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