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Ideen für Personennahverkehr : Streit um Info-Tour durch die Republik

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Der Kreis Nordfriesland sucht neue Lösungen für den Öffentlichen Personennahverkehr. Dazu ist eine Info-Fahrt quer durch Deutschland geplant. Die drei Mehrheits-Fraktionen des Kreistages wollen reisen – die anderen bleiben daheim.

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erstellt am 10.Apr.2014 | 15:00 Uhr

Der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) in Nordfriesland steht verstärkt im Fokus. Zum einen soll er mit Blick auf den demografischen Wandel neu ausgerichtet, zum anderen für Urlauber und Ausflügler an der Westküste attraktiver gestaltet werden. Insoweit sind sich auch alle Fraktionen des nordfriesischen Kreistages einig. Über den Weg dahin ist allerdings ein heftiger politischer Streit entbrannt. Er entzündet sich an der Frage, wie die nötigen Informationen über alternative und bereits erprobte ÖPNV-Angebote sowie andere Finanzierungsmöglichkeiten gewonnen werden sollen. Für September ist eine Bustour kreuz und quer durch Deutschland geplant: „Informationsreise“ nennt das die Kreistags-Mehrheit – „Betriebsausflug“ sagen die Kritiker.

Die geplante Reise soll über Uetersen nach Ostfriesland und Hessen, weiter bis in den Schwarzwald und über Sachsen-Anhalt dann zurück in den Norden führen – rund 2500 Kilometer in fünf Tagen. Dabei stehen Angebote und deren Finanzierung im Mittelpunkt: wie ein Elektrobus im Linienbetrieb, bedarfsorientierte Bürgerbusse und Anruf-Sammel-Taxis, die freie ÖPNV-Nutzung für Kurkarteninhaber, eine Mobilitätszentrale für private Mitnahme-Angebote als Fahrplan-Ergänzung sowie ein ÖPNV-Modell mit drei Netzebenen. Eine derartige Variante haben Planer im komplett vom Bund finanzierten Mobilitätskonzept für Nordfriesland (wir berichteten) vorgeschlagen. Mit von der Partie sein sollen rund 20 Teilnehmer aus Verwaltung, Politik, Tourismus und von Verkehrsunternehmen sowie Vertreter der drei Modellregionen des Mobilitätskonzeptes – Garding, Joldelund und Neukirchen. Die Kreisverwaltung in Husum rechnet insgesamt mit Reisekosten, inklusive Übernachtungen, von bis zu  15.000 Euro.

Für das Mehrheitsbündnis von CDU, FDP und Grünen im Kreistag sind die möglichen Erkenntnisse den Aufwand wert. „Wir wissen, es muss etwas passieren“, sagt der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Uwe Schwalm. Deshalb hatte seine Fraktion bereits in der vergangenen Wahlperiode angeregt, sich konkrete ÖPNV-Modelle anzuschauen. „Woanders haben sie schon zehn Jahre Erfahrung damit“, plädiert der Fraktions-Chef dafür, sich schlau zu machen und Fehler nicht zu wiederholen.

Austausch verspricht sich Schwalm davon, dass nordfriesische ÖPNV-Akteure gemeinsam auf Bustour gehen. Und mit Blick auf das wiederholt von der Landesregierung angekündigte 30-Millionen-Euro-Programm für die Westküste mit der Ausrichtung auf einen ressourcenschonenden Tourismus sowie auf Mobilität und Energieeinsparung betont er: „Wir müssen förderfähige Projekte in die Schubladen kriegen.“

Unverständnis erntet er damit bei den Fraktionen des SSW und der Wählergemeinschaft Nordfriesland/Die Unabhänigen (WG-NF), die im Hauptausschuss des Kreistages noch versucht hatten, die ÖPNV-Inforeise abzubiegen. Sie erwarten, dass sich die Kosten eher in einer Größenordnung von 20.000 Euro bewegen werden – „insbesondere die Ausfall- und Gehaltskosten der Teilnehmer der Verwaltung dürften die Gesamtkosten erheblich steigern“. Die beiden Fraktionen hatten vergeblich beantragt, Experten aus Nordfriesland und aus den Regionen, die angefahren werden sollen, zu einer Anhörung des zuständigen Fachausschusses in das Husumer Kreishaus einzuladen. Dies wäre nach Überzeugung von SSW-Fraktionschef Ulrich Stellfeld Petersen – „4000 Euro sind hierfür die Obergrenze“ – für einen Bruchteil der Summe möglich. „Schließlich geht es um öffentliche Gelder, und wir haben eine Vorbildfunktion“, betont der ehrenamtliche Kreispolitiker. „Wir müssen bei uns selbst anfangen zu sparen“, bekräftigt der Kreistagsabgeordnete Michael Lorenzen (WG-NF).

Umfassende Informationen ließen sich heutzutage zudem über das Internet beschaffen. „Dafür benötigt man in diesen Zeiten keine Informationsreise durch die Republik und schon gar nicht über 2500 Kilometer“, so die Vertreter von SSW und WG-NF. „Wir können neue Konzepte auch mit den guten Leuten umsetzen, die wir vor Ort haben“, findet Michael Lorenzen. Ulrich Stellfeld-Petersen: „In Nordfriesland gibt es viele Touristiker, die innovative Ideen haben, was Mobilität von Touristen angeht – aber die werden ja nicht einmal angehört.“

Auch die Sozialdemokraten sehen das Vorhaben mit Skepsis: „Die SPD-Fraktion hat beschlossen, am ‚ÖPNV-Betriebsausflug‘ nicht teilzunehmen“, bestätigte ihr Vorsitzender Thomas Nissen auf Anfrage. Eine Infofahrt mit 20 Teilnehmern sei nicht die optimale Form. Besser wären ein Workshop oder eine Anhörung in Nordfriesland gewesen, an der alle Entscheidungsträger teilnehmen könnten. Nun müsse hinterher eine angemessene Informationsveranstaltung stattfinden, erwartet Thomas Nissen: „Dann hätte man auch gleich Referenten einladen können.“

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