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Ausnahmezustand : Streik überrascht Schüler und Eltern

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Busfahrer streiken, doch spontan gebildete Fahrgemeinschaften schwächen die Folgen zumindest im südlichen Kreisgebiet deutlich ab. Am Dienstag, 8. September, wollen Gewerkschaft und Arbeitgeber weiter verhandeln.

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erstellt am 08.Sep.2015 | 07:00 Uhr

Erst als gegen 8.40 Uhr das Telefon im Sekretariat klingelte, erfuhr das Kollegium der Bredstedter Gemeinschaftsschule vom laufenden Streik der Autokraft und anderer Schulbus-Betriebe. „Eltern haben angerufen und nachgefragt, wo die Busse bleiben“, sagt Sekretärin Juliana Viertel. Nicht anders als in Bredstedt wurden am Montag, 7. September, viele Schulen im Kreisgebiet vom Streik der Busfahrer völlig überrascht. „Teilweise haben Eltern dann Fahrgemeinschaften gebildet, damit die Kinder morgens hingebracht und mittags wieder abgeholt werden konnten“, sagt Viertel. „Einige Schüler konnten aber gar nicht kommen“.

Auch auf Nordstrand fanden sich schnell Eltern zusammen, die spontan den Bus ersetzten. Andere Schüler stiegen auf das Fahrrad um. Die meisten Grundschüler hingegen schafften es trotz des Streiks zum Unterricht. „Wir haben sowieso nicht viele Buskinder“, sagt Bärbel Ebsen, Leiterin der Hattstedter Jens-Iwersen-Schule. Anderenorts, in Horstedt, organisierten die Schulen selbst den sicheren Transport der Schüler – insbesondere den der Erstklässler. Bordelum wiederum war gar nicht erst vom Streik betroffen: Ein privates Busunternehmen sorgt für die Beförderung der Schüler und sicherte der Schule schon morgens telefonisch zu, trotz des Streiks zu fahren.

Auch auf Eiderstedt war die Situation recht unterschiedlich. An der Nordseeschule in St. Peter-Ording fahren die meisten Schüler mit dem Zug oder werden von einem privaten Busunternehmen gebracht. Allerdings nehmen die Schüler normalerweise den Ortsbus von und zum Bahnhof. Gestern mussten sie laufen. „Diejenigen, die nach der fünften Stunde Schluss hatten, durften etwas früher gehen“, sagte Direktor Nils-Ole Hokamp. Nach der sechsten Stunde hatten sie dann Zeit genug, um den Zug zu erreichen. Etliche Grundschüler in St. Peter-Ording und Tönning sind dagegen auf die Autokraft angewiesen. Auch dort wurde bemängelt, dass die Gewerkschaft nicht rechtzeitig über den Streik informiert hatte und die Kinder an den Bushaltestellen warten mussten. Und auch hier übernahmen dann zumeist Eltern den Transport. Nur wenige Schüler konnten gar nicht zur Schule kommen, weil die Eltern schon zur Arbeit gefahren waren.

Ähnlich war die Situation an der Eider-Treene-Schule in Tönning. Dort nutzen etliche Fahrschüler die Autokraft. Die Schulen in Garding und Tetenbüll werden dagegen bis auf je eine Tour morgens und mittags von einem – nicht-streikenden – Subunternehmer angesteuert. In St. Peter-Ording traf der Busstreik auch Urlauber, die den Ortsbus mit der Gästekarte kostenlos nutzen können. So weit möglich, informierte die Tourismus-Zentrale über den Streik mit Aushängen in ihren Filialen, an den Strandübergängen und am Marktplatz.

In der Friedrichstädter Grundschule und der Mildstedter Grund- und Gemeinschaftsschule standen die Telefone ebenfalls nicht still. Sofern die Eltern keine Fahrgemeinschaften bildeten, galt es den Rücktransport zu organisieren. „Das hat uns kalt erwischt“, beklagte die Friedrichstädter Rektorin Maren Lubecki die mangelnde Information. Sie selbst hatte am Morgen Schüler an einer Bushaltestelle stehen sehen, aber da noch an eine Buspanne gedacht. „Etliche Schüler hatten Schwierigkeiten zu kommen oder sind ganz zuhause geblieben“, erklärte Mildstedts Schulleiter Stefan Knoll. Reibungslos lief der Schulbetrieb dagegen in Viöl: Dort bringt – mit Ausnahme auf der Strecke nach Haselund – ein privates Busunternehmen, die Schüler, als Subunternehmer der Autokraft.

In Husum zog der Busstreik bei den befragten Schulen nur zu geringfügige Verwerfungen nach sich. In der Klaus-Groth-Grundschule, die in diesem Jahr die meisten Erstklässler hat, gibt es nur wenige „Buskinder“. „Die Kinder werden überwiegend von den Eltern gebracht“, sagte Schulleiterin Andrea Bruhn. Deshalb hatte der Streik so gut wie keine Auswirkungen.

Das war bei den Gymnasien anders. Schon am frühen Morgen habe es viele Anrufe aufgeregter Eltern gegeben, so die Direktorin der Hermann-Tast-Schule, Renate Christiansen. Wie viele Kinder gestern Morgen zu spät gekommen seien, konnte sie allerdings nicht genau beziffern. „Das wissen wir wohl erst morgen.“ Christiansen selbst hatte von dem Streik – wie viele ihrer Kollegen – erst auf dem Weg zur Arbeit erfahren. Sie habe zwar von möglichen Streiks gewusst, sagte sie, doch dabei zuletzt an die Schulbusfahrer gedacht.

Unruhe brachte der Streik vor allem für Neu-Schüler. „Die müssen sich ja ohnehin noch zurechtfinden“, so Christiansen. Genau wie an der Nachbarschule, der Theodor-Storm-Schule, kommen auch an der HTS 75 Prozent aller Schüler von auswärts. Insofern sind nicht alle betroffen, aber schon die meisten“, sagte die HTS-Direktorin. Allerdings sei den Schülern zustatten gekommen, dass „wir uns bemühen, bei der Zusammensetzung der Klassen die Regionen zu berücksichtigen, aus denen sie kommen. Das erleichterte auch gestern die Bildung von Fahrgemeinschaften.

Sie könne die Beweggründe der Busfahrer schon nachvollziehen, räumte Christiansen ein, aber für Schule und Eltern wäre es eine Hilfe, „wenn wir uns in solchen Situationen organisieren könnten. Es geht hier schließlich auch um die Sicherheit.“

Vom Streik überrascht wurde auch Kollegin Sibylle Karschin. „Uns traf das – wie wahrscheinlich alle – ziemlich überraschend.“ Zur Frage, ob sie Verständnis für die Forderungen der Streikenden habe, wollte Karschin sich nicht äußern. „Da bin ich zu weit weg“, sagte die TSS-Direktorin und verwies wie Christiansen darauf, dass die Schüler im Zweifelsfall so lange in der Schule bleiben könnten, bis sie abgeholt oder im Bedarfsfall von den Lehrern nach Hause gebracht würden. Das war gestern aber nicht erforderlich. Und wenn der Streik weitergeht? „Dann entscheiden die Eltern, ob sie ihre Kinder in die Schule schicken“, so Karschin. Im Zweifelsfall fehlten sie nach Rücksprache mit der Schule entschuldigt.

Egbert Meyer-Lovis von der Autokraft hat für den Streik der Busfahrer wenig Verständnis. „Verdi hat erst letzte Woche auf einen zeitnahen Verhandlungstermin gedrängt“, erklärte der Mitarbeiter aus der Medienbetreuung des Unternehmens. Da dieser für heute angesetzt ist, hält er den Streik für „völlig unnötig“. Fünf Prozent Lohnerhöhung für 36 Monate habe man den Mitarbeitern angeboten.

Das sieht man bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi anders. Der Tarifvertrag sei zum 3. Juni ausgelaufen, so Jürgen Reimer. Schon damals habe man die Unternehmen darauf aufmerksam gemacht, dass da etwas kommen müsse. „Aber das wurde in den Wind geschlagen.“ Stattdessen habe es zunächst geheißen, eine Erhöhung der Bezüge sei nicht drin. Der Markt gebe das nicht her. Und schließlich sei dann ein Angebot vorgelegt worden, dass eine Erhöhung von fünf Prozent in vier Jahren bei einer Laufzeit von 36 Monaten vorgesehen habe. Reimer sieht darin eine vollständige Verlagerung des Risikos von Preissteigerungen auf die Arbeitnehmer. „Wir wollen eine Erhöhung des Stundenlohns um 1,50 Euro “, sagte er und verwies darauf, dass ein Busfahrer im Durchschnitt 2300 Euro brutto verdiene. Wie es nach dem heutigen Verhandlungstag weitergeht, ist für ihn offen. „Weitere Streiks seien auf jeden Fall nicht auszuschließen.

Ob sich dann – wie am Montag, 7. September – auch der Chef der Autokraft, Michael Kierek, noch einmal ans Lenkrad setzen muss, wird sich zeigen. Den letzten Busfahrerstreik gab es 2012.

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