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Orkan in Nordfriesland : Sturmflut beschädigt Nordstrander Deich

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Die erste von drei erwarteten Sturmfluten, die „Xaver“ in Nordfriesland entfesselt, ist durch. Insgesamt hat der Orkan bislang nur geringe Schäden verursacht, unter anderem am neuen Nordstrander Deich bei Strucklahnungshörn.

shz.de von
erstellt am 05.Dez.2013 | 19:45 Uhr

Um 12.30 Uhr löste Landrat Dieter Harrsen am Donnerstag den Katastrophen-Voralarm aus. Knapp vier Stunden später meldete Nordstrands Bürgermeister Werner-Peter Paulsen, die durch Orkan „Xaver“ aufgepeitschte Nordsee habe den neuen Deich bei Strucklahnungshörn auf einer Länge von 200 Metern lädiert. Dabei handelte es sich zunächst um kleinere Schäden durch Wellenschlag, teilte der Kreis dazu mit: „Sie werden bei Bedarf vor Ort vom Personal des Landesbetriebes für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein mit Sandsäcken behoben.“

Mit dem Katastrophen-Voralarm reagierte der Landrat auf einen Vorschlag, den der Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz in Erwartung einer sehr schweren Sturmflut an der Nordseeküste in der Nacht zu Freitag gemacht hatte. Anlass: Eine Neuberechnung der Vorhersagen mit einer anschließenden Korrektur der Pegelstände um etwa einen Meter nach oben. Danach wurden an den Küsten Nordfrieslands und Dithmarschens voraussichtlich um rund 3,50 Meter über dem mittleren Hochwasserstand liegende Wasserstände erwartet. Damit hätten an einzelnen Pegeln die Stände jene des bisher höchsten Hochwassers von 1976 beziehungsweise 1981 erreicht oder übertroffen.

Der Voralarm gab dem Kreis Nordfriesland die Möglichkeit, als untere Katastrophenschutzbehörde die Deichgänger, die die Schutzdämme gegen den Blanken Hans zu Fuß kontrollieren, in Marsch zu setzen. „Wir sind uns einig, dass es sinnvoll ist, die Deichgänger schon jetzt einzusetzen, solange es noch hell ist. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass wir später auch den richtigen Katastrophenalarm auslösen werden“, erläuterte der Leiter des Krisenstabes im Husumer Kreishaus, Harry Schröder, unmittelbar nach Auslösung des Voralarms. Nach Auskunft des Landesbetriebes seien die Deiche sicher. Beim Einsatz der rund 300 Deichgänger handelte es sich dem Kreis zufolge um eine reine Vorsichtsmaßnahme.

Die Lage an den Deichen ringsum Eiderstedt bezeichnete der Oberdeichgraf gegen 16 Uhr als entspannt. Auch der Sturm habe etwas nachgelassen, erklärte Jan Rabeler auf Anfrage – bei einsetzender Ebbe. Das Wasser war während der Flut etwa halbhoch gegen die Küstenbollwerke gebrandet. „Wir hatten drei Meter über Normalnull“, so Rabeler. Die ehrenamtlichen Deichgänger, die die 66,33 Kilometer Schutzwall um die Halbinsel herum kontrollieren, machten nun zunächst einmal Pause und traten mit dem nächsten Hochwasser um ein Uhr nachts ihre zweite Schicht an.

„Auf solche Situation haben wir uns seit vielen Jahren vorbereitet. Unsere Deiche sind winterfest und für solche Wasserstände ausgelegt. Respekt vor der Kraft der Naturgewalt sollte man haben, aber wir sind gut gewappnet“, sagte Küstenschutzminister Robert Habeck am frühen Donnerstagabend bei einem Besuch in der Husumer Ölwehrhalle. Die bis zu dem Zeitpunkt vorhergesagten Wasserstände lagen rund 3,50 Meter unter den Kronenhöhen der Landesschutzdeiche, die neben dem Wasserstand auch den Wellenauflauf berücksichtigen. Gleichwohl werde das weitere Geschehen vom Landesbetrieb für Küstenschutz (LKN) sorgfältig überwacht, so Habeck. Der LKN ist mit dem Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie sowie den Landräten in ständigem Kontakt, um über die Auslösung höherer Alarmstufen zu entscheiden. Beim LKN ist am Donnerstag der Stab ins Lagezentrum eingezogen.

Die Husumer Feuerwehr hatte sich schon am Tag zuvor gründlich vorbereitet und stand seit 8 Uhr morgens bereit. „Um 11 Uhr kam dann der erste Einsatz“, so Peter Post. Von zwei spektakuläreren Fällen hatte der stellvertretende Wehrführer zu berichten: den Teileinsturz eines Hinterhofhauses auf der Neustadt und Personen, die auf einem Dach in der Deichstraße gemeldet wurden. „Die wollten da wohl etwas reparieren“, so Post. Beide Einsätze seien am Ende jedoch glimpflich abgelaufen. „Ansonsten gab es nur allgemeine Sturmschäden – und wir haben ein Gebäude am Fuß des Nordstrander Dammes zusammen mit dem Technischen Hilfswerk mit Sandsäcken vor dem Vollaufen geschützt.“ Da für die Nacht weiter Orkan und Hochwasser angesagt war, blieb die Wehr mit 70 Kräften in Bereitschaft.

Auch die Polizei hatte sich auf nächtliche Probleme eingestellt: „Wir rechnen damit, dass wir den Nordstrander Damm in der Nacht wieder sperren müssen, wenn das Wasser kommt“, hieß es aus der Husumer Dienststelle. Schon während des Hochwassers gegen 15.20 Uhr drohte der Damm überspült zu werden. Erste Wellen schwappten bereits auf die Straße. Die Polizei sperrte sie ab. Nur noch Rettungskräfte durften passieren. Als der Pegel gefallen war, durfte auch der Verkehr wieder über den Damm rollen. Sicherheitshalber blieb das Absperrmaterial vor Ort. Außerdem gab es ein paar blockierte Straßen durch umgestürzte Bäume, aber das war es dann auch schon im Großen und Ganzen: „Die Lage ist gar nicht vergleichbar mit der bei Orkan ,Christian‘, dieses Mal sind kaum Fußgänger und Autos unterwegs“, gab es Lob für die Bevölkerung. Nur am Dockkoog hätten sich bei der Flut zahlreiche Schaulustige eingefunden. „Da standen rund 50 Autos, aber um die haben wir uns nicht weiter gekümmert.“

In ganz Nordfriesland wurde der Busverkehr gegen 15 Uhr eingestellt. Auf den Inseln fuhr bereits vorher kein Bus mehr. Wann der Verkehr wieder aufgenommen werde, hänge von der Wetterlage ab, hieß es dazu aus dem Kreishaus. Auch der Zugverkehr in Nordfriesland kam zum Erliegen. Ein Zug bei Niebüll und zwei bei Bredstedt wurden noch bis nach Husum geleitet. Die Strecke Husum-Bredstedt ist wegen eines umgestürzten Baumes gesperrt. Die Stöpe bei Wobbenbüll in der Nähe des Nordstrander Damms wurde geschlossen, der Verkehr nach Wobbenbüll über Hattstedt umgeleitet. Die zweite Flut erwarteten die amtlichen Krisen-Manager um 3:39 Uhr in der Nacht – und das nur noch mit einer Pegelhöhe von 3,05 Meter über Mittlerem Tidehochwasser (MTHW). Damit hatten sich die ersten Prognosen von Donnerstag, die von dreieinhalb Metern ausgegangen waren, relativiert.

Den knapp 160 Mitarbeitern im Husumer Rathaus wurde freigestellt, ihre Büros ab 12 Uhr zu verlassen. Freitagmorgen konnte jeder Verwaltungsbeamte und -angestellte selbst über seinen Dienstbeginn entscheiden. Ordnungsamtsleiter Günter Zumach schätzte am Nachmittag die Quote derjenigen Kollegen, die vorzeitig den Heimweg angetreten hatten, auf 95 Prozent. Zumach selbst hielt als Mitglied des Katastrophenstabes, der für die Umsetzung von übergeordneten Entscheidungen auf Husumer Ebene zuständig ist, bis 21 Uhr die Stellung – dann kam die Ablösung, die sich bis Freitagmorgen um 7 Uhr in Bereitschaft hält.

Bei der Firma Repower hatten Geschäftsführung und Betriebsrat bereits am Morgen die Lage sondiert. Wenige Minuten später war der firmeneigene Parkplatz so gut wie leer. Die Mitarbeiter hatten für den Rest des Tages frei bekommen. Ans Verladen von Windkraftanlagen war angesichts des heraufziehenden Sturms eh nicht zu denken. Sichern, was zu sichern ist, und dann nichts wie weg, lautete die Devise. „Hat mich ohnehin erstaunt, dass beim letzten Sturm niemand zu Schaden gekommen ist“, sagte Michael Hinz, Kapitän bei ATR Landhandel: „Bei dem, was hier alles durch die Gegend geflogen ist.“ Der Gefahr wollte man sich nicht noch einmal aussetzen.

Bei ATR selbst wurde am Vormittag weiter gearbeitet, doch die Kapitäne der unternehmenseigenen Motorschiffe „Ilka“ und „Maike“ erhielten die Weisung, zu bleiben, wo sie sind. Die „Ilka“ ging daraufhin in Höhe der dänischen Stadt Køge vor Anker, „Maike“ blieb im niedersächsischen Brake. Unterdessen wurde auf dem Hafengelände in Husum alles in Sicherheit gebracht oder befestigt, was nicht niet- und nagelfest war. Am Nachmittag schlugen die Wellen dann höher und höher. Das konnte viele Husumer aber nicht davon abhalten, zum Sperrwerk oder zur Dockkoogspitze zu fahren, um sich selbst ein Bild vom Sturm zu machen. „Wave watching“ nannte das ein Passant.

Unterdessen steuerte „Xaver“ mit der Hochflut auf seinen bisher höchsten Pegelstand zu. In Sekundenschnelle bildeten sich Schaumkronen auf den Wellen und das Nordsee-Hotel versank hinter einer dichten Regenwand, die später auch das Sperrwerk einhüllten. Sperrwerksleiter Fiede Clausen und sein Kollege Birger Gabriel blieben dennoch ruhig. Selbst als die Instrumente erstmals Windstärke 12 anzeigten, huschte den beiden noch ein Scherz über die Lippen: „Richtig gefährlich wird es erst, wenn wir hier in Schwimmweste sitzen“, sagte Gabriel.

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