Küstenschutz : Sorge um die Halligen

Dr. Karsten Reise auf Hooge.
Dr. Karsten Reise auf Hooge.

Professor Dr. Karsten Reise fordert einen Kurswechsel beim Schutz der Küsten und Halligen – sonst droht ihnen schon bald der Untergang.

shz.de von
09. August 2018, 10:00 Uhr

„Wir brauchen einen Kurswechsel beim Schutz der Küsten und Halligen“, mahnt Professor Dr. Karsten Reise. Der ehemalige Professor an der Uni Kiel und langjährige Leiter der Wattenmeerstation des Alfred-Wegener-Instituts auf Sylt, widmet sich immer wieder der Frage, „wie lange machen es die Halligen in Bezug auf den Meeresanstieg noch?“.

Er empfiehlt seit langem als eine Lösung Sandvorspülungen und alternative Bauweisen auf den Eilanden. Mit diesen Vorstellungen wirbt Reise seit Jahren für ein Umdenken, deshalb wird er von vielen Küstenschützern scherzhaft auch als „Sandmann“ bezeichnet.

In Karikaturen wären Horrorszenarien des Meeresanstiegs schon dargestellt worden: der Kölner Dom halb unter Wasser oder die Fußball-Weltmeisterschaft künftig ohne Holland. Das sei natürlich alles übertrieben, betont Reise. Um sich mit den Hintergründen des Anstiegs des Meeresspiegels sachlich befassen zu können, gehöre das Thema in jede Schule.

Selbstverständlich seien Klimawandel und steigende Temperaturen nicht länger in Abrede zu stellen. So müsse man sich Gedanken darüber machen, ob Kraftwerke direkt an den Küsten gebaut werden müssten. Die dort ins Meer geleiteten Kühlwassermengen wären auch ein Faktor zum Anstieg der Temperaturen in den Ozeanen und trügen zum Anstieg des Meeresspiegels bei.

Das größte Risiko sieht Reise im Abschmelzen der polaren Eiskappen. Nur fünf Prozent Schmelzeis aus der Antarktis führe zu einem Anstieg von drei Metern.

Berechnungen hätten ergeben, dass bis zum Jahr 2200 mit einem Anstieg des Meeresspiegels von zwei bis drei Meter zu rechnen sei. In zwanzig Jahren wisse man mehr über die Zerfallsprozesse im Eis an den Polen.

Spätestens in 150 Jahren habe der Jarpsand (liegt westlich der Hallig und wandert von West nach Ost) Hooge erreicht. Aus dieser Perspektive gesehen stelle sich die Frage, ob man dort im Rahmen eines Pilotprojekts nicht Sand vorspülen sollte. Dabei könne man auf den Sommerdeich mit seiner Steinkante verzichten und Lahnungen abbauen. Das überflüssige Material des Deiches könnte dann zum Bau weiterer Wege auf der Hallig verwendet werden. Dabei müssten sich die Hooger nur die Frage stellen, wie weit sie sich von den bisherigen Küstenschutzmaßnahmen entfernen wollten. „Weiche Kanten aus Sand“ müssen das Ziel sein, so der Professor. Auch über eine neue Bauweise auf den Halligen sollte nachgedacht werden. „Das geduckte Friesenhaus ist mit dem Meeresanstieg nicht mehr vereinbar“. Häuser auf Stelzen oder eine Bauweise ähnlich wie bei Wassertürmen wären eine Möglichkeit. Er fordert: „Die Küste muss so gestaltet werden, dass keine Umsiedlungen nötig werden.“ Das fand viel Beifall.

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