Husumer Schüler : Täter dürfen ihr Ziel nicht erreichen

Gesprächsrunde in der Redaktion unserer Zeitung: Theo Reichardt, Veronika Tuisel-Kühn, Catherine Klauke, Siegfried Schulze-Kölln, Herbert Jannusch, Smilla Feddersen und Niklas Hasenhoff (v. l.).
Gesprächsrunde in der Redaktion unserer Zeitung: Theo Reichardt, Veronika Tuisel-Kühn, Catherine Klauke, Siegfried Schulze-Kölln, Herbert Jannusch, Smilla Feddersen und Niklas Hasenhoff (v. l.).

Nach den Terror-Anschlägen von Paris wollen Lehrer, Schüler und Deutsch-Französische Gesellschaft in Husum ein Zeichen setzen und laden den Imam zum Dialog in die Schule ein.

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19. Januar 2015, 11:30 Uhr

Das Attentat auf die Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“ in Paris löste eine Schockwelle aus, die den ganzen Globus erfasst hat. Zu dem Anschlag, bei dem zwölf Tote zu beklagen waren, hat sich die arabische Terror-Organisation Al-Kaida bekannt. Dieser Angriff auf die demokratische Welt wirkt noch lange nach. Überall rücken die Menschen zusammen, pochen auf die Grundlagen und Werte einer offenen Gesellschaft: „Je suis Charlie“   –   „Ich bin Charlie“ ist ein Zeichen der Verbundenheit, ein Statement für Meinungs- und Pressefreiheit. Die Allianz der Solidarität ist allgegenwärtig – und macht sich auch in Husum bemerkbar. Zum Beispiel bei einer Gesprächsrunde, die unsere Zeitung jetzt organisiert hat. Mit am Tisch: engagierte Pädagogen, kritische Vertreter der Deutsch-Französischen Gesellschaft (DFG) und Gymnasiasten, die sich auch schon in jüngeren Jahren ihrer Verantwortung als mündige Bürger bewusst sind und ihr Herz auf der Zunge tragen. Und sie wollen etwas tun.

Die blutigen Ereignisse vom 7. Januar „haben mich sehr getroffen“, erklärt Catherine Klauke – immer noch sichtlich bewegt. „Es geht um mein Land, meine Landsleute, da kann man nicht gleichgültig sein“, sagt die Französisch- und Philosphie-Lehrerin an der Theodor-Storm-Schule (TSS). Die mit einem Deutschen verheiratete West-Französin hielt sich an jenem Mittwochmittag, als die Mörder ihr Massaker in der religionskritischen Redaktion anrichteten, im Gymnasium auf. „Als ich davon im Radio hörte, habe ich mich sofort abgemeldet und erstmal mit meinem Sohn telefoniert.“ Später hatte sie ein anderes dringendes Bedürfnis: darüber im Unterricht mit ihren Oberstufen-Schülern zu reden.

Als dann am Sonntag nach dem Terroranschlag auf die Satirezeitschrift und der anschließenden Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt, die vier Todesopfer forderte, die Bilder von dem gewaltigen Trauermarsch in Paris um die Welt gingen, empfand das Klauke bei ihrer persönlichen Verarbeitung als „große Hilfe“: Diese demonstrative Brüderlichkeit, dieses massive Streben nach Freiheit, diese kollektive Solidarität seien überaus beeindruckend gewesen. „Die Menschen sind mit einem riesigen Optimismus zusammengekommen und mit dem Gefühl auseinandergegangen, die Politik muss jetzt handeln“, so Klauke. Dass nun etwas passieren muss, findet auch die Pädagogin. Auf die Politiker, die sich bei dieser Gelegenheit in seltener Eintracht zeigten, will sie aber erst einmal nicht warten.

Am Tag nach der Massenkundgebung nahm sie deshalb Kontakt zum Präsidenten der islamischen Gemeinde Ahmadiyya Muslim Jamaat in Husum auf – und zum Imam, dem Oberhaupt der islamischen Gemeinschaft, in Kiel. Denn ihr schwebt eine Info-Veranstaltung für Schüler vor, bei der die Grundzüge des Islam einmal aus erster Hand erklärt werden. Und bei der klar und deutlich Position zu den Radikalen, die diese Religion für ihre menschenverachtenden Zwecke missbrauchen, bezogen wird. Inklusive offener Diskussion. Ihre islamischen Gesprächspartner seien von dieser Idee begeistert gewesen, so Klauke – genauso wie Schulleiterin Sibylle Karschin. So kommt es also am Montag, 26. Januar, in der TSS zu einem Planungstreffen mit dem Imam.

Mit Moslems in Kontakt getreten ist auch Niklas Hagenhoff. Der 18-jährige Mildstedter lebte von September 2013 bis Juni 2014 als Austauschschüler in einer Studenten-Stadt im Süden von Paris. „Meine ehemaligen Mitschüler haben alle Angst, zum Unterricht zu gehen“, erzählt der Theodor-Storm-Schüler. „Und sie sagen, dass die Attentäter keine Moslems waren, sondern fehlgesteuerte Fanatiker.“ Seine Gastmutter wollte ihren Sohn gar nicht mehr zur Schule lassen. „Es ist traurig, man ist so machtlos“, so Niklas. Schwierig werde es, zum Alltag zurückzukehren und zu zeigen, dass man sich von alledem nicht beeinflussen lasse: Künftig keine Karikaturen mehr zu drucken sei keine Option – „dann hätten die Attentäter ihr Ziel erreicht“.

Smilla Feddersen treibt – „wie alle politisch interessierten Jugendlichen“ – die Frage um, wie sich die Ereignisse von Paris auf den Rechtsradikalismus auswirken. „Zur Angst vor dem Terror kommt die Sorge, dass die Antwort dieser Gruppe extrem ausfällt“, sagt die 16-Jährige, die ebenfalls die TSS besucht. „Auch wenn es sehr idealistisch klingt: Es läuft immer wieder auf Bildung und Integration hinaus.“ Radikales Gedankengut werde es immer geben – „die Gesellschaft muss aufpassen, dass man die Jugend nicht daran verliert“.

Veronika Tuisel-Kühn ist Französisch-Lehrerin an der Hermann-Tast-Schule und DFG-Mitglied. Sie hat „ein ganz großes Bedürfnis“, den Menschen, die in Paris auf die Straße gegangen sind, ihre Solidarität auszudrücken. Trotz der „Berge von Korrekturen“, die an jenem Sonntag vor ihr lagen, habe sie ständig zum Fernseher geschaut: „Ich wäre am liebsten selbst dabei gewesen – das ist ein ganz großer Anfang für die viele Arbeit, die in diesem Zusammenhang ansteht.“ Bilder seien so stark – „diese sind jetzt in den Köpfen der Welt“. Tuisel-Kühn wünscht sich, „dass die Menschen zwischen den Religionen mehr ins Gespräch kommen, dabei mehr nachfragen – auch kritisch – und vor allem offen sind!“

Offenheit – die hat Theo Reichardt auch bei seinem Aufenthalt in Frankreich 2012 im Rahmen eines Schüleraustausches erlebt. „Vor allem in den ländlichen Regionen sind die Menschen sehr tolerant.“ Dem 18-jährigen Hermann-Tast-Schüler hat es ein Zitat von Bundespräsident Joachim Gauck besonders angetan: „Euer Hass ist unser Ansporn!“ Terror kenne keine Grenzen – „und solche Anschläge sind immer ein Anlass, zu versuchen, etwas zu verändern“.

Herbert Jannusch ist nicht mehr als Französisch-Lehrer an der TSS aktiv, aber noch eng mit der Partnerschule Lycée Jean Monnet in der 65 Kilometer nordöstlich von Paris gelegenen Gemeinde Crépy-en-Valois verbunden. Durch seinen E-Mail-Kontakt zum dortigen Philosophie-Lehrer Philippe Barrier erfuhr er früh von dem Anschlag: „Es sind gepanzerte Fahrzeuge durch den Ort gekommen und Helikopter kreisen über uns“, hieß es. Die Ereignisse überschlugen sich und bis zum Abend hatte Jannusch mit 20 Leuten Schriftverkehr. „Ich bin sehr, sehr stark betroffen“, sagt er. Zumal er gerade noch mit Karikaturen der Zeichner Cabu und Wolinski, die zu den Todesopfern gehörten, im Unterricht gearbeitet hatte.

„Im vergangenen Oktober waren wir in der französischen Botschaft in Berlin“, erzählt DFG-Vorsitzender Siegfried Schulze-Kölln – „zum Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren“. In Frankreich gäbe es keine Familie, die nicht einen Toten aus dem Ersten Weltkrieg zu beklagen habe: „Das Ereignis von Paris wühlt alles wieder auf!“ Schulze-Kölln spricht in diesem Zusammenhang von einem „Rückfall in die Barbarei, die das Land durch die Französische Revolution schon überwunden hatte“. Für unbedingt notwendig hält er es, „dass sich der Islam reformiert“. Nach dem Attentat versuchte er, unter den Kommunalpolitikern für ein kollektives Zeichen der Solidarität zu werben: „Aber da hat sich niemand gerührt – und mit 20 Leuten um die Tine zu ziehen, dazu hatte ich keine Lust.“

Wie alle anderen in der Runde setzt Schulze-Kölln deshalb auch auf Catherine Klaukes Idee mit der Info-Veranstaltung für Schüler. Die soll an einem Nachmittag in der Aula der TSS über die Bühne gehen und nach Möglichkeit personell erweitert werden – zum Beispiel um Repräsentanten verschiedener Religionsgemeinschaften.

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