Kiel fördert Pilotprojekt : Telemedizin für die Halligwelt

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Telemedizin kann ein wichtiger Baustein sein für die medizinische Versorgung von Patienten in ländlichen Regionen.
Telemedizin kann ein wichtiger Baustein sein für die medizinische Versorgung von Patienten in ländlichen Regionen.

Zwei Ministerien fördern ein Notfall-Pilotprojekt auf Hooge und Langeneß. Partner ist das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein.

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14. März 2018, 12:34 Uhr

Kiel/Nordfriesland | Im Notfall zählt jede Minute. Auf den Halligen noch mehr als anderswo, weil die meiste Zeit kein Arzt vor Ort ist. Diese Versorgungslücke soll jetzt geschlossen werden – mit Hilfe der Telemedizin. Wenn Bauchschmerzen beim Kleinkind oder der Herzinfarkt eines Halligbewohners oder Urlaubsgastes eine schnelle und präzise Diagnose erfordern, ist künftig ein Facharzt des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) im mehr als 100 Kilometer Luftlinie entfernten Kiel live dabei. Via Datenbrille und Monitor kann er über eine verschlüsselte Verbindung medizinisch geschultes Personal vor Ort gezielt bei der Ersteinschätzung und -versorgung unterstützen. In Echtzeit kann er sich selbst ein Bild davon machen, welche Maßnahmen eingeleitet werden müssen – bis hin zu der Frage, ob ein Patient per Hubschrauber ausgeflogen werden muss oder ob der Transport via Fähre am nächsten Tag ausreicht.

Möglich machen wird dies ein voraussichtlich dreijähriges Pilotprojekt, das sehr bald für die Halligen Hooge und Langeneß-Oland anläuft. Dabei soll auch getestet werden, welchen Beitrag die Telemedizin in Zukunft leisten kann, die medizinische Versorgung in ländlichen Regionen und vor dem Hintergrund des demografischen Wandels sicherzustellen. Überdies können sich auf diese Weise womöglich auch die ständig steigenden Kosten für die Luftrettung dämpfen lassen.

Das Pilotprojekt firmiert unter dem Titel „HALLIGeMED“ unter Leitung des Instituts für Rettungs- und Notfallmedizin und ist in Kiel ganz hoch angesiedelt. Um das sogenannte telemedizinische Assistenzsystem zu etablieren, stellen die beiden Ministerien für Soziales, Gesundheit, Jugend, Familie und Senioren sowie für Inneres, ländliche Räume und Integration für die Laufzeit insgesamt 750 000 Euro bereit. Die Bewilligungsbescheide sollen morgen in Kiel durch Gesundheitsminister Dr. Heiner Garg und Staatssekretärin Kristina Herbst an das UKSH übergeben werden. Mit dabei sind dann unter anderem auch auf den Halligen beschäftigte Krankenpfleger (Halligpfleger), Kreispräsident Heinz Maurus, die Geschäftsführerin der Biosphäre Die Halligen, Sabine Müller, und der Hooger Bürgermeister Matthias Piepgras, der der geistige Vater dieses wegweisenden Vorhabens ist. „Dieses Projekt ist mein Baby, ich habe zwei Jahre daran gearbeitet“, sagt er rückblickend, nachdem er vor einigen Jahren selbst eine fünfstündige Rettungs-Odyssee erlebt hatte (wir berichteten). „Das war mir wirklich eine Herzensangelegenheit“, freut er sich nun, kurz vor Ablauf seiner Amtszeit als Bürgermeister und Pellwormer Amtsvorsteher auch dank der Unterstützung des für die Digitalisierung zuständigen Ministers Robert Habeck den Einstieg in die Telemedizin mit begleiten zu können: „Das ist der Durchbruch für eine bessere notfallmedizinische Versorgung der Halligen“, sagt Piepgras.

Damit es überhaupt so weit kommen konnte, mussten alle wichtigen Akteure wie der Kreis Nordfriesland, die Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH), das Klinikum Nordfriesland, der Hausarzt von Langeneß, Rettungsleitstelle und nicht zuletzt das Institut für Rettungs- und Notfallmedizin ins Boot geholt und eingebunden werden. Zudem gab es rechtliche Hürden, weil in Deutschland nach wie vor das sogenannte Fernbehandlungsverbot gilt. Danach muss sichergestellt sein, dass eine Ärztin oder ein Arzt den Patienten unmittelbar behandelt. Das ist bei dem Halligprojekt gewährleistet, da die Fachkraft vor Ort und der Telemediziner an der Ostküste exakt dasselbe sehen, alle wichtigen Vitaldaten übertragen werden und auch Anweisungen möglich sind.

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