Tating : „So ein Laden hat uns hier gefehlt“

André und Simone Eggert mit ihrer Mitarbeiterin Sabrina Ehrenhardt (l.) versorgen die Kunden mit alltäglichen, aber auch exotischen Dingen des täglichen Bedarfs.
André und Simone Eggert mit ihrer Mitarbeiterin Sabrina Ehrenhardt (l.) versorgen die Kunden mit alltäglichen, aber auch exotischen Dingen des täglichen Bedarfs.

Während anderswo auf dem Land es schon längst keinen Kaufmann mehr gibt, freuen sich die Tatinger über ihren Minimarkt.

shz.de von
16. Januar 2018, 08:00 Uhr

Sonnabendmorgen, 10 Uhr in Tating. Im Nebenraum von Eggi’s Backshop und Minimarkt in der Dorfstraße 47 duftet es nach frischem Kaffee. Es herrscht reger Betrieb. 13 Frauen und Männer jeglichen Alters diskutieren bei Kaffee oder Tee über die neuesten Nachrichten aus aller Welt und die kleine Politik im Dorf. „Tratsch und Klatsch“ kommen auch nicht zu kurz. Es wird viel gelacht.

Vorne im kleinen Verkaufsraum herrscht ebenso Hochbetrieb. Frische Brötchen, das eine oder andere Kuchenstück, Eier, Marmelade und die Tageszeitung sind begehrt. Der Chef des Hauses, André Eggert, hat mit Ehefrau Simone und seiner Angestellten, Sabrina Ehrenhardt, alle Hände voll zu tun.

Gegen den Trend hat Eggi – unter diesem Namen kennt fast jeder im Ort den immer freundlichen Inhaber, in den vergangenen drei Jahren einen kleinen, aber gut laufenden Dorfladen aufgebaut, der zudem zu einem Kommunikationszentrum geworden ist. „Ja, man muss schon ein bisschen verrückt sein, wenn man das wagt, aber es hat sich gelohnt. Ich möchte allen jungen Unternehmern, die ihre Gedanken an eine Existenzgründung schon mal verworfen haben oder sie derzeit bewegen, Mut machen, einfach anzufangen“, sagt er. Und André Eggert hat auch gleich einige Ratschläge parat: Nicht dem Trend anderer Starter folgen, nämlich möglichst viele Waren im Laden anzubieten, und schon gar nicht dieselben Produkte von den verschiedensten Anbietern, sei sein zweiter Rat und sein dritter: „Man sollte immer neue Ideen ad hoc und aus Situationen heraus, auch im Gespräch mit den Menschen, entwickeln.“

Dass er selbst überhaupt mit dem Aufbau des Ladens begonnen habe, sei der Tatsache zu verdanken gewesen, dass er vor vier Jahren nicht „hinter dem Berg“ damit gehalten hatte, dass es ihm bei seinem Arbeitgeber mangels Zukunftsaussichten persönlich nicht mehr gut gegangen sei. „Ich habe einfach jedem, der es wissen wollte oder auch nicht, von meinen Problemen erzählt und dass ich eigentlich eine neue Herausforderung suchte“, so Eggert und weiter: „Irgendwann fragte mich Tatings Bürgermeister Hans Jacob Peters, ob ich nicht den brachliegenden ehemaligen Bäckerladen übernehmen wollte. Das hat mich überrascht, aber ich sagte spontan Ja.“

Als erstes lernte der Vater zweier erwachsener Kinder erstmal backen bei der Trainerin einer Großbäckerei. Eines kam zum anderen. Marmeladen kreierte er selbst in der heimischen Küche in Tümlauer-Koog. Ein DHL-Paket-Shop, eine Postfiliale direkt und ein Stehcafé wurden fast zeitgleich eingerichtet, und so startete er am 1. März 2015. „Die ersten Dorfbewohner kamen noch am selben Tag, und irgendwie wurde das zum Selbstgänger“, so Eggert. Die Idee mit dem exotischen Fleisch kam später. „Ich weiß noch, wie ich das erste Mal ein Schild mit dem Hinweis Krokodilsteak vor die Tür stellte. Mancher Stammkunde meinte, dass ich völlig übergeschnappt bin“, erzählt Eggert. „Dann kam im Schutz der Dunkelheit einer von ihnen und wollte das zumindest probieren. Seither bezieht er regelmäßig die Fleischsorten der anderen Art, und das hat sich herumgesprochen.“

Der einfallsreiche Geschäftsmann sagt von sich, dass er Kaufmann durch und durch sei. Von Anfang an habe er sein persönliches Ziel umgesetzt, 363 Tage im Jahr – außer am ersten Weihnachtstag sowie Neujahr – offen zu haben und dann jeweils durchgehend von 6 bis um 18 Uhr, sonnabends von 7 bis 13 Uhr und sonntags von 7 bis 11 Uhr. Lediglich von Mitte November bis Mitte Dezember fahre er „runter“. Dann halte seine treue Mitarbeiterin täglich die Stellung bis 10 Uhr, so dass er mit seiner Frau zumindest einen Kurzurlaub einlegen könne. Wichtig sei ihm zu betonen, dass er kein Hauptversorger ist. Seine Kunden kaufen das bei ihm, was hier und da fehlt, also Grundnahrungsmittel, wie beispielsweise Eier, Mehl, Butter oder Marmelade. Frischer Kuchen und Brötchen sind ohnehin der Renner. Die nächste Geschäftsidee sei schon geboren und werde sicherlich für den Ort und die Region Alleinstellungsmerkmal erhalten. Er will nämlich eine kleine Kaffeerösterei einrichten.

Das wird dann sicherlich auch für die Kaffeerunde interessant. Anfangs waren es fünf bis sechs Einwohner, inzwischen kommen meist mittwochs und sonnabends bis zu 20, wie der gebürtige Salzwedeler, der seit 2000 in Nordfriesland lebt, erklärt. Fast immer dabei ist die 81-jährige Rosemarie Abraham aus Tating. „So ein Laden hat uns hier gefehlt. Kaufmann und Bäcker gibt es ja nicht mehr. Ich bin gerne hier. Das ist für mich Familie“, sagt sie. Auch die junge Mutter Doreen Hillmann ist oft mit dem vier Monate alten Fynn da. „Mit netten Leuten schnacken, mir von Älteren Ratschläge holen, ist mir wichtig“, erklärt sie. „Das ist eigentlich ein Erlebnisladen und ein Ort, wo noch miteinander gesprochen wird“, sagt Kurt Eichert, Bürgermeister der Nachbargemeinde Poppenbüll. Er sei fast immer mit dabei, wie auch sein Tatinger Amtskollege Hans Jacob Peters. „Es ist so was von gemütlich hier. Ich komme oft mit der ganzen Familie. Hier kann man auch mal Klartext reden, ohne dass es gleich krumm genommen wird, und manche Anregung kann ich mitnehmen“, sagt Gemeindevertreterin Alke Cornils-Hecke. „Ich freue mich, dass wir im Dorf Einkaufsmöglichkeiten haben und gleichzeitig einen Treffpunkt für alle Altersschichten“, sagt Tatings Gemeinde-Chef. Große Hochachtung habe er vor Eggerts Mut.

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