zur Navigation springen

Gemeinsame Tagung : Storm und Mann: Meister des Erzählens im Fokus

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Bei der gemeinsamen Tagung von Theodor-Storm- und Thomas-Mann-Gesellschaft in Husum gab es viele neue Erkenntnisse und einem neuen Präsidenten: Prof. Philipp Theisohn.

„Seit ich zwölf Jahre alt war, liebe ich diesen Autor. Auch kleine Texte kann ich häufiger lesen und entdecke immer wieder etwas Neues. Sein Erzählen ist minutiös und präzise, sodass er eine ganze Welt aus Details entstehen lassen kann. Storm ist ein Meister des Erzählens.“ Das sagt Dr. Philipp Theisohn, Professor an der Universität Zürich und neuer Präsident der Theodor-Storm-Gesellschaft. Bei der Mitgliederversammlung in Husum löste er nach zwölf Jahren Prof. Dr. Heinrich Detering ab, der diese Funktion aus zeitlichen Gründen nicht länger ausüben kann. Als Dankeschön für seine langjährige Arbeit überreichte ihm Dr. Christian Demandt, Sekretär der Storm-Gesellschaft, einen Schlüssel für das Storm-Haus „auf Lebenszeit“.

Die Mitgliederversammlung ist Teil der jährlichen Storm-Tagung, die erstmals gemeinsam mit der Thomas-Mann-Tagung stattfindet, unter dem Motto „Bürger auf Abwegen“ steht und am Mittwoch in Lübeck fortgesetzt wird.

Prof. Dr. Karl Ernst Laage zeigte in seinem Vortrag auf, wie sehr Theodor Storm Thomas Mann beeinflusst hat. So lassen sich in dessen Roman „Buddenbrooks“ viele Parallelen zu Storms Novellen finden – zum Beispiel zu „Carsten Curator“ und „Auf dem Staatshof“. Übergreifendes Thema in allen Texten ist der Verfall der Bürgerlichkeit. In der Novelle „Tonio Kröger“ verweist Thomas Mann ganz klar auf Storms Novelle „Immensee“ und seine Lyrik. Hier werden die bürgerliche und die künstlerische Existenz gegenüber gestellt.

„Verschwendung. Theodor Storm, Thomas Mann und die sich selbst richtende Bürgerlichkeit“ lautete der Titel des Vortrags von Theisohn. Er ging der Frage nach, wie Niedergang und Ökonomie zueinander stehen. Im 19. Jahrhundert änderten sich die Wirtschaftsformen massiv. Spekulationen – vielleicht nicht immer verständlich, aber für unsere Zeit selbstverständlich –, galten damals als unökonomisch, unethisch und unbürgerlich, weil sie nicht mit Realwerten gedeckt waren. Diese neue Wirtschaftsform wird sowohl in „Carsten Curator“ als auch in „Buddenbrooks“ behandelt und führt in beiden Fällen zum Untergang der Familien.

Prof. Dr. Eckart Pastor und Dr. Malte Denkert untersuchten den Gegensatz von bürgerlicher und künstlerischer Existenz bei Storm. So war eine gute, bürgerliche Existenz im 19. Jahrhundert noch an die Nützlichkeit geknüpft. Der Künstler galt dagegen als gesellschaftsfeindlich, weil er nichts zur Wirtschaft beitrug. Während sich der Künstler in Storms Novelle „Eine Gartenarbeit“ am Ende der Gesellschaft anpasst, geht es bei Thomas und seinem Bruder Heinrich Mann um die Macht, die Künstler auf die Gesellschaft ausüben können.

Das letzte Wort des Tages hatte dann Detering. In seinem Festvortrag ging es um das Bild Thomas Manns von Theodor Storm. „Korrekt gerade ist eigentlich nichts bei Storm – als so begehrenswert ihm selbst das Bild des gemütvoll Korrekten möge vorgeschwebt haben und so versucht und bemüht er gewesen sein mag, sein Leben und Wesen nach diesem Wunschbilde zu stilisieren“, zitiert er Mann und führt aus: „Das Bild des gemütvoll Korrekten, das ist das Selbstbild eines gleichermaßen ökonomisch prosperierenden, politisch emanzipierten und emotional sich frei entfaltenden Bürgertums, das Storm als einer der Letzten mit der Epoche des bürgerlichen Aufstiegs teilt.“ Dass es schon zu seinen Lebzeiten zum „Wunschbild“ geworden sei, wisse niemand besser als der bürgerliche Realist Storm selbst. Aber er versuche die Konsequenzen dieser Einsicht, die seine Erzählungen und Gedichte illusionslos dokumentieren, vor sich selbst zu verbergen; Er wolle mit beiden Händen festhalten, was er für ein Ganzes ausgebe, obwohl er sehe, dass es nur noch Trümmer seien, die seinem Zugriff in jedem Augenblick entgleiten können. „Lebensweltlich gelingt ihm noch einmal die Verbindung von Amtstätigkeit und Dichtertum, von Juristerei und Musik.“ Für Thomas Mann, der selbst keine Kaufmannslaufbahn mehr einschlagen wird, weil er ein Dichter ist, wird der Satz „Dichtertum ist die lebensmögliche Form der Inkorrektheit.“ zur Lebensmaxime.


zur Startseite

von
erstellt am 07.Sep.2015 | 10:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen