Sprachkurse in Husum : Spagat für den Spracherwerb

Dr. Wolfgang Frey gibt einen Deutschkurs für Asylbewerberinnen.
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Dr. Wolfgang Frey gibt einen Deutschkurs für Asylbewerberinnen.

Die Nachfrage nach Sprachkursen übersteigt das Angebot in Husum um ein Vielfaches.

shz.de von
14. Januar 2018, 18:00 Uhr

Es brummt in der Evangelischen Familienbildungsstätte: Stimmengewirr, eifrige Arbeitsstimmung und Kinderlachen dringen aus den vollbesetzten Unterrichtsräumen. Was auf der einen Seite nach erfreulicher Beteiligung am Sprachunterricht aussieht, stellt für die Kreisstadt auf der anderen Seite ein handfestes Problem dar.

„Das, was wir hier an Sprachkursen anbieten können, stopft nur die Löcher“, sagt Urte Andresen und schüttelt verzweifelt den Kopf. Sie leitet die Fachstelle Migration des Diakonischen Werkes in Husum und weiß um die prekäre Situation von Migranten, die die deutsche Sprache erlernen wollen. In sechs Kursen pro Woche geben drei Lehrer Deutschuntericht für Arabisch-, Farsi- und Dari-sprechende Menschen. Zu wenig, um den Bedarf zu decken.

Die Crux: Geflüchtete mit Aufenthaltserlaubnis oder einem aussichtsreichen Aufenthaltsstatus haben die Möglichkeit, an gesetzlich vorgeschriebenen Sprach- und Integrationskursen teilzunehmen. Geduldete Geflüchtete dürfen, während sie oftmals mehrere Jahre auf ihre Abschiebung warten, aber nicht an diesen Kursen teilnehmen. Für diese Menschen ist der Zugang zum Spracherwerb daher besonders schwierig, und sie werden langsam aber sicher „von der Gesellschaft abgekoppelt. Und das, obwohl das Erlernen der Sprache ein Grundschlüssel für das Verständnis und die weitere Integration ist“, erläutert Andresen.

Um sie trotzdem aufzufangen und ihnen eine Möglichkeit zur Teilhabe zu geben, bieten Träger wie die Volkshochschule und das Diakonische Werk, oftmals auf Basis ehrenamtlicher Unterstützung, zusätzliche Sprachkurse an. Daran können auch und vor allem geduldete Geflüchtete teilnehmen. Allerdings übersteigt die Nachfrage das Angebot bei weitem.

Für Zusatzkurse an der Volkshochschule gibt trotz aktueller Stellenaufstockung durch den Kreis noch bis 2019 mit einer Warteliste: „Und es ist lange noch nicht abzusehen, dass sich da etwas ändert“, sagt VHS-Leiter Hans-Peter Schweger.

Laut Urte Andresen liegt das Problem auch an fehlenden Kapazitäten zur Koordination der Angebote. „Integrationskurse sind mit einem irren Verwaltungsaufwand verbunden“, so die Leiterin der Migrationsstelle.

Die missliche Situation des Spracherwerbs betrifft die Kreisstadt Husum unmittelbar und langfristig: Derzeit machen 56 Migranten an der Beruflichen Schule des Kreises eine Ausbildung. Damit sie diese erfolgreich absolvieren und in den hiesigen Arbeitsmarkt integriert werden können, müssen sie nicht nur die Sprache, sondern auch das anspruchsvolle Fachvokabular erlernen – und dabei gleichzeitig ihre oft traumatischen Flucht-Erlebnisse bewältigen.

Mit ihrem Sprachunterricht füllt die Berufliche Schule eine kleine Lücke – insbesondere für junge geduldete Flüchtlinge, die sonst an keinen gesetzlichen Sprachkursen teilnehmen könnten.

„Unsere Lehrkräfte absolvieren hier tagtäglich einen wahrhaftigen Spagat“, sagt Michael Kwauka, Leiter der Beruflichen Schule. „Die erste Priorität hat der Qualitätsstandard der beruflichen Ausbildung. Gleichzeitig versuchen die Lehrkräfte auf die sprachlichen Bedürfnisse der Einzelnen eingehen“, so der Schulleiter.

Zirka 100 Schüler drücken momentan in den DaZ (Deutsch als Zweitsprache)-Klassen der Beruflichen Schule die Schulbank. Der Sprachenunterricht reicht jedoch in vielen Fällen nicht, um das für die Ausbildung notwendige Sprachniveau zu erreichen. Aus diesem Grund werden an der Beruflichen Schule alle Kräfte gebündelt: „Kleine Klassen teilen wir, um den Unterricht noch individueller anpassen zu können. In größeren Klassen bieten wir gezielt zusätzlichen Sprachunterricht an, der sich an den Fachinhalten der Ausbildung orientiert“, sagt Kwauka. Ergänzend kommen Sozialpädagogen und Jugendarbeiter zum Einsatz. „Es ist wichtig, dass wir auch beim Spracherwerb die Rolle als Vertrauensperson erfüllen“, so Kwauka.

Zudem arbeitet die Berufliche Schule in einem engen Netzwerk mit anderen Trägern und Anbietern von Sprachkursen zusammen. Die Kooperation und Koordination der Ressourcen sind für Kwauka der Schlüssel zum Erfolg.

Der Schulleiter ist trotz aller Herausforderungen positiv gestimmt: „Wir haben sowohl vom Land als auch vom Kreis eine Menge Unterstützung bekommen.“ Wichtig sei aber auch die Pflege der Sprache am jeweiligen Wohnort der Migranten. „Was wir aber vor allem brauchen, ist Zeit und Geduld“, so Kwauka.

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