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Filmprojekt „Ich bin“ : Teufelsberg-Nacht und Graffiti-Straße

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Husumer Jugendliche drehen einen Film über Fremdbestimmung und Persönlichkeitsfindung – und fanden in Berlin die idealen Drehorte. Der 45-minütige Streifen wird auf den Husumer Filmtagen im Oktober gezeigt.

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erstellt am 27.Mai.2014 | 15:00 Uhr

Was ist passiert, dass uns Selbstbewusstsein und Identität abhanden kamen? Wie und durch wen wurden wir fremdbestimmt? Haben wir das überhaupt gemerkt? Oder haben wir uns schon früh aufgegeben, um die anderen nicht zu verletzen? Die Hauptdarstellerin in dem Film „Ich bin“ läuft durch eine Welt voller Gestalten und versucht, ihre Persönlichkeit wiederzufinden, die sie in ihrer Kindheit verloren hat. Dabei wird sie unter anderem von grau geschminkten Wesen umringt, die sie schubsen, treten, in den Schwitzkasten nehmen und am Weglaufen hindern. Am Ende des symbolträchtigen Feldzugs gegen die Fremdbestimmungs-Mechanismen erkennt sie jedoch, dass sie sich eigentlich gar nicht suchen und finden muss.

„Ich bin“ ist ein Film-Projekt, das Helga Lütjens mit einer Gruppe begeisterter Mädchen und Jungen im Alter von 12 bis 16 Jahren ausbaldowert hat. Die ehemalige Leiterin einer Musikschule in Bargteheide und Husumer Trauerbegleiterin leitet regelmäßig motivierte Jugendliche an, die sich tiefsinnige Themen mit Kamera und Mikrofon erschließen. Bevor sich die Crew dem Streifen „Ich bin“ zuwandte, wurde zum Beispiel in „Tabu“ die Angst vor dem Tod zu Grabe getragen. Dieser letzte Beitrag, an dem auch Anna Barduhn vom Bestattungsinstitut Darwartz beteiligt war, die jetzt ebenfalls wieder mit von der Partie ist, hinterließ mit seinen surrealistischen Elementen auch bei den Husumer Filmtagen 2013 nachhaltigen Eindruck.

Für das aktuelle Projekt machte sich das Team, das inzwischen neue Mitglieder gewonnen hatte, auf den Weg nach Berlin, um an unwirtlichen, verlassenen Orten zu drehen. Die konnte Husum nicht bieten: „Auf dem Gewoba-Gelände war alles zu früh eingeebnet“, stellten die Akteure mit Bedauern fest. In der Hauptstadt bot sich aber das bizarre Gelände auf dem Teufelsberg am Rand des Grunewalds an, das die Amerikaner im Kalten Krieg als Abhörstation genutzt hatten. Die fünf Radarkuppeln stehen heute noch, nur die elektronischen Einrichtungen sind einst entfernt worden.

„Sie wissen schon, dass es nachts auf dem Teufelsberg gefährlich ist? Die vielen Wildschweine haben Frischlinge, die sie bis aufs Blut verteidigen“, warnte eine Berlinerin in der U-Bahn, als sich das Team am späten Abend auf den Weg zum Teufelsberg machte. So schien der ganze Aufstieg zu einem echten Abenteuer zu werden. Weil der Zug eine Stunde Verspätung hatte, war es inzwischen dunkel geworden. Die Husumer wagten sich dennoch auf die drei Kilometer lange Strecke durch den Wald, auf der es rechts und links vom Weg bedrohlich knackte.

Oben angekommen, stellte das Dreh-Team fest, dass das ganze Gebiet unüberwindlich eingezäunt war. Ein Wachmann fragte, was die Jugendlichen wollten, und sie gaben vor, die Genehmigung zu haben, im abgegrenzten Bereich zu filmen – was nicht der Wahrheit entsprach. Nach einigem Hin und Her ließ der Wachmann das Team aber passieren. Das hatte zwar nun den Sonnenuntergang verpasst, wurde aber durch eine grandiose Stimmung beim Mondaufgang entschädigt.

Das beleuchtete Berlin lag zu Füßen der Husumer, die für den Rückweg vom Wachmann noch einige Anweisungen für den Umgang mit den wilden Schweinen bekamen: zusammen bleiben, laut sein, alle Lichter an. Der tolle Einstieg in die Dreharbeiten ließ das Team den Teufelsberg noch einmal bei Tag aufsuchen, wo zum Thema Ängste und deren Überwindung gedreht wurde. Ein weiterer Drehort war die Revaler Straße mit Graffiti-Kunst und verfallenen Gebäuden. Eine Szene zum Thema Fremdbestimmung wurde in Rüdersdorf gedreht, in einer stillgelegten Zementfabrik im Osten der Stadt mit beeindruckenden Hochöfen in zwei Etagen. Und für das Herumirren im Leben und das Gefangensein im Labyrinth bot sich das Holocaust-Denkmal an.

Das Schneiden des Films hat mittlerweile begonnen und geht gut voran. Jetzt müssen noch Texte geschrieben und Musik komponiert werden – und eine Menge Arbeit wartet noch im Tonstudio.

 

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