Autozug-Debatte : „Sylt darf nicht zum Spielball werden“

Unter Umständen gibt es in Zukunft zwei Betreiber für Autozüge nach Westerland.
Unter Umständen gibt es in Zukunft zwei Betreiber für Autozüge nach Westerland.

Zur Vergabe der Autozug-Verbindung Niebüll-Westerland musste sich der amerikanische Bieter kritische Fragen gefallen lassen. Die Nordfriesen mahnen trotz Wettbewerbs Versorgungssicherheit an.

shz.de von
06. Mai 2015, 08:30 Uhr

Eine Bahnstrecke am Ende Deutschlands könnte im schlimmsten Fall deutlich machen, dass Wettbewerb auf der Schiene mit gravierenden Nachteilen für die Einheimischen verbunden ist. Denn funktionieren die ambitionierten Pläne des amerikanischen Bewerbers für die Autozug-Verbindung zwischen Niebüll und Westerland nicht, wirkt sich dies unmittelbar auf das Leben von rund 22.000 Syltern aus – dazu kommen täglich etwa 4000 Pendler. Nicht zu vergessen jährlich etwa eine Million Urlauber für die wichtigste Einnahmequelle der Insel: den Tourismus. Diese Sorge war der rote Faden in einer öffentlichen Sitzung des Wirtschaftsausschusses des nordfriesischen Kreistages im Kreishaus in Husum, bei der geladene Experten zum Sachstand bei der Vergabe der mit etwa 40 Millionen Euro Gewinn äußerst lukrativen Strecke informierten.

Kreispräsident Heinz Maurus sprach mit einer Frage aus, was viele Politiker und Zuhörer im Saal dachten: „Ist das komplizierte Vergabeverfahren geeignet, wenn nicht geprüft wird, ob derjenige, der sich um die Strecke bemüht, auch in der Lage ist, Versorgungssicherheit zu garantieren?“ Der so Angesprochene, Christoph Döbber von der Bundesnetzagentur, betonte, dass dies über vertragsrechtliche Vorgaben von Seiten der DB Netz AG geregelt werden muss. Döbber: „Wir sind nur zuständig, wenn Anmeldungen für Trassen von DB Netz abgelehnt werden und prüfen, ob die gesetzlichen Regelungen für Rahmenverträge eingehalten werden.“ So verlangt eine Vorschrift, dass nur mit 75 Prozent der „Streckenleistungsfähigkeit“ geplant wird, um im Bedarfsfall Sonderverkehre zulassen zu können.

Fakt ist, dass die Railroad Development Corporation (RDC) mit der DB Netz AG einen fünfjährigen Rahmenvertrag für den Sylt-Shuttle abgeschlossen hat: Konkret geht es um elf Trassen täglich. Über die restlichen rund 60 wird im August in einem Schlichtungsgespräch verhandelt: Denn neben der RDC gehört auch die DB Autozug zu den Bietern. Manuela Herbort von der DB: „Wir haben neue Loks für 30 Millionen Euro für den Sylt-Shuttle bestellt.“ Der Fahrplanwechsel erfolgt am 15. Dezember: Und dann könnte es unter Umständen zwei Betreiber für Autozüge geben, wobei die Trassen nach dem Höchstbieter-Verfahren für jeweils ein Jahr vergeben werden.

Ebenfalls auf dem Hindenburgdamm unterwegs ist die Nord-Ostsee-Bahn (NOB), deren Vertrag für den Personennahverkehr Ende 2016 ausläuft. Für den Nahverkehr sind 64 Trassen gemeldet. Zu den Bewerbern gehören neben der NOB die Deutsche Bahn und Abellio, eine Tochter der niederländischen Staatsbahn.

Dr. Johannes Berg von DB Netz sorgte mit seinen Ausführungen für Unruhe bei Peter Schnittgard, Bürgervorsteher der Gemeinde Sylt. Berg hatte erläutert, dass sein Unternehmen die Kapazitäten reserviert, auf deren Grundlage dann der Fahrplan erstellt wird. Dass die RDC bereits Fahrtzeiten veröffentlicht hat, wollte Johannes Berg nicht kommentieren. Zudem erklärte er: „Der Kampf um Bandbreiten in Rahmenverträgen wird immer schwieriger auf dieser Strecke. Es gibt eine große Nachfrage – und es ist schon grenzwertig, was die Vergabe an Trassen betrifft.“ Aber, so der Unternehmenssprecher weiter: „Wir sind gehalten, die Anfragen zu befriedigen. 2016 wird es wohl soweit sein mit dem Plan zur Erhöhung der Trassenkapazitäten.“ Peter Schnittgard verwies in diesem Zusammenhang auf eine sogenannte Überlastungserklärung der Deutschen Bahn, nach der die Strecke Niebüll-Westerland keine Zuwächse mehr vertragen kann – er verstand deshalb die Welt nicht mehr. Der Bürgervorsteher befürchtet, dass seine Heimatinsel zum „Spielball“ wird – „es geht nicht um Daseinsvorsorge und Fürsorge“. Niebülls Bürgermeister Wilfried Bockholt legte den Finger in eine weitere Wunde. „Die Zeiten der Verladerampe in Niebüll passen nicht zu der von RDC geplanten Fahrt nach Mitternacht.“ (Werktags ist die Autoverladung nur bis 22.05 Uhr geöffnet.) Bockholt machte klar, dass dann das Thema Lärmschutz neu behandelt werden muss.

In Sachen Eigenwerbung für ihre RDC waren der Vorsitzende Henry Posner, Hans Leister, Leiter des Personenverkehrs-Geschäfts, und Chef-Mechaniker Hinrich Krey nach Husum gereist. Zum weiteren Autozug-RDC-Team gehört neben Leister und Krey nur noch Carsten Carstensen, Geschäftsführer für Deutschland. Posner erläuterte, dass RDC ein inhabergeführtes, mittelständisches Unternehmen mit Sitz in Pittsburgh (Pennsylvania) ist. In Deutschland betreiben die Amerikaner seit einigen Jahren den Hamburg-Köln-Express.

Hans Leister offerierte einen Firmensitz in Nordfriesland und die Instandhaltung der Lokomotiven und Wagen in der Region. Doch die gibt es noch nicht. Leister: „Wir lassen völlig neue Autozug-Wagen konstruieren, die dank Scheibenbremsen deutlich leiser sind als die bisherigen – und vorgerüstet für eine Elektrifizierung. Verfügbar sind die Wagen in der Saison 2017. Bis dahin fahren wir übergangsweise mit Fahrzeugen einstöckiger Bauart, die etwa 35 Prozent weniger Kapazität haben. Durch die Angebotsverdichtung können wir dies aber an den meisten Tagen überkompensieren.“ Diese Aussage rief den SSW-Fraktionsvorsitzenden Ulrich Stellfeld-Petersen auf den Plan. Er stellte in Frage, dass RDC bis zum Dezember das Wagenmaterial stellen kann – mit der speziellen Zulassung, dass die Fahrgäste im Auto bleiben dürfen. Ihm antwortete ein selbstbewusster Krey: „Wir brauchen 150 Wagen und fünf Loks – die sind zu bekommen.“ Leister: „Es gibt einen großen Vermietungsmarkt in Europa.“ Niebülls Bürgermeister zeigte sich nicht überzeugt und sieht voraus, dass es Staus auf der Bundesstraße 5 geben wird.

Wilfried Bockholt kritisierte außerdem ein Werbefoto von RDC, auf dem ein alter Flachwagen und die Lokomotive eines namhaften Herstellers zu sehen ist. „Damit werden Sie doch nicht fahren.“ Hinrich Krey: „Wir dürfen nicht das richtige Wagenmaterial zeigen.“ Seine durchaus gewöhnungsbedürftige Begründung: „Dann heißt es von möglichen Kunden, wenn ihr an die verkauft, kaufen wir nicht bei euch.“

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