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Selbsthilfegruppen kritisieren Fachkrankenhäuser : Suchthilfe: Anonyme Alkoholiker, Blaues Kreuz und Guttempler üben Kritik an Kliniken in Nordfriesland

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Gruppen wie die Anonymen Alkoholiker beklagen verloren gegangenen Kontakt zu Akut- und Fachkrankenhäusern.

shz.de von
erstellt am 21.Okt.2017 | 18:43 Uhr

74.000 Menschen sterben in Deutschland an ihrer Alkoholsucht, wie es die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen einschätzt. In Nordfriesland haben Selbsthilfe-Organisationen über Jahrzehnte Alkoholkranke aufgefangen und sie mit großem Erfolg zu völligem Verzicht auf ihre Droge bringen können. So hat beispielsweise die „Gemeinschaft Hermann Tast“ im Guttempler-Orden in Mildstedt im Laufe der Jahre rund hundert Mitgliedern ohne vorherigen Entzug in einer Klinik aus der Sucht geholfen, wie die Vorsitzende, Marie-Luise Zöhrens, vorrechnet. Hunderte weitere seien nach Aufenthalten in Fachkrankenhäusern in der Gemeinschaft, in der strikte Abstinenz gelebt wird, durch die Selbsthilfegruppe so weit stabilisiert, dass sie nicht mehr trinken wollen. Für sie sind die Erfolge von Selbsthilfegruppen damit unbestreitbar.

Doch die Angebote der Guttempler, Patienten aus Fachkrankenhäusern auf ihrem Weg zurück in geordnete familiäre und gesellschaftliche Verhältnisse zu unterstützen, verpufften mittlerweile in den Kliniken. „Wir kommen uns wie Bittsteller vor und wünschen uns vor allem eine bessere Kommunikation mit den Kliniken“, so Zöhrens.

Noch schärfer fällt die Kritik von Bernhard Jacobsen aus, dem Leiter der Viöler Gruppe der Anonymen Alkoholiker (AA). Er sieht sogar die Existenz mancher AA-Gruppen gefährdet. „Das Dahinsiechen der Selbsthilfegruppen – bis hin zur Auflösung – liegt vornehmlich in der Praxis von Kliniken, Betroffenen mit einer ,Drehtür-Mentalität‘ eine ständige Wiederaufnahme zu garantieren.“ Unter dem Begriff versteht er die Bündelung der stationären Entgiftung und der ambulanten Gruppenarbeit in Tageskliniken unter dem Dach eines Anbieters, wobei die gesellschaftliche Wiedereingliederung durch Gruppen wie seine zu kurz komme. „So wird Akuthilfe ständig neu praktiziert, während die Hilfe zur Selbsthilfe ausgetrocknet wird.“

Jacobsen erinnert sich noch daran, dass früher sogar Busse von den Kliniken zu den Gruppen fuhren, weil die Ärzte „mit leichtem Zwang“ dafür sorgen wollten, dass die Patienten während des Entzugs Kontakt zu gesellschaftlichen (Selbsthilfe-)Gruppen haben. Genau so hat es auch noch Marie-Luise Zöhrens vor Augen. Später sei, sagen beide, gelegentlich noch das ein oder andere Taxi mit einem Betroffenen vorgefahren – das sei es dann gewesen.

Offenbar macht auch das Blaue Kreuz als weitere Suchthilfe-Organisation die gleichen Erfahrungen, wie dessen Landesvorsitzender Lando Horn (Brunsbüttel) sagt. Für den Fortbestand der Selbsthilfe sei die personelle und räumliche Nähe zu den Akut- oder Fachkrankenhäusern von existenzieller Bedeutung. Überall dort, wo die Kontakte ausfasern oder sich die Arbeitsschwerpunkte von Kliniken verändern, wandele sich im gleichen Ausmaß der Zulauf zu den Gruppen.

Horn macht dafür aber auch wechselnde gesellschaftliche Verhältnisse verantwortlich. So seien teils überalterte Selbsthilfe-Gruppen für jüngere Abhängige nicht attraktiv. Ihnen würden die Beratungsstellen und Krankenhäuser passende Angebote unterbreiten. Außerdem seien alle Organisationen, die untereinander vernetzt sind, auch stark in der Prävention tätig. Grundsätzlich hält er Selbsthilfegruppen unverändert für „unverzichtbar“.

Das ist auch die klare Haltung von Dr. Christoph Mai, Geschäftsführer der Diako Nordfriesland in Breklum, als einer der Profis in der nordfriesischen Suchthilfe. Das Fachkrankenhaus habe viele Jahrzehnte Erfahrung in dem Thema. Dabei gehöre die Vermittlung der Patienten in Selbsthilfegruppen zum Alltag seines Hauses. „Wir haben sieben Selbsthilfegruppen, die zu uns ins Haus kommen – und wir unterhalten zu ihnen nicht nur Kontakt, sondern aus meiner Sicht auch eine vertrauensvolle und verbindliche Zusammenarbeit.“ Jederzeit könnten weitere Selbsthilfe-Gruppen dazustoßen.

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