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Im Visier der Justiz : Spenden-Welle in falsche Kanäle?

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Die Staatsanwaltschaft Magdeburg ermittelt gegen ostdeutschen Verein wegen des Verdachts, Spendengelder zweckentfremdet verwendet zu haben. Die Flutopferhilfe Bredstedt und Umgebung hält den Verdacht für abwegig.

Bredstedt | Die Hochwasser-Katastrophe im Osten Deutschlands löste im Sommer eine Welle der Hilfsbereitschaft aus – auch in Nordfriesland. Jetzt schwappt die Welle zurück – aber anders, als es sich die vielen Spender gedacht haben. Etliche bekommen nämlich Post von der Polizeidienststelle Sachsen-Anhalt Nord: Abteilung für Zentrale Kriminalitätsbekämpfung. Darin werden sie aufgefordert, schriftlich Fragen zu beantworten. Es bestehe der Verdacht, dass Spendengelder zweckentfremdet verwendet worden seien. Wofür, dazu möchte die Staatsanwaltschaft Magdeburg zum jetzigen Zeitpunkt keine Auskunft geben.

Das Ermittlungsverfahren läuft gegen „Vigaro“ – Verein für Integration-Gemeinschaftsarbeit und Organisation – in Schönebeck bei Magdeburg. Aus diesem Verein hat sich im Jahr 2009 die Einrichtung „Suppe & Seele“ gebildet. Sie ist Suppenküche, sozialer Treff und Kleiderkammer in einem.

„Wir machen ordentliche Arbeit, und wir haben nichts zu verbergen“, betont Monique Krause (38), Geschäftsführerin des Vereins, auf Nachfrage der Husumer Nachrichten. Alles sei dokumentiert, alles könne anhand der Kontoauszüge nachvollzogen werden. „Offiziell wissen wir bis heute nicht, dass gegen uns ermittelt wird“, sagt Gorm Geißler, Gründungsmitglied und rechte Hand der Geschäftsführerin. „Erst durch Unterstützer, die Post von der Polizei bekommen haben und wissen wollten, was los ist, haben wir davon erfahren.“ Alle Aktionen, Hilfsmaßnahmen und sonstige Aktivitäten stelle der Verein stets ins Internet unter www.suppeundseele.de sowie auf die Facebook-Seite, berichtet Geißler. Entsprechend auch die Nachricht über den Vorwurf, Spendenmittel zweckentfremdet zu haben. „Wie es zu dem Vorwurf der Staatsanwaltschaft kommen konnte, ist uns bis jetzt nicht bekannt. Mit Hilfe unserer Rechtsanwälte versuchen wir gerade, seinen Ursprung und den genauen Inhalt der Beschuldigungen in Erfahrung zu bringen“, heißt es da. Und: „Wir werden alles tun, um diese Vorwürfe aufzuklären.“

Als Sylvia Dittrich aus Bredstedt diese Erklärung im Internet las, hat sie erst einmal geschluckt. Die 40-Jährige hatte im Juni mit einem unglaublichen Kraftakt die Flutopferhilfe Bredstedt und Umgebung ins Leben gerufen, um den Betroffenen zu helfen. 120 Tonnen Sachspenden kamen zusammen. Sie organisierte drei Lkw und zwei Pkw samt Fahrern, die die Güter kostenlos nach Schönebeck brachten. „Ich bin selbst mitgefahren und habe mir alles angesehen“, erzählt sie. So lernte sie auch die Helfer von „Suppe & Seele“ kennen, half bei der Essensausgabe mit, sah sich die Kleiderausgabe an. „Für den Verein lege ich meine Hand ins Feuer“, sagt die engagierte Bredstedterin. Über den Vorwurf, Geldspenden seien zweckentfremdet verwendet worden, hat sie nur vier Worte: „Das ist absoluter Blödsinn!“

Die letzte von sechs Fragen, die die Magdeburger Kriminalpolizei den Spendern zur Beantwortung stellt, lautet: „Da Ihre Spende mit dem Vermerk „Hochwasser-“ beziehungsweise Fluthilfespende“ versehen war, hätte der Verein Ihre Spende auch für interne Belange nutzen können. Oder sollte diese Spende ausschließlich für Hochwasseropfer genutzt oder ausgezahlt werden?“

Darüber kann Sylvia Dittrich nur den Kopf schütteln. „Ich hatte nie die Vorstellung, dass Geld direkt an Hilfsbedürftige ausgezahlt wird.“ Nach ihrem Verständnis sollten Lebensmittel gekauft oder es sollte den Flutopfern weitergeholfen werden. Für Dittrich steht fest: „Der Verein ist über jeden Zweifel erhaben.“ Ihr tut es nur leid, dass nun auf die Verantwortlichen „dieser unsagbare Rattenschwanz“ an bürokratischem Schreibkram und Zeitaufwand zukommt – „als wenn die nicht schon genug Arbeit hätten“.

In Schönebeck und Umgebung leben 35.000 Menschen. Davon gelten 4000 als bedürftig und dürfen die Angebote des Vereins nutzen, darunter auch Projekte für Arbeitslose und Kinder aus sozial schwachen Familien. Seit vier Jahren gibt „Suppe & Seele“ täglich 180 bis 220 Essen aus, seit dem Hochwasser sind es 300 bis 400. Es gibt vier fest angestellte Mitarbeiter und zurzeit 20 Ein-Euro-Jobber, drei 165-Euro-Jobber und 15 ehrenamtliche Helfer. „Wir haben eine klare Aufgabenteilung und eine klar getrennte Finanzierung“, erläutert Gorm Geißler. Die seit 2011 als gemeinnützig anerkannte Projekt-GmbH „Suppe & Seele“ kümmere sich um das Tagesgeschäft, ein Förderverein um die Spenden.

Während der dramatischen Tage des Hochwassers hat der Verein ebenfalls hunderte Helfer in der Region versorgt. Dafür wurde er vom Ministerpräsidenten Sachsen-Anhalts, Dr. Reiner Haseloff, ausgezeichnet. Auch die Medien halten offenbar viel von der Arbeit des Vereins. Der MDR berichtete, ARD und RTL ziehen nach. „Die Anzeige wird unserem Image nicht schaden“, ist Monique Krause überzeugt. Aber eigentlich sei es doch schade: „Während des Hochwassers waren wir gut genug, und dann wird man fallen gelassen.“ Tief enttäuscht über die Vorgehensweise zeigt sich auch Gorm Geißler. Das soziale Engagement zahlreicher Helfer und Spender werde dadurch in Frage gestellt.

Die Staatsanwaltschaft Magdeburg bestätigte auf Nachfrage der Husumer Nachrichten, dass sie mit dem Anfangsverdacht des möglichen Spendenbetrugs gegen den Verein ermittelt. Die Untersuchungen seien „ziemlich umfänglich“. In etwa zwei bis drei Monaten werde man erst sehen, ob sich der Anfangsverdacht erhärtet. Anzeige erstattet habe die Salzland-Sparkasse.

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