Vorbildlicher Arbeitgeber : Teilzeitarbeit ist zu 90 Prozent Frauensache

Chancengleichheit  von Frauen und Männern ist auch ihr Thema: Personalratsvorsitzende Angela Jensen.
Chancengleichheit von Frauen und Männern ist auch ihr Thema: Personalratsvorsitzende Angela Jensen.

In der nordfriesischen Kreisverwaltung wird viel für die Vereinbarkeit von Familie und Job getan, lobt Personalratschefin Angela Jensen. Teilzeitarbeit wird jedoch von Vätern kaum nachgefragt.

Avatar_shz von
08. März 2014, 21:00 Uhr

Angela Jensen kann ihren Arbeitgeber nur loben: und das ist der Kreis Nordfriesland. Die Personalratsvorsitzende denkt dabei insbesondere an die Vereinbarkeit von Job und Kindererziehung. Für diesen Spagat hat die Kreisverwaltung einiges auf den Weg gebracht, um die Mitarbeiter zu entlasten. Dazu gehören Maßnahmen wie flexible Zeiten und Telearbeit. Deshalb ist in der Kreisverwaltung an 365 Tagen Frauentag.

Familienfreundlichkeit gehört heute ohne Frage zu den Standortfaktoren für Unternehmen und natürlich für eine Verwaltung, um für Fachkräfte attraktiv zu sein. 2009 hatte sich der Kreis NF als erster in Schleswig-Holstein von der „berufundfamilie“ gGmbH – eine Initiative der gemeinnützigen Hertie-Stiftung – prüfen lassen und für seine „strategisch angelegte, familienbewusste Personalpolitik“ das Zertifikat „Familienfreundlich“ erhalten. Die zweite Auszeichnung gab es dann im vergangenen Jahr.

Aus vielen Gesprächen weiß Angela Jensen, dass dieses Thema obenauf liegt. Vorrangig sind es Frauen, die nicht nur nach Elternzeit fragen, sondern Arbeitsmodelle wünschen, mit denen sie privaten Anforderungen ebenfalls gerecht werden können. Fast 90 Prozent der Teilzeitbeschäftigten beim Kreis sind weiblich. Führung in Teilzeit ist daher ein weiteres Angebot, dass der Kreis offeriert, um eine Karriere neben Familienarbeit möglich zu machen.

Die Vorsitzende weiß aus eigener Erfahrung, wie schwierig es sein kann, Job und Kind unter einen Hut zu bringen. Angela Jensen hat ihren Sohn allein groß gezogen. Beim Kreis war die gelernte Rechtsanwalts- und Notargehilfin seit 1987 in verschiedenen Positionen tätig. 2006 wurde sie stellvertretende Personalratsvorsitzende – seit September 2013 steht Jensen an der Spitze des Gremiums. Beide Funktionen sind mit einer Freistellung verbunden.

Sieben Personalratsmitglieder – darunter vier Frauen – vertreten gemeinsam die Belange von 741 Mitarbeitern mit einer Frauenmehrheit von 415. Während 42 ihrer Kollegen als Führungskräfte Personalverantwortung tragen, sitzen nur 13 weibliche Fachleute auf einem Chefsessel. Deshalb findet Angela Jensen: „Wir sind ganz gut aufgestellt – aber es könnte noch besser sein. Persönlich habe ich das Gefühl, dass sich allgemein in der Gesellschaft Frauen doch noch mehr behaupten und besser sein müssen, um im Beruf voranzukommen.“ Mehr Selbstbewusstsein wünscht sie sich bei jungen Frauen beim Thema „Technik“ und mit Blick in den Bereich für Informationstechnologie des Kreises: Eine weibliche Auszubildende gibt es dort nicht.

„Zuhören und Vertrauen aufbauen“ bezeichnet sie als ihr Kerngeschäft, denn die Vermittlung bei Konflikten und Einzelberatungen sind Alltag für die Personalratschefin. „Ich setze mich ein, muss aber trotzdem neutral bleiben, das ist klar.“ Sie ist bei Vorstellungsgesprächen dabei, hält Kontakt zu Vorgesetzten und zum Landrat, denn jede personelle und organisatorische Maßnahme muss auch über ihren Schreibtisch. Als Vorbild sieht sie selbst sich nicht, doch sie bekommt durchaus von Kolleginnen die Rückmeldung: „Mensch, Angela, dass du den Mut hast, das zu machen.“ Einen Tipp hat sie für Frauen, die sich in einer Situation behaupten sollen: „Authentisch sein und nicht die Stimme zu hoch werden lassen.“ Rhetorik- und Kommunikationsseminare besucht Angela Jensen regelmäßig – „ich lerne immer noch dazu“. Eine vermeintliche Schwäche gibt sie zu: „Über Ungerechtigkeiten rege ich mich auf. Dies würde ich aber niemals in einem Gespräch zeigen, denn an sein Ziel kommt man nur mit Sachlichkeit.“ Ein wertschätzender Umgang ist für die Sprecherin der Belegschaft ein wichtiger Verhaltenskodex.

Mit einem Frauenförderplan fing es im Jahr 1995 in der Kreisverwaltung in Nordfriesland an – entsprechend einer Vorgabe nach dem Gesetz zur Gleichstellung der Frauen im Öffentlichen Dienst von 1994. 14 Jahre später erfolgte ein Paradigmenwechsel: Die Pläne zur Frauenförderung sind seitdem Pläne zur Chancengleichheit von Männern und Frauen – das Ziel: in allen Bereichen eine gleich verteilte Besetzung zu schaffen.

Und vielleicht nutzen in Zukunft ja auch immer mehr Väter die flexiblen Arbeitszeitmodelle. Laut einer Studie der Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen mbH (Forsa) wünschen sich viele Männer mehr Zeit mit ihrem Nachwuchs. Doch soll sich das Rollenverständnis unter Eltern nur sehr langsam ändern, sodass er in der Regel für das Familieneinkommen sorgt. Im Fall der Kreisverwaltung bedeutet dies dann, dass manche Arbeitgeber fortschrittlicher auftreten als ihre Bediensteten.

Heute ist Frauentag

Am 8. März wird auch in Nordfriesland der Internationale Frauentag der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau und den Weltfrieden begangen. Er entstand in der Zeit um den ersten Weltkrieg beim Kampf um die Gleichberechtigung und das Wahlrecht für Frauen. Es war die deutsche Sozialistin Clara Zetkin, die bei der Zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz am 27. August 1910 in Kopenhagen generell die Einführung eines internationalen Frauentages vorschlug. Der 8. März soll angeblich aus dem Jahr 1921 und von Lenin stammen. In Deutschland dürfen Frauen seit 1918 wählen. Doch erst 1977 wurde in der Bundesrepublik das Bürgerliche Gesetzbuch geändert: Bis dato musste sich eine Ehefrau von ihrem Mann eine Genehmigung holen, wenn sie arbeiten wollte.

zur Startseite
Karte

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen