Husum : Stadtbild wieder in Gefahr

Bildet mit Nissenhaus und Finanzamt ein Ensemble: Das vom Abriss bedrohte  Wohngebäude. Foto: vb
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Bildet mit Nissenhaus und Finanzamt ein Ensemble: Das vom Abriss bedrohte Wohngebäude. Foto: vb

Interessengemeinschaft Baupflege schlägt wegen neuer Abrisspläne Alarm / Ein Gastbeitrag von Gerd Kühnast

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05. Mai 2011, 07:14 Uhr

Husum | Überlegungen, das alte Rathaus zu verkaufen oder den Pavillon in der Süderstraße zugunsten eines mehrstöckigen Neubaus abzureißen, haben eine Debatte über den Umgang mit historischer Bausubstanz ausgelöst (wir berichteten). Für das alte Rathaus wurde schließlich eine Lösung gefunden. Dorthin soll nach einem Umbau die Tourismus- und Stadtmarketing GmbH zurückkehren. Doch nach Ansicht von Gerd Küh nast von der Interessengemeinschaft (IG) Baupflege reicht das bei weitem nicht aus. "Stadtbilderhaltung: Fehlanzeige?" resümiert er in der neuesten Ausgabe der IG-Informationsschrift "Mauerankers", den unsere Zeitung gekürzt vorab veröffentlicht.

Die Stadt Husum hat 2010 nach Debatten im Stadtverordnetenkollegium und in den zuständigen Ausschüssen den Willen bekundet, mehr Rücksicht auf die Erhaltung des Stadtbildes zu nehmen. Dazu sei es nötig, die vorhandenen Bestandsaufnahmen auf einen aktuellen Stand zu bringen. Zu diesem Zwecke sollten die Veränderungen seit der letzten Bestandsaufnahme, die für die Innenstadt etwa 20 Jahre zurückliegt, eingefügt werden.

Und wie das so geht, werden solche Beschlüsse gefasst, protokolliert und gar zu oft abgelegt und nicht weiter umgesetzt. Das muss man auch in der Angelegenheit Stadbild-Dokumentation befürchten.

Das wäre noch nicht das Ärgste. Immerhin gibt es seit 25 Jahren eine Erhaltungssatzung, die, wenn sie denn konsequent angewandt würde, Abbrüche im Altstadtbereich - dem im Rahmen der Städtebauförderung umrissenen Gebiet - verhindern könnte, die das Stadtbild unwiederbringlich beeinträchtigen. Da aber diese Satzung konsequent ignoriert wird, und beantragte Abbrüche ohne Blick auf das Ensemble, in welches das Objekt eingebunden ist, genehmigt werden, verschwindet ein historisch wertvolles Gebäude nach dem anderen. In vielen Fällen bleiben Lücken über lange Zeit bestehen, weil die Abbruchwütigen es nicht gepackt haben, etwas Neues zu errichten oder Investoren erst bauen können, wenn etwa die Hälfte der neuen Immobilie im Vorwege verkauft ist (Beispiel: Wasserreihe).

Wenn bei Genehmigungen das gewachsene Straßenbild ausgeblendet wird und nur das fragliche Gebäude im Visier ist, also die Gesamtbetrachtung eines Ensembles nicht stattfindet, wird das Stadtbild weiterhin nicht wieder gut zu machenden Schaden nehmen.

Es droht jetzt ein neuer Sündenfall, wenn alle Verantwortlichen für den beantragten Abbruch den Zusammenhang, in dem das in Rede stehende Gebäude gesehen werden muss, ignorieren: Es handelt sich um das Wohnhaus an der Ecke Herzog-Adolf-Straße/Ludwig-Nissen-Straße - ein Backsteinbau, für einen Arzt als Wohn- und Praxishaus erbaut. 1934 wurde die Baugenehmigung erteilt. Architekt ist der Eiderstedter Georg Rieve (1878 - 1966), der ein Jahr später einen Steinwurf entfernt das Nissenhaus plante und ausführte. Das Wohnhaus ist ein typischer Bau seiner Zeit, der im Kontext der Gebäude an den übrigen drei Ecken der Straßenkreuzung gesehen werden muss - das Finanzamt, erbaut 1926 bis 1928, das Nissenhaus von 1936 und das Wohn- und Geschäftshaus im Nordosten aus der gleichen Zeit. Dieses für die Klinkerbauperiode des Heimatschutzes wichtige Ensemble sollte sehr pfleglich behandelt werden und darf nicht kurzatmigen wirtschaftlichen Interessen geopfert werden. Immerhin sind Finanzamt und Museum bereits seit langem als bedeutende Kulturdenkmale in das Denkmalbuch eingetragen.

Es wäre sträflich und fatal und käme den eben überwundenen Plänen der Stadt, das alte Rathaus zu verkaufen, gleich, dieses hervorragende Klinkerbau-Ensemble eines seiner Eckpfeiler zu berauben. Die Absicht, in diesem zentralen Bereich der Stadt Wohnraum zu schaffen, ist verständlich. Aber sie darf nicht zum Verlust eines denkmalwürdigen Gebäudes führen. Wenn die Debatte über die Stadtbilderhaltung glaubwürdig bleiben soll, darf die Stadt den Abriss des Hauses nicht zulassen.

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