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Ein Praktikant unter Segeln : Siegreiche Segler – trotz Ballast an Bord

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Auch ein Praktikant der Husumer Nachrichten konnte die Erfolgsfahrt der „Tina“ bei der Hever-Regatta nicht verhindern und freute sich kräftig mit den Siegern und über ein Abenteuer vor der eigenen Haustür.

von
erstellt am 13.Jun.2016 | 15:00 Uhr

„Guten Abend, ich bin der Praktikant.“ Damit habe ich den Spitznamen weg. Angesichts meiner eher bescheidenen Erfahrungen als Segler (vor Jahren bin ich mal als Verlegenheits-Smutje auf einer Yacht in der dänischen Südsee mitgeschippert), hätten mich Birger, Manfred, Jan und Skipper Christian auch einfach als „Lebend-Ballast“ bezeichnen können. Sie taten es nicht, und dafür bin ich dankbar.

Doch der Reihe nach. Freitagabend: Lagebesprechung im gut gefüllten Clubhaus des Husumer Segler-Vereins von 1928. Von Hörnum auf Sylt über Hallig Hooge und Nordstrand bis nach Dithmarschen sind Segler angereist, um an der morgigen vereinseigenen Hever-Regatta mitzuwirken. Am Ende werden es 22 Boote sein. Darunter die „Tina“ – „mein Schiff“ und das von Christian, Manfred, Birger und Jan.

Segeln ist Mannschaftssport – insbesondere bei Regatten. Aber weil Segler sehr individuelle Vorstellungen davon haben, was zu ihnen passt und die Schiffe nicht (immer) von der Stange kommen, ist es Aufgabe der Regatta-Leitung – Hans-August Nachtigall und Ehefrau Anke Kröhnert-Nachtigall –, sie in Gruppen einzuteilen. „Eine solche Zuordnung erlaubt nicht nur den Vergleich untereinander, sondern auch über sämtliche Gruppen hinweg“, erläutert Vereinsvorsitzender Hargen Johannsen. Ob das mit dem Handicap beim Golfen vergleichbar sei, fragt der „Praktikant“ mit aller gebotenen Vorsicht. Man will sich schließlich nicht blamieren. Johannsen nickt wohlwollend. Die erste Lektion ist gelernt. Es sollen aber noch viele weitere folgen.

Mein Skipper, Christian, fragt, ob ich schon mal gesegelt bin. Ich sage ihm die Wahrheit, die er mit einer schwer definierbaren Geste quittiert. Dann wird es ernst: „Auslaufen morgen um 7.30 Uhr“, sagt Christian. Das heißt: aufstehen um 6 Uhr. Eine unchristliche Zeit – nicht für Seefahrer, aber für Redakteure. Egal.

Am anderen Morgen bin ich der erste, der zum gemeinsamen Frühstück im Clubraum erscheint. Und der erste, der diesen wieder verlässt, denn meine Crew will an Bord frühstücken. Davon wusste ich nichts. Schlampige Recherche. Aber immerhin: So kann ich mich gleich nützlich machen und quasi in meinen alten Job als Smutje zurückkehren. Das heißt: Brötchen schmieren und die Jungs mit Fragen wie „Wollt Ihr was trinken?“ bei Laune halten. Die haben unterdessen schon mal die Leinen losgemacht und „motoren“ auf das Sperrwerk zu. Vor den Toren der Stadt werden dann erste Manöver durchgesprochen und der von einem Segel-Kameraden ausgeliehene Spinnaker mit Storchen-Motiv gesetzt. Der „Spi“, (Achtung: Recherche!), ein besonders großes, bauchig geschnittenes Vorsegel, das vor dem Wind zur Vergrößerung der Segelfläche eingesetzt wird (Wikipedia), soll für die kommenden Stunden ein Teil meines Zuhauses unter Deck werden. Er wird mit freien Lieken an zwei Schoten gefahren. Die Leeschot nennt sich Spischot, die Luvschot Achterholer. Luv ist übrigens die dem Wind zugewandte Seite. Doch genug des Segler-Lateins: Schon beim ersten Versuch, den Spinnaker aufzuziehen, verlieren wir das Spifall. Birger, der Tüftler an Bord, sorgt erfolgreich für Ersatz. Es kann weitergehen.

Der Startschuss fällt um 10 Uhr zwischen Tonne 62 und der „Cornelia“, die Krabbenfischer Jan-Erich Mexdorf der Regatta-Leitung zur Verfügung gestellt hat. Da wir den Heverstrom in immer kürzeren Intervallen hinauf- und dannach wieder herunterfahren, werden meiner Aufenthalte an Deck im Regatta-Verlauf immer kürzer. Dafür lerne ich, wie man einen Palstek löst und den Spinnaker nach Gebrauch vorzugsweise wieder so zusammenfaltet, dass er sich beim nächsten Einsatz nicht verheddert (was mir nur mäßig gelingt). Und zwischendurch ist ja auch noch der Smutje gefragt.

Bei den Wenden wird es hektisch an Bord. Christian gibt knackige Anweisungen und über meinem Kopf geht es zu, als sei eine Horde Karibus unterwegs (verzeiht das Bild, Jungs!). Alles muss schnell gehen, jeder Handgriff sitzen. Die Konkurrenz schläft nicht.

Vor allem die „Freja“ sitzt uns seit einiger Zeit im Nacken. Das veranlasst Birger zu der Bemerkung: „Wenn wir nicht gewinnen, schieben wird es auf den Praktikanten.“ Immer auf die Kleinen. Überhaupt: Um Sprüche sind meine Mitstreiter nicht verlegen: Als von einem Motorboot, das sich während des Niedrigwassers hat trocken fallen lassen die „Banks of Sacramento“ erschallen, ruft einer: „Schutzzone 1 und dann solche Musik.“

Als ich gerade das letzte Brötchen fürs zweite Frühstück dick mit Käse belege, ruft Christian von oben: „Tempo, da unten. Spi kommt.“ Und schon muss ich wieder zupacken, bis ich mitsamt Kombüse (die die Jungs zum besseren Verständnis für mich nur „Küche“ nennen) unter Segeltuch begraben werde. Danach will ich den Spinnaker gleich wieder zusammenfalten. Doch der Käptn ruft: „Rüdiger, lass liegen und komm’ nach oben: Zieleinlauf.“ Den Start hatte ich schon irgendwie verpasst. Dann also wenigstens das Ende mitnehmen, das noch dazu ein gutes ist: Wir haben gewonnen – mit weitem Abstand. Ein kleiner Triumph – auch für den Praktikanten, aber vor allem für eine fabelhafte Crew.

Rüdiger Otto von Brocken

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