Ende einer Ära an der Tönninger Grundschule : „Schule hat sich sehr verändert“

Hans-Jürgen Sörensen  im Kreise einiger Schüler. Er hat es keinen Tag bereut, Lehrer geworden zu sein.
Hans-Jürgen Sörensen im Kreise einiger Schüler. Er hat es keinen Tag bereut, Lehrer geworden zu sein.

Der Rektor der Schule am Ostertor in Tönning geht nach 40 Jahren im Schuldienst in den Ruhestand und zieht Bilanz über den Wandel in Pädagogik und Gesellschaft. Wer sein Nachfolger wird, steht noch nicht fest.

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25. Januar 2015, 16:00 Uhr

Hunderte kleiner Tönninger und Eiderstedter haben unter seinen Fittichen die allerersten Schritte auf dem Weg in das eigene Leben gewagt. Hans-Jürgen Sörensen hat ihnen als Grund- und Hauptschullehrer Starthilfe gegeben. 40 Jahre war er insgesamt als Pädagoge tätig, davon 24 Jahre als Rektor der Tönninger Schule am Ostertor. Nun geht er zum Halbjahresende in den Ruhestand. Er hat die Altersgrenze erreicht. Am kommenden Freitag (30.) findet in der Schule die offizielle Abschiedsfeier statt.

Hans-Jürgen Sörensen hat in diesen vier Jahrzehnten viele Veränderungen in der Pädagogik, in der Schulpolitik, aber auch in der Gesellschaft hautnah miterlebt. Manches findet er sehr gut, wie beispielsweise die Gemeinschaftsschule, weil dort die Kinder länger gemeinsam lernen, anderes nicht so gut, wie die Inklusion von geistig- oder lernbehinderten Kindern in eine normale Klasse. „Es ist nicht gut, wenn ein Schüler ständig erfährt, dass er nicht das leisten kann, was andere schaffen.“ Und richtig geärgert hat ihn die Abschaffung des Schulkindergartens Mitte der 1990er Jahre. „Dort wurden die Kinder auf die Schule vorbereitet, die noch nicht so weit waren. Ihnen wurde damit ein Jahr zusätzlich Zeit gegeben. Dort wurde auch das soziale Verhalten geübt. Damals mussten nicht die Kinder schulreif, sondern die Schule kinderreif sein. Heute ist das anders.“

In der Aufbruchstimmung der Nach-68er-Jahren ist Sörensen Lehrer geworden. „Wir wollten eine bessere Schule machen und damit die Welt verändern“, sagt der gebürtige Bredstedter mit dem für ihn typischen leichten Lächeln auf den Lippen. Dabei war er vorgeprägt, sein Vater war in Wallsbüll Lehrer. „Nach der zehnten Klasse konnte ich Schule nicht mehr sehen und bin erst mal Zahntechniker geworden.“ Dann folgte der Grundwehrdienst, und dann stand sein neuer Berufswunsch fest. „Keinen Tag habe ich diese Entscheidung bereut. Es ist ein unglaublich interessanter Beruf, die Kinder fordern einen.“ Von 1972 bis 1975 studierte er in Flensburg. Seine erste Stelle war in Wewelsfleth. „Das war eine spannende Zeit, weil in der Nähe das Atomkraftwerk Brokdorf gebaut werden sollte. Das ganze Dorf war dagegen“, erinnert sich Sörensen. Es folgte Kellinghusen, von 1983 bis 1985 leitete er das Schullandheim in Rantum auf Sylt, dann war er in Wacken und Lunden tätig. „Ich wollte zurück nach Nordfriesland, das gelang mir 1991, da wurde ich Rektor der Grund- und Hauptschule in Tönning.“ 270 Kinder besuchten die Schule damals. „In Spitzenzeiten waren es mehr als 400.“ Seit einigen Jahren ist die Einrichtung in der Straße am Hochsteg eine reine Grundschule. „Derzeit haben wir 207 Jungen und Mädchen mit den 30 in unserer Außenstelle Oldenswort. Langfristig wird sich die Zahl bei 150 einpendeln.“

In den Jahren hat sich Schule sehr verändert. „Es gibt heute vielmehr Alleinerziehende. Das hat Auswirkungen, die Zahl der Verhaltensauffälligkeiten hat zugenommen. Die Zahl der Kinder, die ihre Not herausschreien und die Klasse in Mitleidenschaft ziehen, wächst“, sagt Sörensen. Die Schulsozialarbeit sei unverzichtbar. Aber er widerspricht auch deutlich einem weitverbreiteten Klischee: „Die große Zahl der Eltern erzieht ihre Kinder immer noch gut.“ Geändert hat sich auch die Aufgabe der Schule. War sie früher eine reine Bildungsanstalt, ist sie in Zeiten, in denen sehr oft Vater und Mutter berufstätig sind, auch ein Aufbewahrungsort, wie Sörensen sagt. So hatte er gleich zu Beginn seiner Zeit in Tönning die verlässliche erste und sechste Stunde eingeführt. Heute gibt es an der Grundschule eine Betreuung bis 17 Uhr. „Aber was ist mit dem Wochenende und nachts, beispielsweise bei Krankenschwestern.“

Dann hat der Computer Einzug gehalten. „Fast alle Kinder können damit umgehen, wenn sie in die Schule kommen.“ Stärker zugenommen haben allerdings die Unterschiede zwischen ihnen: Die einen können schon schreiben, wenn sie Abc-Schützen werde, und „die anderen kaum sprechen, weil sie zu viel vor dem Fernseher sitzen“, weiß Sörensen. Stark aufgeholt haben die Mädchen, sagt er. „Sie haben die Jungs überholt, auch in den untypischen Fächern. Das liegt daran, dass man ihnen mehr zutraut. Früher hieß es, „du musst ja eh nur heiraten“.

Für die Zukunft wünscht er Schule mehr Beständigkeit in der Politik, dass die Gemeinschaftsschule Erfolg hat und ihretwegen die Lehrerausbildung reformiert wird. Ferner müssten Grundschullehrer auch eine sonderpädagogische Ausbildung erhalten. Und er wünscht sich, dass der Beruf auch attraktiv für Männer bleibt. „Die Jungen brauchen männliche Lehrer, besonders wenn zuhause kein Vater ist. Väter sind wichtig für die Erziehung, weil sie weniger loben und mehr fordern.“

Privat will er sich nun selbst einige Wünsche erfüllen: „Da habe ich Programm für 30 Jahre.“ Unter anderem will Sörensen eine Reise von Alaska bis Feuerland unternehmen und in mehreren Etappen einmal durch Deutschland wandern. Wer sein Nachfolger als Rektor wird, steht allerdings noch nicht fest.

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