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Husumer Nachrichten

20. Oktober 2017 | 23:50 Uhr

Stacheldraht statt Sonderrecht

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Die Sylter Gemeindevertretung segnet neue Landschaftsschutz-Verordnung für Dikjen Deel ab

von
erstellt am 16.Mai.2014 | 17:18 Uhr

Während im Internet debattiert wird, ob die Gemeinde Sylt „ökologische Schwulenvertreibung“ betreibt oder vorbildlichen Naturschutz, diskutierte die Gemeindevertretung Sylt in ihrer jüngsten Sitzung konsequent nur über verschiedene Sorten von Zäunen.

Auf der Tagesordnung stand die Entscheidung, ob das Dünengebiet Dikjen Deel südlich von Westerland zu einem geschützten Landschaftsbestandteil gemacht werden soll. Das Umweltamt hatte dies angeregt, weil sich zu viele Menschen in den Dünen aufhalten würden und hatte das Gebiet vor einigen Wochen mit Stacheldrahtzäunen abgesperrt. Die Gemeindevertreter beschlossen mit einer Gegenstimme, die Verordnung des Umweltamts zum dortigen Landschaftsschutz anzunehmen. Dass damit auch ein seit Jahrzehnten bestehender Schwulentreffpunkt aufgelöst wird, darüber sprach in der Gemeindevertretung in der vorhergehenden Debatte niemand. Lediglich Manfred Uekermann (CDU) konnte sich einen Kommentar nicht verkneifen – er verstünde das mediale Interesse an schlichtem Naturschutzes nicht, sagte der Vorsitzende des Landschaftszweckverbands und fügte im gleichen Atemzug hinzu: „Vielleicht war die Sylter Rundschau zum ersten Mal in dem Gebiet und hat da was gesehen, was sie überrascht hat.“ Abgesehen davon diskutierten die Gemeindevertreter darüber, ob die Absperrungen wirklich aus Stacheldraht bestehen müssen: „Es ist für mich schwer vorstellbar, dass wir die Dünen mit Stacheldraht schützen müssen“, sagte neben anderen Erik Kennel (SWG). Die bisherige Besucherlenkung habe nicht funktioniert, entgegnete Uekermann: „Dann sind Leute im Gebiet gewesen, die Aufklärungsarbeit geleistet haben - das hat auch nicht gereicht.“ Am Stacheldraht führe deshalb kein Weg vorbei.

Im Netz wird die 40 000 Euro teure Naturschutz-Aktion auf Sylt kontrovers diskutiert. Während die Nutzer von Sylt tendenziell eher der Meinung sind, die Gemeinde würde mit dem Absperren von Dikjen Deel wichtige Naturschutzarbeit leisten, empfinden die Leser des schwul-lesbischen Magazins queer die Aktion eher als diskriminierend: „Ich glaube nicht so an die ’Umweltschutz’-Gründe, sondern halte das eher für relativ billige Vorwände, schwule Bereiche dichtzumachen. Und anscheinend vergessen die in der Verwaltung von Sylt auch, dass die Insel mal bei Schwulen ziemlich beliebt war“, schreibt beispielsweise ein Leser.

Offen diskutiert werden diese Fragen allerdings nur im Netz – Roland Klockenhoff, als Vorsitzender der Naturschutzgemeinschaft Sylt mit dem insularen Naturschutzmaßnahmen vertraut, würde es für klüger halten , wenn auch Sylts Politik und Verwaltung das Thema Schwulentreffpunkt in der Debatte nicht ausklammern würden. „Aus Naturschutzsicht bin ich für die Maßnahmen des Umweltamts.“ Allerdings habe er sich auch Gedanken darüber gemacht, was dies für die Nutzer von Dikjen Deel bedeute: „Dieser Treffpunkt ist zu einer Zeit entstanden, in der Homosexualität verfolgt wurde, in denen der Paragraph 175 galt.“ Dass es zu dieser Zeit für sie ein inoffizielles „Sonderrecht“ gegeben hat, sich in den Sylter Dünen zu treffen, sei berechtigt gewesen. „Jetzt aber kommen Homosexuelle in der Mitte der Gesellschaft an – da ist so ein Sonderrecht nicht mehr zeitgemäß“, findet Klockenhoff, „ansonsten müssten wir doch Strandabschnitte für alle möglichen Gruppen schaffen.“

Ob der Stacheldraht nun wirklich abschreckenden Charakter hat, wird der Sommer zeigen. Im Netz zumindest wird schon ein neuer Treffpunkt diskutiert. Zukünftig wolle man auf ein Gebiet nahe Hörnum ausweichen, heißt es dort.

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