Selbstheilung durch Blutegel : Sind sie satt, wird das Pony gesund

Die Therapeutin bei der Arbeit: Lena Rolfs setzt Blutegel zur „Fressorgie“ bei First Lady an. Melanie  Paulsen hofft auf diese Therapie für das Pony von Tochter Maylin.
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Die Therapeutin bei der Arbeit: Lena Rolfs setzt Blutegel zur „Fressorgie“ bei First Lady an. Melanie Paulsen hofft auf diese Therapie für das Pony von Tochter Maylin.

Auch Vierbeinern kann ein alternativer medizinischer Weg helfen: Dann ist Pferde-Osteopathin Lena Rolfs gefragt, die auch die Blutegel-Therapie anwendet.

shz.de von
23. Juni 2014, 16:00 Uhr

Mehr als 200 kleine Kalkzähnchen beißen sich langsam durch das Fell von First Lady. Sie gehören einem medizinischen Blutegel, zu dem sich noch drei weitere seiner Art gesellen werden. Die tierischen Blutsauger sollen ihren Durst an dem Pony stillen und damit wiederum den Stoffwechsel des Vierbeiners ankurbeln.

Die vierbeinige Patientin war beim Herumtollen auf der Weide mit „Kumpel“ Charly zusammengestoßen – die Folge: First Lady hatte eine großflächige Schwellung. Nach dem Einrenken von Wirbeln und Lymphdrainagen soll nun eine Blutegel-Therapie helfen, um letzte Blessuren zu beheben. „Wir reiten First Lady seit kurzer Zeit wieder. Aber sie ist etwas maulig und im Bereich der Schwellung noch immer komplett nass“, erzählt Melanie Paulsen.

Tochter Maylin hatte das Pony erst im November 2013 bekommen und war entsprechend traurig, als der Unfall nur ein paar Monate später passierte. Die zehnjährige Dörpumerin, die bereits an Turnieren teilnimmt, hofft, bald wieder mit ihrem Pony an den Start gehen zu können. „Die Blutegel geben uns Hoffnung, dass First Lady wieder ganz gesund wird“, sagt die Mutter, die das Pony während der Behandlung streichelt und ihm sanft zuspricht.

Die Blutegel sind in einem mit Wasser gefüllten Weckglas zum Hof der Familie transportiert worden. Lena Rolfs aus den Reußenkögen hatte die sensiblen Tierchen mit im Gepäck. Die 25-Jährige ist osteopathische Pferdetherapeutin und Physiotherapeutin im Humanbereich. Behutsam zieht sie einen Egel nach dem anderen mit einer leeren Spritze aus dem Glas und setzt ihn auf das Fell des Ponys. First Lady zuckt ein bisschen, lässt die Prozedur aber letztendlich ruhig über sich ergehen. „Die Therapie ist weitestgehend schmerzfrei, da der Egel wahrscheinlich über schmerzlindernde Stoffe verfügt“, erzählt die Nordfriesin.

Medizinische Blutegel haben in ihrem Speichel verschiedenste Substanzen, die während des Saugens in die Bisswunde abgegeben werden. Somit sind sie eine Art biologische Apotheke mit Wirkstoffen, die auch in Arzneimitteln der Schulmedizin zum Einsatz kommen. Die kleinen Wunden werden durch den Wirkstoff Calin (Saratin) vier bis zwölf Stunden offengehalten und bluten nach. Auf diese Weise reinigen sich die Wunden von selbst.

Ab und an streichelt Lena Rolfs den Blutegeln über den zierlichen Rücken. „Sie schlafen manchmal ein beim Saugen, das ist so wie bei Babys, die gestillt werden“, schmunzelt sie. Bis zu drei Zentimeter blähen sie sich während der „Fressorgie“ auf und fallen, voll des guten Blutes, nach einiger Zeit auf den Boden – Mission erfüllt. „Die Blutegeltherapie ist eine Art Selbstheilung, ähnlich wie ein Aderlass, bei dem neues und besseres Blut produziert wird“, erklärt die Osteopathin, während sie die kleinen Tiere aufsammelt und in ein zweites Weckglas steckt.

Die Egel kommen von einer deutschen Zuchtfarm. Lena Rolfs musste das Kreisveterinäramt über ihr Vorhaben informieren und verschiedenste Fragen zur Herkunft und zum Einsatzort beantworten. „Wenn sie bei mir ankommen, sind sie total ausgehungert.“

Öfter genügt schon eine Behandlung, um Pferde wieder fit zu machen. Von A wie Arthritis bis Z wie Zahnerkrankungen kann mit einer Blutegeltherapie vieles geheilt werden. Das gilt auch für Hunde, Katzen und Nagetiere oder Menschen, die beispielsweise an Durchblutungsstörungen, Tinitus, Krampfadern oder Entzündungen leiden.

Die Blutegel sind nach getaner Arbeit für einige Monate pappsatt. Deshalb müssen neue und hungrige Tiere ran. Ausgesetzt werden dürfen die vollen Blutsauger in freier Wildbahn nicht, denn sie gelten als Krankheitsüberträger.

Und wohin mit den Tieren aus der Zucht, die immerhin bis zu 30 Jahre alt werden können? „Sobald sie schlafen, werden sie eingefroren und sterben friedlich“, erklärt Lena Rolfs. Eine gängige Methode, betont sie.

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