Erstes Konzert im Kulturkeller : „Stilistik ist mir völlig egal“

Hat unter anderem bei Pat Metheny und Mick Goodrick gelernt: Arne Jansen.
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Hat unter anderem bei Pat Metheny und Mick Goodrick gelernt: Arne Jansen.

Der vielseitige Gitarrist Arne Jansen kommt vom Jazz-Baltica-Festival am 4. Juli direkt in den neuen Kulturkeller in Husum. In der Kulturnacht stellt er dort gemeinsam mit Andreas Edelmann (Bass) sein neues Album vor.

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01. Juli 2015, 09:00 Uhr

Er hat Jazzgitarre in Berlin studiert und seine Fertigkeiten bei Ikonen wie Pat Metheny, Mick Goodrick, John Abercrombie und Philip Catherine weiterentwickelt. Inzwischen ist Arne Jansen 40 Jahre alt und selbst ein Star, der in unterschiedlichen Formationen spielt. Für sein aktuelles Album „The Sleep Of Reason – Ode To Goya” erhielt er im vergangenen Jahr den Echo-Preis. Anlässlich der Kulturnacht am Sonnabend, 4. Juli, kommt Jansen mit seinem Bassisten Andreas Edelmann in den neu eröffneten „Kulturkeller“ in Husum (Schlossgang 7). Das Konzert beginnt um 20 Uhr – der Eintritt ist frei.

Vom Jazz-Baltica-Konzert in den neuen „Kulturkeller“ in Husum – ein Abstieg? Oder mögen Sie solche Spielorte und Experimente?

Ich freue mich sehr auf das Konzert in Husum und finde die Abwechslung sehr reizvoll, die man als Musiker ständig erfährt: Neulich habe ich mit Jazzanova bei einem Festival in Südkorea auf einer riesigen Bühne vor tausenden Zuschauern gespielt, und das nächste Konzert fand dann mit meinem Trio in einem notdürftig zusammengehaltenen Wellblech-Lagerhaus in Riga vor 150 Leuten statt. Das waren für mich trotz der verschiedenen Umstände zwei gleichwertig schöne Konzerte. Denn es geht ja – egal wie viele Zuschauer da sind – immer um dasselbe: Man möchte für das Publikum ein wunderbares Konzert spielen und gemeinsam einen tollen Abend erleben.

Für Ihr aktuelles Album „The Sleep of Reason – Ode to Goya“ sind Sie mit dem Echo 2014 ausgezeichnet worden. Wie sind Sie auf Goya gestoßen? Und was hat Sie gereizt, eine musikalische Antwort auf seine Bilder zu finden?

Wir haben zwei Konzerte in Spanien gespielt und hatten einen freien Tag, an dem ich in das Prado-Museum in Madrid gegangen bin. Dort bin ich zufällig auf die schwarzen Gemälde Goyas gestoßen und war von den Bildern völlig überwältigt. Es war sehr bewegend für mich, dass ein paar dieser Bilder Goya als stummer Protest gegen die damals in Spanien vorherrschende Inquisition dienten. Einige Zeit später in Berlin fing ich plötzlich an, sehr viel Musik zu schreiben, und irgendwann wurde mir klar, dass die Ausgangsinspiration für diese Musik mein Goya-Erlebnis war. Ich habe dann sehr viel über ihn gelesen und einen Bildband nach dem anderen bestellt. Mittlerweile habe ich sogar einen sehr guten Kontakt zu der führenden Goya-Expertin in Spanien. Gleichzeitig entstand Stück um Stück Musik. Das Album „The Sleep Of Reason – Ode To Goya“ ist auf diese Art ganz natürlich Schritt für Schritt entstanden.

In dem Album sind auch Cover-Versionen von U2’s „Love is Blindness“ und „Brothers in Arms“ von Dire Straits zu hören. Wie passt das zusammen?

Während meiner Kompositions-Phase für das Album hatte ich eine Aufnahme-Session mit der amerikanischen Sängerin Jocelyn B. Smith im legendären Hansa-Studio in Berlin. Während der Aufnahmen erschien dort plötzlich die irische Rockband U2 mit einem Kamera-Team für eine Dokumentation über deren im Hansa-Studio aufgenommenes Album „Achtung Baby“. Das war sehr nett. Am gleichen Abend habe ich mir dann „Achtung Baby“ angehört und war besonders begeistert von der letzten Nummer des Albums: „Love Is Blindness“. Dieses Stück passte für mich textlich perfekt mit der Thematik der käuflichen Liebe zusammen, die bei Goya immer wieder (vor allem in den Caprichos) thematisiert wird. Ich bin mit der Musik von den Dire Straits aufgewachsen, und als ich in Madrid Goyas eindrucksvolle Druck-Reihe über die Schrecken des Krieges (Los Desastres de la Guerra) sah, lief bei mir im Kopf als eine Art Filmmusik „Brothers In Arms“. Wenn man die unglaublichen Schreckenstaten, zu denen die menschliche Natur fähig ist, auf diesen Bildern sieht, kam mir zwangsläufig die berühmte Textzeile „We’re fools to make war on our brothers in arms“ in den Sinn. Diese beiden Cover-Songs haben auf diese Weise für mich persönlich eine starke Verbindung zu dem Goya-Thema.

Ist es auch dieser Wandel zwischen den musikalischen Genres, der Sie reizt und Ihre Musik ausmacht?

Ja, auf jeden Fall. Die Tradition des Jazz ist ja geradezu der ständige Wandel der Musik. Jede Jazz-Stilistik für sich ist stark von anderen, gleichzeitig relevanten Musikentwicklungen beeinflusst. Charlie Parker improvisierte über die Broadway-Hits der damaligen Zeit, Fusion ist eine Verbindung von Jazz und Rock und so weiter. Deswegen bin ich offen für alle Musik, die ich zu hören bekomme. Ich weiß dann immer sehr schnell, ob mir die Musik gefällt oder nicht, aber die Stilistik ist mir völlig egal.

Sie haben mit vielen großen Musikern zusammengearbeitet und werden mit anderen gedanklich in Verbindung gebracht. Ein Name fällt dabei immer wieder: John Scofield. Wie wichtig ist so ein Vorbild für die eigene Entwicklung, und wie viel Kraft braucht es, womöglich auch trotz eines so strahlenden Vorbilds seinen eigenen Weg zu finden?

Es ist in jungen Jahren unglaublich wichtig durch intensive Beschäftigung mit einem Vorbild die Sprache des Jazz zu erlernen. Pat Metheny hat mal erzählt, dass er als junger Musiker fast wie Wes Montgomery geklungen hat, der sein großes Vorbild war. Die Ablösung von den Vorbildern entsteht dann nach und nach auf ganz natürliche Weise. Man findet seine eigene Stimme durch das Schreiben eigener Musik und dadurch, dass man möglichst viele Konzerte in verschiedensten Projekten spielt. Dann ist es ein ganz natürlicher Prozess, dass man mehr und mehr nach sich selbst klingt.

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