Reporterin im Selbstversuch : Seenot mit Aussicht auf Rettung

Die Crew der Seenotretter hat Volontärin Jonna Lausen vor Pellworm in die Nordsee geworfen – und wieder herausgefischt.

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27. August 2018, 13:16 Uhr

„Bist du dir sicher, dass die ganze Luft aus deinem Rettungsanzug raus ist? Nicht, dass du mit den Füßen nach oben und dem Kopf nach unten im Wasser treibst“, sagt der dritte Vormann Jörg Bollenow.

Frau über Bord: Ein kleiner Schubs hilft bei der Überwindung, das freut Ernst Dostal und Normen Flemming.  Fotos: Bandixen (4)
Frau über Bord: Ein kleiner Schubs hilft bei der Überwindung, das freut Ernst Dostal und Normen Flemming. Fotos: Bandixen (4)

Ich lache, soll ja schließlich ein Witz sein, weiß mein Verstand. Mein Gefühl will sicher gehen und nachfragen, ob das wirklich passieren kann. Ich bin nervös. Angst zwickt im Bauch. Wie ein Film spielt sich alles vor mir ab. Die drei Seenotretter, allesamt beschäftigt. Das Arbeitsboot, die „Novize“, wird zu Wasser gelassen, das Sicherheitsgitter an Deck geöffnet, der Motor des Mutterschiffs röhrt, während das Boot festgesetzt wird. Ich steh’ hier einfach nur.

Ich treibe bedrohlich schnell davon

Plötzlich klatscht mir eine flache Hand auf die Schulter. Alles okay?, fragt mich Ernst Dostal, der Kapitän des Rettungskreuzers „Eiswette“. Doch bevor sich die Angst weiter breit macht, gibt der Seebär mir einen Schubs und ich platsche in die Nordsee. Salzgeschmack breitet sich in meinem Mund aus. Die Rettungsweste, die ich über meinem orangefarbenen Überlebensanzug trage, bläst sich in Brusthöhe auf – und ich treibe auf dem Rücken liegend bedrohlich schnell davon.

Ein Szenario, dass es so nicht gibt

Ich weiß, dass ich gerettet werde, schließlich bin ich hier von Profis umgeben. Die Angst ist weg, doch jetzt packt mich der Gedanke an diejenigen, die ohne Rettungsweste, ohne Überlebensanzug im Wasser treiben. Diejenigen, die nicht wissen, ob und wann sie aus dem Wasser gezogen werden. Für mich ist das ein Test. Ein Spaß, eine Vorführung, eine Mutprobe. Für die eingespielten Seenotretter Routine, zugleich ein Szenario, dass es so nicht gibt. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie das Arbeitsboot schon zu Wasser lassen, bevor eine Person in Seenot gerät, ist gleich null.

Vor dem Pellwormer Leuchtturm treibe ich in der Nordsee.
Vor dem Pellwormer Leuchtturm treibe ich in der Nordsee.

Drei Mann für 14 Tage – direkt hinter dem Deich

Trotzdem versuchen sie so schnell es geht vor Ort zu sein, wenn der Notruf ausgelöst wird. Immer in Bereitschaft, wechselt sich die siebenköpfige Stammbesetzung ab. In wechselnder Konstellation leben immer drei Mann für 14 Tage in der Unterkunft direkt hinter dem Deich in der Hörnstraße auf Nordstrand. Eine Holzbrücke entfernt zum Hafen Strucklahnungshörn, von wo aus die Fähre nach Pellworm fährt, liegt die „Eiswette“, der 20 Meter lange und fünf Meter breite Rettungskreuzer der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS). Das Schiff, mit dem wir hier raus gefahren sind, um diese Rettungsaktion durchzuspielen.

Die Strömung nimmt einen einfach mit

Während ich bedrohlich schnell immer weiter von der „Eiswette“ davon treibe, wird mir bewusst, wie schwer es sein muss, jemanden, der über Bord gegangen ist, wiederzufinden. Denn die Strömung nimmt einen einfach mit. Widerstand ist zwecklos, wenn nicht tödlich. Ich habe ja meine Weste, muss nur auf dem Rücken liegen und warten, dass ich hier wieder herausgefischt werde. Das Glück haben andere nicht.

Heikler Moment: Die Rettung aus dem Meer.
Heikler Moment: Die Rettung aus dem Meer.
 

„Ich fühle mich schlecht, wenn ich an die Menschen denke, die nicht gerettet werden.“
 

Ich höre, wie die Novize sich von hinten nähert. Dann werde ich am Westenkragen gepackt und auf das rote Boot gehievt. Zack. Gerettet. Da sitz ich nun und bin erschöpft, obwohl ich noch nicht mal selber schwimmen musste. Ich lasse mich zurück zur „Eiswette“ chauffieren. Welch ein Luxus. Ich fühle mich schlecht, wenn ich an die Menschen denke, die nicht gerettet werden.

Gerettet: Mit dem Arbeitsboot wird die Schiffsbrüchige wieder zum Seenotrettungskreuzer gebracht.
Gerettet: Mit dem Arbeitsboot wird die Schiffsbrüchige wieder zum Seenotrettungskreuzer gebracht.
 

Die Nordsee ist warm und der Anzug hat mich weitestgehend trocken gehalten. Ich habe im Steuerhaus der Eiswette auf dem Beifahrersitz neben dem Kapitän Ernst Dorstal Platz genommen, der 1999 von der Rettungsstation Büsum nach Nordstrand wechselte. Knöpfe, Hebel und Bildschirme erinnern an ein Flieger-Cockpit. Aus dem Funkgerät rauschen Stimmen, die für mich abstrakte Botschaften durchgeben. Ernst Dostal dreht sich routiniert eine Zigarette und kommt ins Erzählen, die digitale Seekarte immer im Blick.

Auf mancher Kontrollfahrt trifft man keine Menschenseele

Vor nicht langer Zeit ist einer vom Pellwormer Anleger aus ins Wasser gefallen und von der Strömung abgetrieben worden, erzählt er mir. „Warum da keiner einen Schwimmring hinterher geschmissen hat, versteh ich auch nicht“, schüttelt Dostal den Kopf und zieht an seiner Zigarette. Der Mann hatte Glück, denn die Mannschaft der „Eiswette“ war gerade unterwegs, um ein Schiff abzuschleppen, da kam der Notruf. „Man weiß nie, wann was passiert“, aber das mache den Beruf so interessant. Die Fähre nach Pellworm fährt Backbord an uns vorbei, also linksseitig, wie ich lerne, und Ernst Dostal grüßt aus seinem kleinen Fenster. „Ganz schön was los heute“, sagt er. Auf so mancher Kontrollfahrt treffe man keine Menschenseele.

Im Wind weht der orangefarbene Rettungsanzug, zum Trocknen aufgehängt. Die Seenotretter tragen die Anzüge auf ihren Einsätzen. Wie ein Mahnmal flattert er dort und erinnert mich daran, wie schnell mich das Meer davontreiben und verschlucken kann. Man gut, es gibt sie, die Seenotretter.

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