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Podiumsdiskussion an der Beruflichen Schule Husum : Schüler prüfen Wahlkämpfer

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Bundestagskandidaten debattieren in Husum bei einer Podiumsdiskussion der Beruflichen Schule des Kreises Nordfriesland.

Als AfD-Mann Gereon Bollmann der kritischen Haltung des Linken-Landeschefs zu deutschen Rüstungsexporten beipflichtet („Bin da ganz bei Herrn Beutin“), platzt diesem der Kragen. „Die AfD ist eine Partei, die Menschen erschießen lässt. Wir haben nichts gemeinsam“, verbittet sich Lorenz Gösta Beutin jegliche Zustimmung von rechts.

Dabei sieht es gestern bei der Podiumsdiskussion der Beruflichen Schule an der Hermann-Tast-Straße zur Bundestagswahl lange Zeit nicht nach einer allzu kontroversen Debatte aus. Die Teilnehmer geben sich vor Beginn artig die Hände, und Bollmanns rechter Nachbar, Danny Greulich von den Grünen, hat kein Problem, sich mit dem Richter am Oberlandesgericht Schleswig, der auf Platz drei der AfD-Landesliste rangiert, das Mikrofon zu teilen. Links neben Bollmann sitzt SPD-Parlamentarier Matthias Ilgen, der keine Scheu hat, ab und an mit dem Vertreter der umstrittenen Alternative für Deutschland kurz zu plaudern, während das Publikum gerade einem anderen Politiker zuhört.

Und bei vielen Themenbereichen blasen die Kandidaten ins gleiche Horn. Klar, keiner setzt sich hin und sagt: Wir wollen bei der Bildung kürzen. Oder beim Straßenbau. Aber gestritten wird doch noch.

Sechs Bundestagsbewerber haben die Initiatoren, allesamt Berufsoberschüler, zu der Veranstaltung eingeladen. CDU-Kreis-Chefin Astrid Damerow, die in der vergangenen Legislaturperiode noch im Landtag saß und nun nach Berlin will, und Berthold Brodersen (FDP) komplettieren das Podium. Einzig Bundeswehr-Hauptmann Danny Greulich von den Grünen kann am 24. September nicht gewählt werden. Er ist als Vertreter des Wahlkreis-Kandidaten Arfst Wagner gekommen.

„Es gibt keine bessere Gelegenheit, sich einen Eindruck davon zu verschaffen, wer für Sie in den Bundestag geht“, sagt Schulleiter Michael Kwauka eingangs der Veranstaltung, die von den Schülern Luka Maras und Malte Thomsen moderiert wird. Das sehen wohl auch viele der etwa 450 Zuhörer so. „Ich weiß noch nicht, was passiert, aber das ist sicher relevant“, meint etwa Sarah Lang mit Blick auf die eigene Meinungsbildung. Und Mitschülerin Vera Seifert ergänzt: „Es ist ganz informativ, sich das mal anzuhören.“

Bildung, Infrastruktur, Nahverkehr, Drogenpolitik, Gleichberechtigung – das sind zunächst die Themenfelder, zu denen sich die Kandidaten erklären müssen. Die SPD will das Bafög erhöhen, die Grünen wollen, dass nicht alles zurückgezahlt werden muss. Und die Linke verspricht ein Studiengehalt. Das kommt an bei Schülern, von denen nicht wenige noch studieren wollen. Mit dem Eingeständnis, dass das Thema bei der AfD „noch in der Diskussion“ ist, kann Richter Bollmann da kaum punkten.

Bei der Infrastruktur – Stichwort Straßenbau – sind sich die Politiker weitgehend einig, dass mehr Architekten und Bauingenieure für die Planung benötigt werden. Doch während Sozialdemokrat Ilgen die Ablösung des CSU-Verkehrsministers Alexander Dobrindt fordert, weil zu viel Geld nach Bayern fließe, nimmt Astrid Damerow ihren Unionskollegen von der Schwesterpartei in Schutz. Im Freistaat hätten sie eben fertige Projekte in der Schublade. Als es dann um den Ausbau der B5 geht, weiß selbst der 28-jährige Danny Greulich, dass das schon seit den 1970er Jahren ein Dauerbrenner ist – ohne erkennbaren Fortschritt. Auch Berthold Brodersen dringt auf mehr Planung. „Wir brauchen fertige Projekte, dann kann man die auch umsetzen“, glaubt der Liberale aus Niebüll.

Als es im Feld Gleichberechtigung um die Ehe für alle geht, ist Gereon Bollmann isoliert. Er verweist auf geltendes Recht und die eingetragene Lebenspartnerschaft. Handlungsbedarf sieht er nicht, zumal es um ein Thema „mit geringer gesellschaftlicher Relevanz“ gehe. Die Meinungsbeiträge aus dem Publikum lassen indes anderes vermuten. „Warum muss man darüber überhaupt diskutieren?“, äußert eine Schülerin Unverständnis. CDU-Frau Damerow hat nichts gegen die in der Union durchaus umstrittene sogenannte „Homo-Ehe“, ihr passt aber nicht, wie die Abstimmung, die just heute im Parlament ansteht, in den vergangenen Tagen herbeigeführt wurde.

Dann steht die heißeste Debatte an, als es nämlich um die Flüchtlingspolitik geht. Es werden bekannte Positionen ausgetauscht, etwa über Sinn und Unsinn eines Einwanderungsgesetzes oder über sichere Herkunftsländer. Am emotionalsten wird es nicht beim Streit zwischen Beutin und Bollmann, sondern als Siavash Nassir im Publikum sich zu Wort meldet. Er wirbt eindringlich um Verständnis für Flüchtlinge, von denen nicht wenige die Berufsschule besuchen. Vorausgegangen ist die Frage einer Schülerin zu sicheren Herkunftsländern. „Niemand ist freiwillig hier“, sagt der Lehrer, der 1975 aus dem Iran nach Deutschland kam. Niemand verlasse freiwillig seine Heimat. Viele hätten Angst, wenn sie als Asylsuchende nicht anerkannt würden.

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