Aufregung in Klintum : Stall-Bau bedroht Orchideenwiese

Ortstermin an der Wiese: Carl-Heinz Christiansen, Dr. Walther Petersen-Andresen und Lutz Kretschmer (v. l.).
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Ortstermin an der Wiese: Carl-Heinz Christiansen, Dr. Walther Petersen-Andresen und Lutz Kretschmer (v. l.).

Eine bedeutende Orchideenwiese in Nordfriesland ist akut bedroht. Naturschützer kritisieren einen Stall-Bau.

shz.de von
29. Januar 2018, 00:00 Uhr

Klintum | So recht können die drei Naturschützer nicht glauben, was sie sehen. Sie stehen in Klintum vor der ihres Wissens am dichtesten bewachsenen Orchideenwiese in ganz Nordfriesland, die kurz davor steht, unterzugehen. Nach Auskunft von Carl-Heinz Christiansen vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), Dr. Walther Petersen-Andresen vom Naturschutzverein Südtondern und Lutz Kretschmer vom Naturschutzbund (Nabu) lebten im Jahr 2006 noch 2000 Exemplare des Gefleckten Knabenkrautes auf der Wiese in dem Lecker Ortsteil. Deren Bestand habe seitdem kontinuierlich abgenommen.

Den endgültigen Garaus machen werden den Pflanzen nach Ansicht der Fachleute zwei Dinge: Erstens bedroht neuer Stickstoffeintrag über die Luft die Orchideen, denn direkt nebenan wird von der Landwirtsfamilie Schmidt ein Kuhstall für 150 Tiere gebaut. Zweitens sei die Wiese „trotz der starken Niederschläge absolut trocken“, wie Christiansen betont, weil vom Bauherrn umfangreiche Drainagen verlegt wurden und das Grundwasser wochenlang abgepumpt worden sei. Eine so umfangreiche Grundwasserabsenkung war offenbar auch von der Naturschutzbehörde nicht erwartet worden, wie aus einer ihrer Mails und einem Vermerk der Artenagentur Schleswig-Holstein hervorgehe, die den Naturschutzverbänden vorliegen.

Im Vor-Ort-Termin beklagen die Fachleute, dass die Naturschutzbehörde bei der Erteilung der Baugenehmigung die Orchideenwiese offenbar „übersehen“ habe, wie ihnen eine Mitarbeiterin wörtlich gesagt haben soll. „Besonders bitter“ sei das aus Sicht des Naturschutzvereins Südtondern, weil er Jahr für Jahr unter anderem über den Zustand der Orchideenwiese Betreuungsberichte an die Untere Naturschutzbehörde schickt – und vom Kreis Nordfriesland für seine Arbeit auch Zuschüsse bekommt. Folglich sei das Gebiet aktenkundig.

Auf Nachfrage unserer Zeitung beim Kreis, ob und wie die Untere Naturschutzbehörde sich an Ort und Stelle während des Bauantragsverfahrens einen Einblick in die Situation verschafft und welche Schlüsse sie daraus gezogen habe, gibt der Kreis keine Auskunft. Ein Sprecher begründet das mit einem laufenden Verfahren vor dem Verwaltungsgericht in Schleswig. Ein Nachbar habe Widerspruch gegen die Baugenehmigung erhoben. Warum, das erklärt ein Gerichtssprecher: „wegen ,unzumutbarer Geruchsimmissionen‘“.

Außer der Orchideenwiese seien zwei weitere schützenswerte Areale bedroht, führen die Naturschützer aus: ein 2600 Quadratmeter großer Trockenhang im Eigentum der Gemeinde Leck und die knapp 8000 Quadratmeter große Bachschlucht im Besitz der Landesforsten. Dort lebe der Flutende Sellerie, der im Land nur noch ganz selten vorkomme und in der Roten Liste als „vom Aussterben bedroht“ verzeichnet sei.

Die Vertreter des BUND und des Naturschutzvereins Südtondern erinnern daran, dass „Handlungen, die zu einer Zerstörung ... von gesetzlich geschützten Biotopen führen können, verboten sind“, wie es gleichlautend im Bundes- und Landesnaturschutzgesetz geschrieben steht. Und sie werden noch konkreter: Sie können sich auf ein Immissionsgutachten stützen, das von der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein erstellt worden ist, ausgerechnet von einem Dienstleister der Landwirtschaft. Deren Gutachter kommt zu dem Schluss, dass zwischen diesen Biotopen und dem Rinderstall ein Mindestabstand von 236 Metern einzuhalten sei. „Dieser wird zu allen Biotopen in der Nähe weit unterschritten“, lautet das Fazit der Naturschützer.

Auf Nachfrage unserer Zeitung beurteilt Bauherr Markus Schmidt viele Punkte anders. So sei erst kürzlich auf der Orchideenwiese zur Probe ein Loch gegraben worden – „und bereits bei 30 Zentimetern stehe das Grundwasser.“ In zwei Monaten seien die Bauarbeiten soweit fortgeschritten, dass das Erdreich rundherum so verteilt werden könne, wie es auch in den Augen der Naturschützer sinnvoll sei. „Da bin ich absolut gesprächsbereit.“

Überdies versorge er die benachbarte Bachschlucht mit dem Regenwasser von den Dächern seines Gebäudes. Die Leitungen habe er auf eigene Kosten gelegt – und dafür auch die Ausnahmegenehmigung der Wasserbehörde bekommen.

Dann holt er etwas weiter aus und erinnert daran, dass die meisten Nachbargrundstücke früher Haupt- oder Nebenerwerbsbetriebe und einige der Gebäude früher Hühner- oder Schweineställe gewesen seien.

Ausgerechnet der Nachbar, der nun wegen der Geruchsbelastung vors Verwaltungsgericht gegangen sei, habe sich früher Schmidts Plan widersetzt, zwischen den Grundstücken eine neue Gemeindestraße durchzuziehen. „Damit hätte sich damals unser Betrieb in die andere Richtung entwickelt.“

Grundsätzlich sieht er sich mit seinem langsam gewachsenen und gut gemischten Familienbetrieb „auf dem richtigen Weg“. Ein Viertel der Milch fließe direkt in die eigene Molkerei, in der Joghurt produziert werde. Und die Klintumer Kartoffeln würden direkt an den Hauptstraßen vermarktet.

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