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Problem Alkoholsucht : Seine Offenheit macht anderen Mut

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Wolfgang Beushausen kämpft seit Jahren mit seiner Alkoholsucht und berichtet ohne Scheu über dieses Tabu-Thema. Heute ist er trocken.

Wolfgang Beushausen ist trockener Alkoholiker und dankbar, dass es ihm gut geht. Der St. Peteraner ist derzeit stabil genug, um Schwierigkeiten, die sein Leben mit sich bringt, ohne Hochprozentiges zu meistern. Dennoch vergeht kein Tag, an dem er nicht an das flüssige Übel denkt – zu lange hat es ihn begleitet und ständig außer Kurs gebracht. Das Gefühl, versagt zu haben, es wieder einmal nicht geschafft zu haben, kennt der 62-Jährige zu Genüge. Gerade dann, wenn er nach einer durchzechten Nacht aufwachte, beim Blick in den Spiegel und den eisigen Blicken aus seinem Umfeld. Dann wusste er genau, dass etwas falsch ist und er etwas ändern muss.

Eine Alkoholkrankheit ist nicht immer offensichtlich zu erkennen. Manche Betroffenen verbergen ihre Alkoholsucht jahrelang so geschickt, dass niemand etwas davon mitbekommt - doch genau das macht eine Behandlung schwierig.

Er hatte oft den „Feigheitsgedanken“, wie er es formuliert. Er sei einfach zu feige gewesen, seinem Leben entgegenzutreten, so wie es ist. Dinge hinzunehmen wie sie sind, sich selbst zu lieben mit allen Fehlern und Schwächen. Doch er gibt nicht auf, das zu lernen. „Ich akzeptiere meine Krankheit. Es ist eine Tatsache, mit der ich leben muss. Selbstvorwürfe helfen mir nicht“, hat er für sich herausgefunden.

Schon als Kind wollte er nicht auffallen, sondern anderen gefallen – bloß keine Last sein. Eigene Probleme teilte er mit niemanden, sondern stapelte sie unbearbeitet in einem Winkel seiner Seele und schob sie gedanklich weg. Mit zehn Jahren hatte er ersten Kontakt mit Alkohol – hier mal am Weinglas nippen, wenn die Eltern Besuch hatten, und dort der Griff zum Glas, um Reste zu trinken. Als Konfirmand trank er ab und an ein Bier – so wie es eben halbstarke Jungs machen auf dem Weg zum Erwachsensein. Mit Eintritt in die Bundeswehr nahm das Pensum an Alkohol zu, nach dem Dienen fürs Vaterland trank er für mehr Selbstwertgefühl. Das Hamsterrad fing an, sich zu drehen, und Wolfgang Beushausen war mitten drin. War ein gewisser Alkoholpegel erst einmal erreicht, konnte er funktionieren. Stieg der Pegel allerdings, wurde er auffällig – schwere Zunge, lallen und schwanken.

Auf Druck seines damaligen Arbeitgebers und seiner Familie machte er Ende 1990 seine erste Therapie. „Trockener Entzug zu Hause. Zwei Wochen, das war lebensgefährlich“, berichtet er und kann sich noch genau daran erinnern, ans „Durchzittern“, an die Schweißausbrüche, die Unruhe und die damit verbundenen Qualen. Das hat sich bei ihm eingebrannt. Nach dem trockenen Entzug ließ er sich in die Bredstedter Fachklinik einweisen, blieb für acht Wochen und versuchte, seine Vergangenheit aufzuarbeiten und stabiler zu werden. Das schaffte er, mehr als zehn Jahre lang. Mit dem täglichen Gefecht in seinem Kopf „ich darf nicht, ich will nicht“, lernte er zu leben. Für „ich brauche nicht“ reichte es allerdings nicht.

2003 der nächste Absturz. Inzwischen war er Verwaltungsbeamter und ist es auch heute noch. Als er seinen Kollegen von seiner Abhängigkeit erzählte, fielen die meisten von ihnen aus allen Wolken. Nicht wegen seiner schonungslosen Offenheit, sondern weil es ihnen bisher nicht aufgefallen war. „Kein Wunder“, meint er, denn „Alkoholiker sind erfinderisch“. Sie wissen genau, wie sie sich in ihrer Schattenwelt bewegen müssen. Um beispielsweise den Geruch des Atems neutral zu halten, „hilft Grünes“, erklärt Wolfgang Beushausen. Erhältlich als Petersilie und Co. oder als Chlorophyll in Form von Kapseln oder auf flüssiger Basis. Abhängige sind auch Künstler, wenn es um die Beschaffung von Alkoholika geht. Kein Weg ist zu weit, um den Stoff heimlich und unerkannt zu besorgen.

Was 2003 zu seinem Rückfall geführt hat, kann er nicht benennen. Seine Vermutung: „Wenn es mir gut geht, will ich möglichst viele Dinge erledigen.“ Er halst sich dann immer mehr auf, läuft täglich auf Hochtouren und verliert dabei immer mehr Energie. Irgendwann stapeln sich die unerledigten Dinge, die er einfach nicht mehr schaffen kann und dann kommt schleichend das schlechte Gewissen. Das nistet sich ein, vermischt sich mit Unzufriedenheit und wird so groß, dass er wieder zur Flasche greift. Ein Teufelskreis, bei dem für ihn nur die Betäubung hilft. So war es dann auch in den folgenden Jahren: Absturz, Entzug, Absturz, Entzug, seit Mitte 2015 trocken und guten Mutes. Seine Kollegen gehen mit dem Thema offen um. Er geht einmal die Woche zum Therapiegespräch, sozusagen als Nachsorge. Das tut ihm gut und gibt ihm Kraft. Seine Offenheit macht anderen in der Gruppe Mut.

Auch er selbst hat Mut gefasst so sehr, dass er sich und seine Krankheit, die seit 1968 anerkannt ist, einer breiten Öffentlichkeit stellt. Das hat er im vergangenen Jahr getan beim Empfang anlässlich des neuen Kirchenjahrs im Breklumer Christian-Jensen-Kolleg. Nicht, weil er sich wichtig fühlt, sondern weil es ein Tabuthema ist. Wer geht schon freiwillig so hart mit sich ins Gericht in einer Welt, wo Selbstoptimierung wichtiger denn je scheint? Wo oft nur Erfolg zählt und nicht der Mensch dahinter? Für den 62-Jährigen ist es eine Erleichterung, seine Geschichte zu erzählen. Offen und ehrlich, keine Fragen bleibt offen, so schonungslos, das manche Antwort fast weh tut.

Was sich Wolfgang Beushausen für die Zukunft wünscht: „Morgens Zuversicht, abends Zufriedenheit, und das sich die Trockenheit nicht besonders anfühlt, sondern selbstverständlich ist.

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