Dörfer im Fokus : Schützengilde Viöl: Ein König ohne Uniform

Gespannte Stille vor dem Schuss: Sven Sievertsen (v. l.), Jürgen Jensen und Jörg Bütow.
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Gespannte Stille vor dem Schuss: Sven Sievertsen (v. l.), Jürgen Jensen und Jörg Bütow.

Die Schützen verzichten auf traditionellen Zwirn. Sie sind im Aufschwung, standen aber vor zwei Jahren noch kurz vorm Ende.

shz.de von
05. Januar 2018, 12:00 Uhr

Behutsam legt Jürgen Jensen (49) das Kleinkalibergewehr auf den Sandsack am Schießstand auf. Er nimmt einen breiten Stand ein und zielt durch Kimme und Korn. Sein Zeigefinger ruht am Abzug. Ein Knall. In 50 Metern Entfernung schlägt die Kugel in die Zielscheibe ein: acht Punkte. Der Zeremonienmeister der Viöler Schützengilde lächelt zufrieden.

In unserer Dorfserie werfen wir einen genauen Blick in drei Ortschaften. Im Norden Ockholm, im Süden Westerhever und in der Mitte Viöl. Wie gestaltet sich das Dorfleben, war früher alles besser und was machen die Bewohner in ihrer Freizeit? In Viöl haben bisher der Bürgermeister, die Freiwillige Feuerwehr und die Schützengilde ihre Türen für uns geöffnet.

Für die Mitglieder der Gilde sind die Kleinkaliber- und Luftgewehre Sportgeräte, mit denen verantwortungsvoll umgegangen werden muss. „Es fühlt sich beim Schuss auf die Zielscheibe nicht an wie eine Waffe. Es ist ein Geschicklichkeitssport“, schildert Jensen, der als Marineoffizier arbeitet. Dennoch müssen die Schützen vorsichtig sein. „Das Gewehr gilt immer als geladen.“ Eine Patrone passt in den Lauf.

Der Zeremonienmeister ist treffsicher:

Mit frischen Ideen ins neue Jahr

Die Schützengilde gibt es seit rund 114 Jahren. Zahlreiche Bildcollagen im Vereinsheim zeugen von Schützenfesten in Uniform und festen Traditionen. Früher zogen die Schützen in Marschformation und unter den Klängen von Marschmusik durchs ganze Dorf, um den amtierenden König zum Fest abzuholen.

„Vor 20 Jahren hingen noch im ganzen Dorf Flaggen zum Schützenfest. Doch das wurde über die Jahre immer weniger und auch die Mitgliederzahl sank“, schildert Jörg Bütow (50), zweiter Vorsitzender. Das Dorf sei aber mittlerweile auch zu groß. „Da wären wir zum Teil ewig unterwegs.“ Auch dies ist in die Entscheidung der Schützen eingeflossen, ihre Gilde ein Stück weit zu modernisieren. „Wir lassen die Uniformen weg und ziehen nicht mehr durchs Dorf.“ Zudem sind einige Regeln gestrichen worden, etwa dass nur verheiratete Männer in die Schützengilde aufgenommen werden. Geblieben ist der spielerische Wettkampf um das Amt des Königs – und mittlerweile auch der Königin. Wer die höchste Punktzahl beim Schießen auf die Scheibe erzielt, gewinnt.

 

„Und wir laufen auch immer noch im Uhrzeigersinn um eine Birke an der Eichenkränze hängen, bevor wir beim Schützenfest hineingehen. Wer es vergisst, muss Bier ausgeben“, ergänzt der Vorsitzende des Schützenvereins Sven Sievertsen (37). Die Frage nach dem Warum beantwortet er im ersten Anlauf mit: „Weil das schon immer so war.“ Auch seine Vereinskollegen sind ratlos. Jörg Bütow greift zum Telefon, um seinen Vater zu fragen, der zu aktiven Zeiten auch ein Amt im Vorstand der Gilde inne hatte. „Er sagt, es hat etwas mit dem Wald zu tun und damit, dass die Eiche als einrs der ersten Bäume im Jahr Blätter trägt. Auch die Girlande des Schützenkönigs ist aus Eichenblättern.“

Indem sich die Gilde von der einen oder anderen Tradition verabschiedete und direkt auf die Viöler zuging, konnten die Mitglieder viele neue Schützen werben. „Seit 2016 sind 17 Neue in den Verein eingetreten“, so der Vorsitzende. Insgesamt sind 73 Frauen und Männer zwischen 16 und 80 Jahren in der Gilde.

Dabei stand sie vor zwei Jahren noch kurz vor der Auflösung. Damals trat der Vorstand zurück „und ohne ihn kein Verein. Die außerordentliche Sitzung hatte nur einen Punkt auf der Tagesordnung: Auflösung der Gilde“, schildert Jürgen Jensen. Doch es kam anders: Sven Sievertsen stellte sich als Vorsitzender zu Wahl, und Jörg Bütow folgte der „Familientradition“ und trat für das Amt des zweiten Vorsitzenden an.

„Ich habe überlegt, was mir hier alles Spaß macht, und was mit dem Ende der Gilde verloren gegangen wäre, etwa unser Vereinsheim“, so Sievertsen. Der Entscheidung, das Amt anzunehmen, sei ihm deshalb nicht schwer gefallen.

Auch die Geselligkeit und die gemeinsamen Abende mit der Gilde seien es Wert gewesen erhalten zu bleiben. „Als ich hier vor 20 Jahren hergezogen bin, bin ich zu den Schützen gegangen, um soziale Kontakte zu knüpfen, nicht weil Schießen mein Hobby ist“, sagt Jensen.

Trotz aller Energie, die die drei Vorstandsmitglieder in die Gilde stecken, engagieren sie sich auch in anderen Vereinen, etwa der Freiwilligen Feuerwehr. „Wenn jetzt der Melder losgeht, sind wir hier alle weg.“

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