Konfrontation mit sich selbst : Sturmfluten und Zukunftssorgen trotzen

Landunter: Für die wirklichen Herausforderungen der Halliglüüd und Insulaner in der Nordsee sorgt die Natur.
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Landunter: Für die wirklichen Herausforderungen der Halliglüüd und Insulaner in der Nordsee sorgt die Natur.

Auf den Halligen Hooge, Gröde und Langeneß leben 300 Menschen. Wind, Wetter, Wasserstand und Fähren-Fahrplan bestimmen den Rhythmus. Auf Pellworm will die Gemeinde die Popularität aus dem TV nutzen.

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29. Dezember 2014, 13:00 Uhr

Landunter auf Hooge bedeutet, dass die Halliglüüd auf Plan B zurückgreifen müssen. „Auf Langeneß geht bestimmt auch nichts“, vermutet Hooges Bürgermeister Matthias Piepgras. In Personalunion ist der 59-Jährige auch Chef des Amtsausschusses. Die an diesem Tag geplante Sitzung in Husum fällt aus. Denn bei Landunter stellt der Fährbetrieb Wyker Dampfschiffs-Reederei Föhr-Amrum GmbH , kurz W.D.R., seinen Betrieb ein.

Donnerstags ist in der Herbst- und Winterzeit der einzige Tag, an dem die Halliglüüd morgens auf das Festland fahren können, und abends wieder zurück. Es sei denn, das Wetter spielt nicht mit. „Die Weihnachtseinkäufe muss ich jetzt auch wieder eine Woche verschieben“, verdeutlicht der Amtsvorsteher eine Not, die nicht nur ihn betrifft. Freilich ist in diesem Zusammenhang nicht von lebensnotwendigen Einkäufen zu sprechen. Matthias Piepgras spricht aus, was die Halliglüüd verinnerlicht haben: „Jeder bevoratet sich“, betont der 59-Jährige. In der Sommersaison fahren die Fähren täglich – in Richtung Festland. Im Winter allerdings montags und mittwochs nicht. Donnerstags fährt die WDR hin und zurück. Dann kommen auch Monteure auf die Halligen, um für drei bis vier Stunden ihre arbeiten zu verrichten: Maurer, Zimmerleute, Elektro- und Gas- sowie Wasserinstallateure oder weitere Gewerke.

Für diesen Donnerstag hat Hooges Bürgermeister deshalb Telefondienst. Auf zwei Leitungen schellen die Apparate. Piepgras: „Hör‘ mol! Ik schnack grod op de anne Handy. Ik rop glix torüch. Bis Du bi‘t Huus?“ Die Gemeinde hat Verständnis für die Doppel-Belastung des Gemeinde-Oberhaupts, der auch als Amtsvorsteher seine Aufgaben von der Hallig aus, zu managen hat. Matthias Piepgras ist gut vernetzt, er versucht, mit der WDR zu sprechen, damit der Freitag zu einem Donnerstag wird. „Dann können wir einen Tag später hin und zurück kommen“, erklärt der Sonderpädagoge.

In seiner Funktion ist es im Herbst und Winter häufig der Fall, dass der gebürtige Kieler auf das Festland reisen muss. Piepgras beschreibt seinen Aufwand: „Wenn ich dienstags einen Termin habe, muss ich sonntags abreisen, um rechtzeitig anzukommen.“ Zurück geht es dann frühestens am Donnerstag.

Das Telefon klingelt erneut. Wieder vertröstet er den Anrufer, bietet einen Rückruf an. Alles sehr freundlich, ehrlich und op platt. „Halligleben heißt organisieren, organisieren, organisieren“, fährt es aus ihm heraus. Die Planung nimmt teilweise abenteuerliche Ausmaße an, wenn sich Halliglüüd in weiser Voraussicht Großgeräte oder Möbel kaufen. Dann wird sich um die logistischen Herausforderungen für die Spedition gekümmert. „Es wird gern nach Dagebüll geliefert anstatt nach Schlüttsiel“, erklärt Piepgras ein häufiges Missverständnis, dass nicht der richtige Fähranleger angefahren wird.

Aber die wirklichen Herausforderungen gebietet nur die Natur. Wenn Eisgang ist, fällt der Schiffsverkehr aus. In lang anhaltenden Wintermonaten wirdes für die Halliglüüd zu einer Extremsituation. „Nur noch einmal in der Woche war die Möglichkeit auf das Festland zu kommen“, erinnert sich Piepgras. „Und dann nur von Dagebüll“, merkt er an. Als der Eisgürtel die Halligen und Inseln einschloss, startete für Insulaner und Halliglüüd ein erheblicher Aufwand. Die Natur gibt den Takt vor. In der Beschreibung von Matthias Piepgras heißt es übersetzt, dass auf der Hallig gelernt werden muss, sich mit Dingen zu arrangieren, die nicht zu verändern sind. Es muss gelernt werden, mit diesen Situationen umzugehen, sie zu akzeptieren. „Gelassenheit ist Trumpf“, spielt der Amtsvorsteher eine wichtige Karte aus.

Als jüngst der TV-Moderator Stefan Raab für Werbung für die Nordsee sorgte, als er den Hafen-Pub auf Pellworm in seiner Sendung auf dem Privatsender Pro Sieben anrief, um sich zu vergewissern, ob der Bürgermeister Jürgen Feddersen auf der Insel telefonisch zu erreichen sei, weil das Telefonnetz gestört war, wurde ein Marketing-Impuls in Bewegung gesetzt. Laut Matthias Piepgras ist es so, dass nur die Nennung eines Hallignamen für alle Halligen profitabel werden kann. Nur bei Pellworm sei es anders – denn davon merken die Halligen nichts. Allerdings bemerkt Feddersen, dass eine deutlich verbesserte Reichweite der Insel Pellworm, im Internet zu verzeichnen ist. Durch die Präsenz im TV entstanden zwar Visits, aber wie sich künftig die tatsächlichen Besucherzahlen verschieben, kann Pellworms Bürgermeister Feddersen nicht vorhersagen.

Das Leben auf den Halligen Langeneß, Gröde und Hooge sowie auf den Inseln in der Nordsee ist für Einheimische im Herbst und Winter nicht ungewöhnlich. Sie rüsten sich rechtzeitig für die Sturmsaison. Laut Matthias Piepgras ist auf Hooge fünf-, sechsmal im Jahr Landunter, auf Langeneß 20 Mal. „Ein normales Landunter ist ein wunderschönes Naturschauspiel“, sagt Piepgras – auch wenn es seinen Terminplan über den Haufen wirft. Dann ist Telefondienst angesagt. Der Apparat hat auch schon 20 Mal geklingelt. Elf Kilometer Sommerdeich schützen Hooge nur vor leichten Überschwemmungen. Die zehn fünf bis sechs Meter hohen Warften auf Hooge, die aus der Hallig ragen, wanken optisch beiOrkanen im tosenden Meer. Dahinter stecken neben den Sturmflutgefahren handfeste Probleme für die knapp 300 Bewohner der Halligwelt. Die Bevölkerung ist überaltert, die Bausubstanz oft auch, es fehlen Ganzjahresarbeitsplätze besonders für jüngere Frauen und auch geeigneter, bezahlbarer Wohnraum für potenzielle neue Bewohner. Es steigt die Zahl von Häusern, die nicht dauerhaft bewohnt sind. Auf Oland leben ständig noch neun von 17 Bewohnern dort.

Auf Langeneß gibt es rund 60 Haushalte, 13 davon sind schon Zweitwohnungen. Dem demografischen Wandel soll offensiv begegnet werden. Auf Langeneß will die Gemeinde die Warft Treuberg kaufen, dort ein Haus mit vier Wohnungen bauen, auch kleine Kinder betreuen und wieder einen Kaufmannsladen einrichten. Auf Hooge denkt der Bürgermeister, der seit 2000 auf Hooge lebt, darüber nach, freiwerdende alte Häuser zu erwerben, zu sanieren oder eventuell abzureißen. In diesem Fall könnte die jeweilige Warft erhöht werden, bevor ein Neubau entsteht, Stichwort Küstenschutz.

Auch die Bürgermeisterin von Langeneß, Heike Hinrichsen, ist keine Einheimische, sondern gebürtige Rheinländerin. Vor 37 Jahren, mit 20, kam sie auf die Hallig. Sie übernahm vor einem Jahr als erste Frau den Bürgermeister-Posten einer Hallig. Hinrichsen vertritt die Wählergemeinschaft A, Stellvertreter Malte Karau die Wählergemeinschaft B. Karau betreibt das erste Vier-Sterne Hotel auf einer Hallig. Gelegentlich erbebt das beschauliche Langeneß – bei Konzerten von Ex-Genesis-Sänger Ray Wilson, Torfrock oder Santiano. Sie treten in einem Schafstall vor 300 bis 400 Zuhörern auf, die per Schiff kommen.

Ansonsten geht es ruhig zu in der Halligwelt, vom Kreischen der vielen Vögel abgesehen. Wer hier lebt, muss es aushalten, mit sich selbst konfrontiert zu werden, sagt Hooges Bürgermeister. Wer den Kontakt zu den Mitbürgern nicht findet, hat es richtig schwer.

Auf Langeneß gehen immerhin noch 20 Kinder zur Schule, auf Hooge sind es nur sechs. Gröde hat hingegen keine schulpflichtigen Kinder mehr auf der Hallig. Neun Einwohner sind es derzeit noch, die auf der Knudswarft in vier Häusern leben. Sechs Ferienwohnungen gibt es zusätzlich. „Dort wird das Jahr hindurch vermietet“, informiert Volker Mommsen. Der Bürgermeister der Gemeinde Gröde lebt seit seinem sechsten Lebensjahr auf der Hallig. In Niebüll hat der heute 56-Jährige seinerzeit seine Ausbildung zum Landmaschinemechaniker gemacht. Der Besuch einer weiterführenden Schule oder eine Berufsausbildung ist der Hauptgrund, warum sich die Anzahl der Halliglüüd dezimiert hat. „Vor zehn Jahren waren wir noch 17“, rechnet der verheiratete Familienvater von zwei Kindern vor. Jedoch sind auch seine Nachkommen auf das Festland gezogen. Seine Ehefrau Monika hingegen ist aus Berlin 1979 nach Gröde gezogen. Fast so lange sind sie verheitatet. „Man muss nicht auf Gröde geboren sein, um hier zu leben“, erklärt der Bürgermeister und zieht unbewusst einen Vergleich zu Piepgras und Hinrichsen.

Die leerstehende Schule und die Lehrerwohnung sind sanierungsbedürftig. Dort soll Wohnraum geschaffen werden. „Im Bedarfsfall für Lehrer“, betont Mommsen. Dass wieder Schüler kommen, kann sich schnell entwickeln. Der Bürgermeister ist guter Dinge, dass sich sowohl die energetische Erneuerung der Schule sowie Wohnung, als auch die neuen Schüler in den nächsten Jahren ergeben werden. Die Gewerke kommen allerdings nicht mit der WDR, sondern mit der Hallig-Reederei Heinrich von Holdt. Was möglich ist, machen die Halliglüüd selbst. „Elektronik eher weniger“, beschreibt Mommsen.

Von Schlüttsiel aus setzt die Fähre über. Der Linienfahrplan im Herbst und Winter regelt laut Mommsen der Bedarfsfall. „Alle 14 Tage ist der lange Tag – morgens weg und abends zurück“, erklärt das Gemeindeoberhaupt mit dem Zusatz, dass es abhängig vom Tidekalender sei. Es könne immer ein anderer Tag werden. Krankheitsfälle und auch Sonderfahrten des Kaufmanns aus Langenhorn bedingen die Ausnahmen.

Die Hausärzte deretwa 100 Bewohner der anderen Halligen sitzen in Niebüll und Bredstedt. Arztbesuche dort bedeuten oft auch eine Übernachtung auf dem Festland. Im Extremfall können sich Aufenthalte noch viel länger hinziehen. Tideabhängig steht auf Langeneß auf der Ketelswarft am Briefkasten bei den Leerzeiten. Diese Warft ist die Hauptstadt der Hallig, die seit 1954 an die Stromversorgung vom Festland angeschlossen ist und seit 1964 an das Trinkwassernetz.

Von Langeneß kann man via Oland mit der eigenen Lore über einen Damm nach Dagebüll auf dem Festland fahren. 45 Haushalte haben solche lizenzierten Gefährte, die ganz individuell gebaut werden und nicht ganz billig sind. Um die 5000 bis 7000 Euro kostet so ein Stück, sagt die Bürgermeisterin. Zum Fahren braucht man den Mofa-Führerschein, schiebt die 57-Jährige hinterher.

Der Tourismus ist für die Halligen immer wichtiger geworden. Hooge zählt jährlich etwa 90.000 Tagesgäste und 45.000 Übernachtungen, Langeneß samt Oland 21.000 Tagesbesucher und 20.000 Übernachtungen. Auf Oland erblickt man nach der Ankunft schnell eine unscheinbare Rarität: Hier steht der einzige reetgedeckte Leuchtturm – bundesweit.

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