Flüchtlingsprojekt in Husum : Schutzraum für traumatisierte Kinder

Zugang zum Kind erleichtert eine pfiffige Handpuppe: Ursula Greulsberg präsentiert den „Wolf im Schafspelz“.
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Zugang zum Kind erleichtert eine pfiffige Handpuppe: der „Wolf im Schafspelz“.

Einen „Ankerplatz für Flüchtlingskinder“ bietet neuerdings das Kinderschutz-Zentrum Westküste in Husum.

shz.de von
09. Januar 2018, 07:00 Uhr

Manchmal wird aus dem harmlosen Schäfchen plötzlich ein Wolf, der Zähne und Krallen zeigt – und auch einsetzt. Trauma-Pädagogin Ursula Greulsberg vom Diakonischen Werk Husum nimmt eine Handpuppe in Form eines Plüsch-Schafs aus dem Regal ihres Arbeitszimmers und öffnet den am Schafbauch verborgenen Reißverschluss. Da guckt plötzlich ein spitzes Wolfsgesicht hervor und schnell wird klar, wie eng Schaf und Wolf in einer Kinderseele beieinander sitzen können. „Oft wird ein Kind als Schaf wahrgenommen, doch ganz unerwartet schlägt die Stimmung um und niemand weiß, wo die Ursache für die Aggression liegt“, sagt Greulsberg. „Beide Seiten, Schaf und Wolf, sind miteinander verbunden, und die wölfische Seite ist für das Kind überlebensnotwendig, um sich zu wehren.“

Mit Hilfe dieser Handpuppe kommt Greulsberg mit Kindern behutsam ins Gespräch. Sie ist ein wichtiges Arbeitsmittel in dem neu installierten Projekt „Ankerplatz für Flüchtlingskinder“ des Kinderschutz-Zentrums Westküste im Diakonischen Werk Husum. Es ist zunächst auf drei Jahre angelegt und wird für diese Frist vom Deutschen Hilfswerk finanziell gefördert.

Ursula Greulsberg ist eine von zwei Mitarbeiterinnen in diesem Projekt. Dessen Herzstück ist es, geflüchtete Kinder und Jugendliche mit psychischer oder physischer Gewalterfahrung unter Einbeziehung ihrer Eltern zu stabilisieren, zu stärken und zu stützen. Das Angebot richtet sich an junge Menschen bis 18 Jahre und ist zunächst für Einzelpersonen gedacht; geplant sind jedoch auch Gruppenangebote.

Räumlich deckt das Projekt die Landkreise Nordfriesland und Dithmarschen ab. „Es ist gleichgültig, wo die traumatischen Erfahrungen gemacht wurden – ob im Ursprungsland, auf der Flucht oder hier“, führt Greulsberg aus. Sie müssen zudem noch mit einer völlig anderen Kultur zurechtkommen.

Der springende Punkt ist, dass diese Kinder und Jugendlichen in der Kindertagesstätte oder der Schule auffällig werden. Stark belastete junge Menschen leiden unter Über-Erregung, Vermeidungsverhalten, Wiedererleben traumatischer Ereignisse und Funktions-Beeinträchtigungen: „Sie ziehen sich zurück, werden aggressiv oder fallen in frühkindliche Verhaltensweisen“, fasst es Ursula Funk, Leiterin des Kinderschutz-Zentrums Westküste, zusammen.

Möglich ist es, dass sich Mitarbeiter von Schulen oder Kindertagesstätten an das Kinderschutz-Zentrum wenden. Auch können Eltern gemeinsam mit ihren Kindern – von Fall zu Fall unter Hinzuziehung eines Sprachmittlers – das Zentrum aufsuchen. Ältere Jugendliche können selbstständig um Rat fragen. Für Jüngere ist die Stabilisierung im Alltag vordringlich, um die Schule mit Freude am Lernen erfolgreich meistern zu können; für die Eltern steht das angemessene Begleiten ihrer Kinder an erster Stelle, das Begreifen der Wichtigkeit von Ritualen, von „Da sein“ und von gemeinsamem, unbeschwertem Spiel zwischen Eltern und Kindern. Für Ältere ist es wichtig zu verstehen, was das Geschehene in der eigenen Seele ausgelöst hat. Dass es beispielsweise normal und menschlich ist, schwerem Erleben mit Ausnahme-Handlungen oder -Verhalten zu begegnen und dass dies keineswegs ein Zeichen von „Verrücktsein“ ist.

Ziel ist es, geflüchteten Kindern und Jugendlichen psychische Entlastung zu gewähren und aggressive Verhaltensweisen zu reduzieren, damit sie die Aufgaben besser bewältigen können, die die Integration ihnen abverlangt: Die Sprache lernen in Schrift und Wort, Kontakte in der neuen Heimat knüpfen und die Schulausbildung absolvieren.

Dafür steht das Projekt „Ankerplatz“ – Greulsberg zufolge für viele Kinder und Jugendliche „die einzige Möglichkeit, sich mitzuteilen in einem geschützten Raum, wo sie ernst genommen werden“ – wo sie lernen, den „Wolf im Schafspelz“ aktiv, effektiv und für alle Seiten entspannend „im Zaum“ zu halten.

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