Flug über das Wattenmeer : Seehund-„Inventur“ aus der Luft – Zehntausende in der Nordsee

Seehunde liegen im Wattenmeer auf einer Sandbank. /Archiv
Seehunde liegen im Wattenmeer auf einer Sandbank. /Archiv

Auf fünf Zählflügen soll der Seehundbestand in der Nordsee überprüft werden. In der ersten Phase ist Nachwuchs leicht zu erkennen.

shz.de von
16. Juni 2018, 10:13 Uhr

Husum | Im Wattenmeer werden wieder die Seehunde gezählt. Für die jährliche Robben-„Inventur“ gehen Biologen an fünf Tagen im Sommer in die Luft. „Wir fliegen 200 Meter über dem Wattenmeer und knipsen seitlich aus dem Flugzeug heraus die Seehundbänke“, erläutert Biologe Thomas Grünkorn. Aus dieser Höhe könne man Jung- und Alttiere erkennen, ohne sie zu stören. „Auf unseren Bildern sieht man, dass die Tiere nicht in Bewegung sind. Sie liegen ruhig und entspannt, obwohl sie das Flugzeug nicht gewöhnt sind, schlafen weiter.“ Grünkorn ist für Schleswig-Holsteins Seehunde zuständig. Im Auftrag des Landesbetriebs Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN) erfasst er die Robben von der Elbmündung bis zur Insel Sylt. Hier leben knapp 40 Prozent der Seehunde des gesamten Wattenmeeres.

Der Biologe zählt die einzelnen Tiere nicht während des Flugs, sondern fotografiert sie auf den Seehund-Bänken. „Wir sehen etwa 10.000 Seehunde, und das kann man aus dem Flugzeug gar nicht erfassen. Wenn wir nach viereinhalb Stunden wieder landen, wissen wir nicht, ob wir zehn Prozent mehr oder weniger im Vergleich zum Vorjahr haben, weil man solche Zahlenmengen im Kopf einfach nicht verarbeiten kann. Doch wir haben das Bildmaterial, und können die einzelnen Wurfplätze auszählen.“ Jeweils rund 800 Fotos sind das während der ersten drei Zählflüge im Juni: „Dann ist die Wurfzeit, und die Tiere verteilen sich weitflächig über das Wattenmeer – man sieht auch manchmal nur ein Muttertier mit einem einzelnen Jungtier“, schildert Grünkorn. In dieser ersten Phase der Wurfsaison sind die Größenunterschiede zwischen Jung- und Muttertieren noch so deutlich, dass man gut erkennen kann, wie umfangreich der Nachwuchs ist.

Doch Seehundewelpen wachsen schnell, im August sind sie nicht mehr von den älteren Tieren zu unterscheiden. Dann liegen die Seehunde in größeren Gruppen auf den Liegeplätzen. „Dann kommen nur 400 Bilder zusammen“, sagt Grünkorn. Die Auswertung der Bilder eines Fluges kann bis zu fünf Tage dauern.

Grünkorn liefert dem LKN nur die nackten Zahlen, die er auf den Sandbänken ermittelt. Diese entsprechen jedoch nicht dem tatsächlichen Bestand, da sich niemals alle Seehunde gleichzeitig auf den Sandbänken aalen. Wie viele Tiere bei den Zählungen im Wasser sind, kann nur geschätzt werden. Ein entsprechender Korrekturfaktor wurde laut Grünkorn in den Niederlanden mit Telemetriedaten ermittelt. Das LKN errechnet mit Hilfe von Grünkorns Zahlen und dem Korrekturfaktor letztendlich den Bestand.

Die Seehundezählungen sind Teil eines internationalen Abkommens zum Schutz der Tiere in Deutschland, Dänemark und den Niederlanden. Die aktuellen Zahlen werden im Spätherbst vom Gemeinsamen Wattenmeersekretariat in Wilhelmshaven veröffentlicht.

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