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Husumer Nachrichten

11. Dezember 2017 | 03:25 Uhr

Husum : Schüler bringen Schülern Storm näher

vom

Altersgerechte Führungen durch die Stadt und das Museum: Husumer Gymnasiasten erklären auswärtigen Klassen die Welt des Dichters

shz.de von
erstellt am 11.Mai.2013 | 08:45 Uhr

Husum | Lucas fühlt sich von Theodor Storm beobachtet. "Die Blicke verfol-

gen einen", sagt der Elfjährige zu seinem Kumpel und wendet dem im Treppenhaus des Storm-Hauses hängenden Porträtgemälde des Dichters den Rücken zu. Auf diesen Effekt aufmerksam gemacht hat den Jungen zuvor Nontje Rücker, an deren Fersen sich Lucas jetzt wieder heftet. Bloß nichts verpassen . . .

Die zehnköpfige Kindergruppe folgt der blonden Gymnasiastin brav durch die Museumsräume in der Wasserreihe. Die 18-Jährige ist eine von drei Hermann-Tast-Schülern, die seit rund einem Vierteljahr ein für Schulklassen entwickeltes Sonderprogramm mit Leben erfüllen. "Schüler führen Schüler" heißt das Pilotprojekt von Niklas Friedrichsen (17), Tim Weckmar (18) und Nontje. Die drei aus dem zwölften HTS-Jahrgang wollen Husums berühmtesten Sohn "wiederbeleben", indem sie ihn der heutigen Jugend zugänglich machen. Ihr Ziel: "Unsere Begeisterung für Storm weiterzugeben und die magische Atmosphäre in seinem Haus erlebbar zu machen." Getreu der Aussage "Er ist ein Meister, er bleibt" von Thomas Mann, die sich denn auch auf den grauen Kapuzenshirts wiederfindet, die das Trio eigens für diesen Zweck als Führungseinheit kenntlich machen.

Heute hat sich eine sechste Klasse der Integrierten Gesamtschule aus Buchholz angemeldet. Die 29 Mädchen und Jungen der sogenannten Europaklasse haben sich mit ihrer Lehrerin Wiebke Dobberstein und Betreuerin Gaby Dreier für drei Tage in der Husumer Jugendherberge einquartiert. Im Unterricht wurde Storms berühmteste Novelle "Der Schimmelreiter" gelesen - nun begeben sich die Kinder 90 Minuten lang auf die Spuren des Autors. "Heute sind sie sehr platt, weil sie alles zu Fuß machen müssen", stellt Begleiterin Dreier fast schon entschuldigend fest.

Dafür hält sich die Schar, die am Anfang in drei Gruppen aufgeteilt wird, allerdings wacker. So wie der besagte Knirps Lucas, der Nontje immer wieder mit Fragen löchert, die die angehende Abiturientin natürlich bereitwillig beantwortet. Der jungen Frau, die den Kindern gleich das Du angeboten hat, macht die Exkursion sichtlich Spaß. Während ihre beiden Kollegen jeweils im Museum mit einem Bilder-Ratespiel und der von dem Klavierspieler Storm so geschätzten Clementi-Sonate als Hörprobe anfangen, beginnt Nontje ihre Führung draußen. Altersgerecht verpackt kommen die Informationen zu den Häusern rüber, in denen der Literat seine 56 Novellen, Märchen oder Erzählungen und 400 Gedichte geschrieben hat. Dabei erfährt der Nachwuchs nicht nur, dass der bärtige Schriftsteller von Beruf Jurist war und acht Kinder mit zwei Frauen gezeugt hat. Auch peinliche Erlebnisse aus dem Leben Storms kommen zur Sprache. Zum Beispiel dieses: Als er 1845 auf der Treppe des Schlosses jene Sänger dirigierte, die dort den dänischen König mit einem Lied empfingen, "setzte der Chor falsch ein und Storm schlich beschämt davon".

Obwohl einzelne Schüler zwischendurch auch mal gähnend die Hand vor den Mund halten und kurzfristig die ganze Aufmerksamkeit ihrem Handy schenken, bleibt das Gros bei der Stange. Nontje schafft es immer wieder, durch Zwischenfragen und Interaktion Begeisterung für das Thema zu wecken. So darf Lucas zum Beispiel seine Version vom "Schimmelreiter" erzählen und die zwölfjährige Paula das Gedicht "Oktoberlied" vorlesen. Auch die Lehrerin, die sich mit ihrer Gruppe Tim angeschlossen hat, ist am Ende begeistert: "Danke, das war großartig - du hast sogar meine Jungs in den Bann gezogen."

Storm für Sechstklässler interessant zu machen, das ist für Nontje, Niklas und Tim eher die Ausnahme. Hauptsächlich betreue man achte Klassen, die gerade den "Schimmelreiter" lesen, erklären sie. Rund 60 solcher Führungen gebe es im Jahr. Das Konzept, an dem die drei rund neun Monate gebastelt haben, wird je nach Altersstufe angepasst - Improvisationen inklusive.

"Schüler führen Schüler" - dieses Projekt basiert auf einer Idee von Christian Demandt. Der Leiter des Storm-Zentrums ist auch Deutsch- und Religionslehrer an der HTS. "Ich habe lange gewartet, wen ich ansprechen kann", verrät der 37-Jährige. Sechs Schüler seien dafür in Frage gekommen, "Nontje, Tim und Niklas waren sofort Feuer und Flamme". Drei weitere junge Museumsführer stehen in den Startlöchern, sagt Demandt, der sich sehr über die Bereitschaft der Gymnasiasten freut. Auch den Kollegen und der Schulleitung ist er dankbar für die problemlose Freistellung der Storm-Enthusiasten. "Meine Erwartungen sind übertroffen worden." Gerne könnten sich natürlich auch Theodor-Storm-Schüler mit "Führungsqualitäten" melden.

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