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Pilgerstätte für die Verehrer des Dichters : Storms Grab: Eine Gruft für 35 Tote

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Morgen (Mittwoch, 22. Oktober) wird die letzte Ruhestätte des Dichters nach Jahrzehnten erstmals wieder geöffnet, weil sie auf Schäden untersucht werden soll. Theodor Storms Urgroßvater hat sie einst gekauft.

Jahraus, jahrein kommen Verehrer und Forscher nach Husum, um am Grab Theodor Storms auf dem St.-Jürgen-Friedhof dem Dichter ihre Verehrung zu erweisen. Morgen (Mittwoch, 22. Oktober) nun wird das Grab zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder geöffnet. Das Bauamt will die Statik des Gewölbes prüfen und feststellen, in welchem Ausmaß Sanierungsarbeiten notwendig sind. Doch wann und von wem ist diese Grabstätte, die einem riesigen Steinsarg gleicht, eigentlich errichtet worden?

Im Jahr 1807 wurde bekannt, dass die alte Husumer Marienkirche abgerissen werden musste. Da entschloss sich der Urgroßvater Theodor Storms, der Senator und „Ratsverwandte“ Friedrich Woldsen, als Ersatz für das Erbbegräbnis seiner Familie in der Marienkirche ein Familiengrab auf dem St.-Jürgen-Friedhof zu errichten. Deshalb kaufte er dort laut Topographischem Grabbuch drei normale Grabstätten zu je „hundert Mark“, legte sie zusammen und ließ darauf eine Grabstätte errichten, die heute noch durch ihre Größe auffällt – 6,6 mal 2,2 Meter – und die drei Meter „in die Tiefe gebaut ist“, wie Storm sich ausdrückte.

Das Grabgewölbe ist mit vier großen alten Steinplatten abgedeckt, die offenbar aus der alten Marienkirche stammen. Das unterirdische Grabgewölbe ist mit Eisenstangen ausgerüstet, auf denen die Särge der Verstorbenen Platz fanden. Zugang zur Gruft hat man nur, wenn die vordere große Steinplatte herausgehoben wird. Durch die Öffnung kann dann der Sarg in das Grabgewölbe herabgelassen werden, und auf einer Leiter können die Trauernden in die Gruft hinabsteigen.

Gleich nach der Erbauung des Grabgewölbes wurden die Särge der Ehefrau und der Tochter des Senators sowie vier Kindersärge aus der alten Marienkirche überführt. Und schon im Januar 1811 ist dessen Leiche hier beigesetzt worden. Insgesamt haben in dem Grabgewölbe 35 Menschen ihre letzte Ruhe gefunden.

Storm hatte ein äußerst emotionales Verhältnis zu dieser Familiengrabstätte. In der Novelle „Unter dem Tannenbaum“ erzählt er über die Gruft: „Ich habe sie mehr als einmal offen gesehen; das letzte Mal, als Deine Urgroßmutter starb, eine Frau in hohen Jahren, wie sie den Unserigen vergönnt zu sein pflegen. – Ich vergesse den Tag nicht. Ich war hinabgestiegen und stand unten in der Dunkelheit zwischen den Särgen, die neben und über mir auf den eisernen Stangen ruhten; die ganze alte Zeit eine ernste schweigsame Gesellschaft. Neben mir war der Totengräber, ein eisgrauer Mann. Aber einst war er jung gewesen und hatte als Kutscher, den schwarzen Pudel zwischen den Knieen, die Rappen meines Großvaters gefahren. – Er stand an einen hohen Sarg gelehnt und ließ wie liebkosend seine Hand über das schwarze Tuch des Deckels gleiten. ,Dat is min ole Herr!‘ sagte er in seinem Plattdeutsch, ,dat weer en gude Mann!‘“

Noch enger wurde sein Verhältnis zu dieser Grabstätte, als seine am 20. Mai 1865 gestorbene Frau Constanze dort beigesetzt wurde. 1869 schreibt er seinem Sohn Hans, er sei noch einmal in die Gruft hinabgestiegen und habe sich „an Mutters Sarg dann noch einmal recht satt geweint“. Ein Schock war es deshalb für ihn, als er erfuhr, dass „die Regierung das fernere Begraben auf dem in der Stadt liegenden Klosterfriedhof verboten habe“. Empört reagierte Storm: „Immer draußen (in der Emigration) hab ich an diese meine letzte Kammer daheim gedacht – Constance ruht dort; nun will man mich nicht mehr hineinlassen.“ Er werde in der Klage dagegen die Sache als „schleunig“ bezeichnen, „denn der Tod ist immer da“.

Die engsten Familienmitglieder haben dann eine Sondererlaubnis erhalten. Als eine der Letzten wurde der Sarg von Dorothea Storm geb. Jensen, der zweiten Frau des Dichters, hierher überführt – im Jahr 1903 von Dessau aus, wo sie gestorben war. Ihr Sarg steht heute ganz vorne am Eingang der Gruft.

Storms sterbliche Überreste wurden – wie Zeitgenossen überliefert haben – nach dessen Tod am 4. Juni 1888 von seinem Alterssitz in Hademarschen durch „Ehrenpforten“ zum Bahnhof geleitet und in einen „mit Blumen und Tannengrün geschmückten Waggon“ gehoben. Der Zug kam um 16 Uhr auf dem Marschbahnhof an. Die Familie und eine große Menge Trauernde geleiteten den Sarg des Dichters zum St.-Jürgen-Friedhof, wo er in die alte Familiengruft hinab gesenkt wurde.


Prof. Dr. Karl Ernst Laage gilt als einer der renommiertesten Kenner Theodor Storms und ist Ehrenpräsident der Storm-Gesellschaft.

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erstellt am 21.Okt.2014 | 13:00 Uhr

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