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Gesprächsabend in Garding und Tönning : Tabu Demenz: Hilfe für Angehörige

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Einmal im Monat gibt es in Tönning und Garding einen Infoabend für Verwandte von Erkrankten. Es gibt einen Vortrag oder Film zum Thema. Und sie können über ihre Erlebnisse sprechen.

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erstellt am 14.Jan.2016 | 14:00 Uhr

Man sieht es den Menschen, die sich an diesem Abend im ersten Stock des Martje-Flohrs-Haus in Garding treffen, nicht an: Sie alle haben mit einem Thema zu tun, das in unserer Gesellschaft mit einem Tabu belegt ist. Dabei kann es jeden treffen, betont Wiebke Lühr, Leiterin dieser Gesprächsrunden. „Jeder bekommt irgendwann Demenz, wenn er entsprechend lange lebt. Auch ich könnte es schon haben.“ Die gelernte Altenpflegerin, die schon im Ruhestand ist, leitet seit zehn Jahren den Fachdienst Gerontopsychiatrie der St.-Christian-Diakonie Eiderstedt und ebenfalls seit zehn Jahren den Angehörigenabend für pflegende Angehörige Demenzkranker in Garding.

Die Runde, die einmal im Monat in dem Alten- und Pflegeheim zusammenkommt, ist in vielfältiger Weise betroffen: Während bei einer Frau gerade nach langer Krankheit der Ehemann gestorben ist, begleitet ein anderer seine demenzkranke Ehefrau schon seit vielen Jahren. Sie ist in einem Heim untergebracht. Eine Frau wiederum macht sich Sorgen um ihren Vater, der erste Anzeichen aufweist, bei einer anderen ist die Schwester erkrankt. Die Diagnose Demenz fürchtet wohl jeder – ob als direkt Betroffener oder als Angehöriger. Sich im eigenen Alltag nicht mehr zurecht finden, Termine und Namen vergessen, Dinge verlegen, den Weg nach Haus nicht mehr finden, den eigenen Partner oder die Kinder nicht mehr erkennen – es ist ein erschreckender Gedanke, dass es einem am Ende des Lebens so gehen kann. Auch für die Angehörigen ist diese Situation eine außerordentliche Belastung und ohne fremde Hilfe eigentlich nicht zu bewältigen. Denn es ist traurig zu sehen, wie ein geliebter Mensch sich verändert. Und es ist anstrengend, ständig aufpassen müssen, weil Demenzkranke im Alltag nicht mehr allein zurechtkommen. Viele schämen sich zudem, weil der Vater, die Mutter, Oma oder Opa wirres Zeug redet oder nicht mehr so adrett aussieht wie früher.

Die Teilnehmer des Angehörigenabends sind froh, dass sie hier unter Leidensgenossen sind, die verstehen können, wovon sie sprechen. „Und es tut gut, einfach mal schnacken zu können“, weiß Wiebke Lühr. Denn Demenz macht die Angehörigen einsam. Die Betreuung kostet Zeit. „Viele Außenstehende wollen die Geschichten irgendwann nicht mehr hören“, sagt Wiebke Lühr. Zudem können sich Demenzkranke Außenstehenden gegenüber noch relativ unauffällig verhalten. Dann heißt es oft: „Was hast Du eigentlich, das ist doch gar nicht so schlimm.“ Gleichzeitig gibt es beim Angehörigenabend auch viele Informationen rund um das Thema. Diesmal geht es um die Grundfrage „Was ist Demenz?“ Wiebke Lühr gibt der Frau, die sich um ihren Vater sorgt, gleich einen Rat: „Gehen Sie erst einmal mit ihm zum Hausarzt. Lassen Sie Werte wie Schilddrüse und Vitamin B 12 prüfen. Manchmal haben ältere Menschen auch nur zu wenig getrunken. Wenn ein Verdacht besteht, sollten Sie dann mit ihm zum Neurologen.“ Es gebe rund 55 Unterformen von Demenz. Die bekannteste ist die Alzheimer-Krankheit, die schon im mittleren Alter beginnen kann. Die andere ist die vaskuläre oder Multiinfarkt-Demenz, die im höheren Alter auftritt und der andere Erkrankungen zugrunde liegen, wie Diabetes, Bluthochdruck, Alkohol- oder Drogenmissbrauch und Medikamentenabhängigkeit. Die Demenz unterscheidet sich sehr von den üblichen Veränderungen im Alter, die jeder Mensch durchmacht, wie geringere Leistungsfähigkeit des Körpers, der Sinnesorgane und des Gehirns, geringeres Schlafbedürfnis, weniger Durst und höherer Wärmebedarf, macht Wiebke Lühr deutlich. Zunächst sind es Gedächtnis-, Sprach- und Wortfindungsstörungen, Namen und Termine werden vergessen, Sätze sind oft nur schwer verständlich, es werden viele Füllwörter gebraucht. Dann sind das Urteils- und Denkvermögen vermindert. „Beispielsweise stehen die Betroffenen vor der Dusche und wissen nicht mehr, was sie da wollen.“ Sie verlieren in der gewohnten Umgebung die Orientierung und wissen weder Tages- noch Uhrzeit. Die Kleidung ist völlig unangebracht. Die Affektkontrolle, das Antriebs- und Sozialverhalten sind ebenfalls vermindert. „Manche müssen immerzu laufen, die kann man nicht stoppen“, weiß Wiebke Lühr aus Erfahrung. Und ganz wichtig: Die Symptome müssen sich mindestens sechs Monate lang zeigen. Es gibt zwei Dinge, die man beim Umgang mit Demenzkranken auf keinen Fall vergessen darf, betont Wiebke Lühr: Sie schämen sich ganz stark für ihre Vergesslichkeit. Und sie haben alle Gefühle, die ein gesunder Mensch auch hat, sie können sie nur nicht benennen.

Die Angehörigen-Treffen finden in Garding am ersten Montag im Monat im Martje-Flohrs-Haus, Norderring, statt. In Tönning werden sie am zweiten Montag im Monat im Paul-Gerhardt-Haus, Eiderstedter Straße 8, angeboten. Sie beginnen jeweils um 19.30 Uhr. Im Februar wird der Film „Eines Tages“, ein Ratgeber für Angehörige, gezeigt. Weitere Info unter Telefon 04862/1881177.

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