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Neue Stadtführung : Tatort Husum: Nur am Hafen wurde nicht gemordet

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Die dunklen Seiten der Storm-Stadt: Ingrid Schacht und Peter Kööp bieten neuerdings Stadtführungen zum „Tatort Husum“ an.

Wer weiß schon, dass am Husumer Tine-Brunnen, an dem heute Touristen in der Herbstsonne sitzen, noch vor 300 Jahren ein Pranger stand? Oder dass die zwar gut situierten, aber gesellschaftlich geächteten Scharfrichter der Stadt genau dort unehrenhaft verscharrt wurden, wo sich heute Bewohner des altehrwürdigen Gasthauses zum Ritter St. Jürgen über die schöne Aussicht freuen?

Will und Ariel Durant, zwei Pioniere der modernen Sozialforschung, brachten es in ihrer epochalen „Kulturgeschichte der Menschheit“ aus den 1930er-Jahren auf den Punkt: „Die Kathedrale, das Theater, der Konzertsaal – dahinter steht immer das Schlachthaus.“ Gutes Stichwort, denn ein Raubmörder namens Hinrich Schlachter ist einer der Protagonisten, die Ingrid Schacht und Peter Kööp Monate hinweg durch Archive hat ziehen und alte Akten wälzen lassen. Am Ende stand eine neue, sehr spezielle Stadtführung, in der es um den „Tatort Husum“ geht.

Tragische, aber auch seltsam kuriose Geschichten haben die beiden unter Mitwirkung des Historikers und verdienten Stadtgeschichtlers Klaus Schumacher da zusammengetragen. Doch wie blutrünstig Staatsmacht oder gedungene Verbrecher auch immer zu Werke gingen, am Ende sind ihre Geschichten von Mord und Totschlag vor allem eines: Spiegelbilder der Zeit und der Gesellschaft, in der sie sich zugetragen haben.

Zum Beispiel das Verfahren und die öffentliche Hinrichtung der Kindermörderin Ellien Abels im Jahr 1780. „Wie alt sie damals war, ist aus den Akten nicht klar ersichtlich“, sagt Ingrid Schacht. „Muss so 36, 37 gewesen sein“, meint Kööp, Auf jeden Fall hatte Abels 1765 in Apenrade (Husum gehörte damals noch zu Dänemark) ein erstes uneheliches Kind zur Welt gebracht und als Vater den Sohn ihres damaligen Dienstherrn angegeben. Weil aber nicht sein konnte, was nicht sein durfte, blieb sie mit den Konsequenzen auf sich gestellt und musste, da sie die ihr auferlegte Strafzahlung, die sogenannte Unzuchtbrüche, nicht entrichten konnte, ins Gefängnis. Acht Jahre später wiederholte sich das Ganze. Und als sie im Dienst eines Husumer Postmeisters ein drittes Mal schwanger wurde, verlor sie ihren Posten. Das Kind brachte sie dann zwar zur Welt, erstickte es jedoch noch auf dem Kindsbett und versuchte es auf dem Neustädter Friedhof zu verscharren. Doch die Sache flog auf. Ellien Abels gestand die Tat, und das Gottorfer Obergericht verfügte, dass die Kindesmörderin enthauptet und ihr Kopf als warnendes Beispiel auf einen Pfahl gesetzt werden solle.

Das Urteil wurde aus dem offenen Fenster der Gerichtsstube im alten Rathaus verlesen und die Delinquentin danach „zu einiger Erholung“ noch einmal ins Rathaus zurückgebracht, wie es hieß. Dann brachte man sie mit einer Kutsche – nicht mit dem sonst üblichen Schinderkarren – zum Galgenberg und übergab sie dem Scharfrichter. So weit die Fakten. Doch wenn es um die Frage geht, warum so viele Menschen die Mörderin zum Schafott begleiteten, scheiden sich die Geister der „Tatort“-Führer. „Ich glaube, es hatten am Ende doch viele Mitleid mit ihr“, vermutet Schacht, zumal „der eigentliche Täter, ihr Dienstherr, ungeschoren davon kam.“ Kööp sieht das anders: „Ich denke, die Leute sind aus Sensationslust mitgegangen – nicht aus Mitgefühl.“

Auf jeden Fall wurde Ellien Abels sogar über den Tod hinaus bestraft, in dem sie auch noch die Kosten für ihre Hinrichtung aufbringen musste. Zu diesem Zweck wurden ihre armseligen Habseligkeiten meistbietend versteigert. Dafür wurde Ellien Abels „vergleichsweise human hingerichtet“ – mit dem Beil und nicht, wie davor, mit dem Schwert.

Aber Schacht, die langjährige Stadtführerin, und Kööp, der viele Jahre für das Nordfriisk Instiuut gearbeitet hat, graben nicht nur in der Vergangenheit, zeigen den Leuten, wo Verurteilte gehängt, gerädert und gepfählt wurden oder wo – damals noch am Stadtrand – das Haus des Scharfrichters stand. Mit Hilfe von Sven Knies, dem Leiter der Kriminalpolizeistelle Husum, sind sie auch gelösten und ungelösten zeitgenössischen Kriminalfällen auf den Grund gegangen. „Übrigens: Ausgerechnet am Hafen sind keine Mordfälle ausgewiesen“, sagt Ingrid Schacht und scheint darüber selbst ein bisschen erstaunt. „Dafür an anderer Stelle aber umso mehr“, erläutert Kööp. Doch den Namen von Husums Mörderzeile Nummer eins wollen sie nicht verraten – jedenfalls nicht jetzt und hier.

Verbrechen, vor allem Morde, faszinieren die Menschen von jeher, betonen Kööp und Schacht. Das bewiesen nicht zuletzt die vielen Krimis im Fernsehen. Und ob der Mensch seit jenen düsteren Tagen des frühen Strafvollzugs wirklich dazugelernt hat  .  .  .? Kööp zuckt mit Achseln und zitiert Klaus Schumacher: „Es gibt Leute, die meinen, wie gut es doch sei, dass es so etwas Schreckliches wie Pfählen und Köpfen heute nicht mehr gebe.“ Aber für den Fall, dass es morgen in Husum eine Hinrichtung gäbe, müsse man wahrscheinlich Karten ausgeben, um dem Heer der Schaulustigen Herr zu werden, ist der Historiker überzeugt. Wie gesagt: Verbrechen gehen immer.

Wer eine „Tatort-Husum“ Stadtführung mitmachen möchte, kann sich bei der Tourismus- und Stadtmarketing GmbH im alten Rathaus dafür anmelden.

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