Hilfreiche Telefonnummern : Seelsorgende, die immer für einen da sind

Unter den kostenfreien Sondernummern 0800/1110111 und 0800/1110222 ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar.
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Unter den kostenfreien Sondernummern 0800/1110111 und 0800/1110222 ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar.

Sie können besonders gut zuhören und helfen, mit Problemen fertig zu werden: die 35 Ehrenamtlichen von der Telefonseelsorge Sylt. Der hilfreiche Dienst ist eine Einrichtung des Kirchenkreises Nordfriesland.

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06. Januar 2015, 12:00 Uhr

Sie sind 365 Tage im Jahr im Einsatz, verschwiegen und kompetent: die 35 ehrenamtlichen Kräfte der Telefonseelsorge (TS) Sylt. Für acht Stunden – von 16 bis 24 Uhr – sind die guten Zuhörerinnen und Zuhörer für andere da. Ansonsten übernimmt eine der anderen TS-Stellen in Deutschland.

Rund ein Jahr lang werden die freiwilligen Seelsorger auf ihre anspruchsvolle Aufgabe vorbereitet. Der Unterricht erfolgt bei wöchentlichen Treffen und drei Wochenend-Seminaren. Zum Abschluss gibt es ein Zertifikat. Kosten entstehen nicht für „TSler“ – doch sie verpflichten sich, zumindest für eine Zeit, die den Ausbildungsstunden entspricht, den Hörer der Telefonseelsorge abzunehmen. Auf Sylt bedeutet das, für drei Jahre zweimal im Monat eine Schicht von jeweils vier Stunden zu übernehmen.

Seit sechs Jahren leitet der Morsumer Pastor Ekkehard Schulz (50) die Sylter Telefonseelsorge, die ein großes Gebiet abdeckt: von der dänischen Westküstengrenze bis zur Stadtgrenze Hamburgs sowie an der Ostseeküste von Flensburg bis Altenholz. Die Hilfe war 1980 von der Evangelischen Kirche ins Leben gerufen worden – als Angebot für die Gäste und Insulaner. Der enorme Bedarf ließ es jedoch sinnvoller erscheinen, sich in die TS-Landschaft einzugliedern. Im Interview mit unserer Zeitung erläutert Ekkehard Schulz, warum dieser Dienst immens wichtig ist.

Gibt es Zeiten, zu denen die „Sorgennummer“ besonders häufig angewählt wird?

Nein. Menschen sind das ganze Jahr über einsam und rufen genau aus diesem Grund bei der Telefonseelsorge an. Sicher sind an Weihnachten und zu Silvester die Gefühlslagen noch einmal besonders – aber Einsamkeit ist ein sehr weitverbreitetes Erscheinungsbild unserer Zeit und unserer Gesellschaft. Die Menschen fühlen sich im Karneval, im Hochsommer, zu jeder Zeit allein.

Wer ruft an – melden sich auch Jugendliche?

Die überwiegende Mehrheit der etwa 2,3 Millionen Anrufe bei der Telefonseelsorge in Deutschland in 2013 waren Frauen. Zudem waren Zweidrittel der Anrufenden alleinstehend. Und mit der Veränderung der Technik – weg vom Festanschluss hin zum Mobiltelefon – haben auch jüngere Altersgruppen das Angebot der TS für sich entdeckt.

Was ist ein häufiges Gesprächsthema: Geht es um seelische Krisen durch Beziehungsprobleme? Rufen Betroffene mehrmals an?

Ja, wir haben Anrufende, die wiederholt das Gespräch mit uns suchen, weil sie zum Beispiel alleinstehend sind. Allerdings können wir kein fortlaufendes Angebot in therapeutischer Hinsicht geben, sondern allein ein seelsorgerliches. Die Bandbreite der Themen allerdings ist sehr weit aufgestellt: von psychischen Belastungen über Angstzustände und Depressionen bis hin zu Familie, Partnerschaft, Sterben und Sinnfragen sind alle Lebenslagen und Krisen vertreten.

Die Angst vor dem sozialen Abstieg hat in Deutschland die Mittelschicht erreicht – bewegen Arbeitslosigkeit und soziale Nöte zu einem Anruf?

Auf jeden Fall – auch dies sind Themen, die die Anrufenden benennen.

Da theoretisch jeder alles erreichen kann, gibt es in unserer Gesellschaft einen hohen Anspruch, dass auch jeder das Beste aus sich herausholen muss. Was bewirkt so ein Einzelkämpfertum?

Die Individualisierung ist ein gesellschaftliches Phänomen, das seinen Niederschlag letztlich auch in einem niedrigschwelligen Angebot wie der TS findet. Die Vereinzelung dient zum einen der individuellen Ausprägung des Einzelnen – gleichzeitig sind wir Menschen aber kommunikativ darauf ausgerichtet, uns mit anderen Menschen auszutauschen. Wie so oft im Leben: das eine (die individuelle Lebensform) geht zu Lasten des anderen (der erlebten Gemeinschaft). Diese Entwicklung wird nicht mehr ausgeglichen – es bedarf eines großen individuellen Einsatzes, in die fehlende Kommunikation mehr zu investieren. Diese Energie ist nicht bei allen vorhanden oder mit einer geringen Frustrationsgrenze versehen – mit anderen Worten: Die Entwicklung zur Vereinzelung bedingt einen steigenden Bedarf an Kontakt.

„Bevor Sie Selbstmord begehen, rufen Sie mich an!“ Dieses Inserat stammt aus dem Jahr 1953: Damit hat ein Pfarrer aus London den Grundstein für die Idee der Telefonseelsorge gelegt, die 1956 für Deutschland in Berlin als „Ärztliche Lebensmüdenbetreuung“ ihren Anfang nahm. Rufen noch heute viele mit Suizidabsichten an?

Der Anteil der suizidal gefährdeten Menschen an der Gesamtzahl der Kontakte ist gering. Doch jeder einzelne Anruf mit diesem Thema ist besonders. Die Annahme der jeweiligen Lebenssituation ist die stärkste Motivation, um den Betroffenen zu begleiten. Das bedarf einer sehr guten Ausbildung, die die TSler bekommen, und eine begleitende Supervision, damit niemand mit einer derartigen Situation allein bleibt.

Genügt in der Regel das Zuhören oder wird ein Lösungskonzept erwartet?

Viele wollen einmal „loswerden“, was sie bedrückt. Ihnen genügt das Zuhören, um ein wenig leichter die nächste Lebenslage bewältigen zu können. Wird weitere Begleitung erwünscht, geben wir gern Hilfe zur Selbsthilfe – wir vermitteln Kontakte oder regen zu eigenen Problemlösungen an.

Wie hört man richtig zu?

Richtiges Zuhören bedarf einiger Bausteine: Empathie; die Fähigkeit, sich auf die Anrufenden einzulassen und mit ihnen auf gleicher „Augenhöhe“ zu kommunizieren: gemeinsam schweigen können, gemeinsam lachen können.  .  . Die Anrufenden und ihre Problemlagen stehen im Mittelpunkt; sie bestimmen die Richtung, die Geschwindigkeit und die Intensität des Gesprächs. Wir machen Angebote – Entscheidungen treffen die Anrufenden selbst!

Was bekommen Sie und Ihr Team zurück?

Für die Ehrenamtlichen bedeutet dies eine Horizonterweiterung, die sie in ihrem eigenen Leben positiv begleitet.

Die Telefonseelsorge Sylt ist eine Einrichtung des evangelischen Kirchenkreises Nordfriesland. Er übernimmt die Kosten für Unterhalt, Personal, Aus- sowie Fort- und Weiterbildung. Seit 2008 gibt es einen Förderverein, gegründet von der Westerländerin Silke von Bremen. Wie wichtig ist ihr Einsatz?

Sehr wichtig! Zum einen dient der Förderverein der notwendigen Unterstützung der finanziellen Absicherung. Zum anderen ist Silke von Bremen ein gutes „Gesicht“ für die Telefonseelsorge, da die Ehrenamtlichen zum Schutz der Anrufenden als auch zum Eigenschutz sehr auf Anonymität bedacht sind und sich somit in der Öffentlichkeit nicht zeigen können. Silke von Bremen kann es – und tut es für diese gute Sache.

Wer sich für eine Mitarbeit bei der Telefonseelsorge interessiert, erreicht Pastor Ekkehard Schulz unter Telefon 04651/890225 (E-Mail telefonseelsorge@bbz-sylt.de). Das offizielle Büro befindet sich im Kirchenweg 37 in Westerland.

Die Telefonseelsorge ist eine bundesweite Organisation. Rund 8000 Ehrenamtler stehen Ratsuchenden in rund 100 Seelsorgestellen zur Seite. Träger sind die Evangelische und die Katholische Kirche.
Die Telekom trägt seit 1997 sämtliche Gebühren.

Es gibt TS-Stellen, die nur eingeschränkt besetzt sind, da sie wenige Ehrenamtliche haben; andere sind in der Lage 24-Stunden-Dienste zu leisten. Die Telekom fasst mehrere Stellen wie Sylt, Kiel, Lübeck und Hamburg zusammen, sodass die Anrufenden in diesem Bereich sofort an eine freie Nummer weitergeleitet werden – und das ohne Wartezeit.

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