zur Navigation springen

Nach schwerem schicksalsschlag : Schritt für Schritt ins Leben zurück

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Vor einem Jahr stürzte sich ein Familienvater vom Fernmeldeturm Stollberg in den Tod . Seine Frau und die Kinder quält noch immer die Frage nach dem Warum. An seinem Todestag schickten sie an seinem Grab drei rote Ballon-Herzen in den Himmel.

Die quälende Frage nach dem Warum hat sich wie eine Endlos-Schleife in ihrem Kopf festgebrannt. Kein Tag vergeht, an dem Bianca Albertsen (40) aus Langenhorn nicht an das Unfassbare denkt. Vor einem Jahr hat sich ihr Mann vom Fernmeldeturm Stollberg in den Tod gestürzt. Ohne die kleinste Vorwarnung, ohne Abschiedsbrief.

Dabei hatte die junge Familie so viele Pläne und stand kurz vor der Erfüllung ihres Traums: den Einzug in das neu gebaute Eigenheim. Für Bianca Albertsen und ihre Kinder brach eine Welt zusammen. Der Moment, wo zwei Polizisten mit der Pastorin vor ihrer Haustür standen und mit bleichem Gesicht sagten: „Wir haben eine schlimme Nachricht für Sie!“ läuft wie ein Film immer und immer wieder vor ihrem geistigen Auge ab. Sie sieht sich, wie sie die beiden in die Küche führt, ihnen die von ihrem Mann benutzte Tasse im Spülbecken und die noch warme Kaffeemaschine zeigt. „Er will morgens seine Ruhe haben. Sehen Sie, er hat doch gerade erst gefrühstückt. Das kann nicht mein Mann sein!“

Die Verzweiflung raubte der jungen Frau fast den Verstand. Die Todesnachricht als solche war schon entsetzlich. Aber hören zu müssen, dass ihr Ralf selbst seinem Leben ein Ende gesetzt hat – das hat sie bis ins Innerste getroffen. Seitdem fühlt sie sich selbst wie abgestorben. „Ich kann es nicht verstehen. Ich kann es einfach nicht verstehen“, flüstert sie. Die junge Frau sitzt am Küchentisch in dem neuen Haus, dreht das geknäulte Taschentuch hin und her. Alles ist hell und freundlich, blitzblank geputzt und aufgeräumt. Aber in ihrem Inneren herrscht das Chaos.

„Ich hab’ alles so gemacht, wie wir es zusammen besprochen haben“, sagt sie. Die Küche, die das Paar gemeinsam ausgesucht hatte, die Fliesen, die Farbgestaltung der Räume. Das Carport mit dem Überstand. Die Terrasse. Aber die Freude über das neue Zuhause ist bei ihr noch nicht im Herzen angekommen. Bianca Albertsen: „Er fehlt uns allen so sehr. Bei allem, was ich anschaue, sehe ich noch das Wir.“ Aber sie muss der Realität ins Auge schauen. Jetzt hängt die ganze Verantwortung allein nur an ihr. In ganz dunklen Stunden hilft der 40-Jährigen nur der Gedanke, dass die Kinder sie brauchen. Dass sie erleben möchte, wie Jonas (10) und Lina (9) heranwachsen, sie eine Ausbildung machen, im Beruf Fuß fassen, eine Familie gründen, selbst Kinder haben...

Nach dem Einzug hat sich Bianca Albertsen den Spruch von Bertolt Brecht an die Wand gepinnt: „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren!“ Beim Aufwachen schaut sie drauf. Das stärkt sie. Gibt ihr den Mut, wieder einen neuen Tag anzugehen. 397 sind es bisher.

Schon Wochen vor dem 13. August, dem ersten Todestag ihres Mannes, kroch die Angst in ihr hoch. Wie sollte sie den überstehen? Ihre Therapeutin regte an, den Jahrestag bewusst zu gestalten. Und schon war die Idee da: Sie bestellte drei große, rote Herzen, gefüllt mit Helium. Sie ermutigte ihre Kinder, ihrem Papa einen Brief zu schreiben. Da sollte alles rein, was sie bewegt: ihre Trauer und ihre Sehnsucht, aber auch die Wut auf den Vater, der sie allein gelassen hat – eben alles, was sie ihm sagen wollen. Und auch Bianca Albertsen selbst schrieb und schrieb. Die Briefe wurden zugeklebt und an den Ballons befestigt. Am Grab schickten die drei dann ihre Herzens-Grüße hinauf in den Himmel. Am Nachmittag kamen Verwandte und Freunde. „Sie haben versucht, mich zu stärken und haben mir immer wieder gesagt: Jetzt hast Du ein Jahr geschafft, nun geht es auch weiter.“

Bei der Witwe fiel die Anspannung ab. „Von da an ging’s aufwärts“, erzählt sie. Mit Hilfe der Freunde organisierte sie drei Wochen später ein Gartenfest. „Das hatte ich allen, die mich unterstützt haben, damals versprochen“, sagt sie schlicht. Ihren 40. Geburtstag im Frühjahr hatte sie nicht gefeiert und lieber das Geld dafür zurückgelegt. Die Feier sollte ein dickes Dankeschön an alle sein, die ihr über die schwere Zeit hinweggeholfen haben, die aber auch durch Einsatz von Muskelkraft, Sach- und Geldspenden dafür gesorgt haben, dass der Rohbau fertig gestellt werden konnte.

Beim Ausräumen der alten Wohnung mochte sich die Witwe allerdings von keinem helfen lassen. „Ich wollte jedes Teil selbst in die Hand nehmen und Stück für Stück einpacken.“ Ihre stille Hoffnung war, vielleicht doch noch ein paar Zeilen von ihrem Mann oder sogar einen Abschiedsbrief zu finden. Aber dem war nicht so. Wieder war sie zurückgeworfen auf die ewig gleiche Frage: Warum?

Als die Kinder für eine Woche im Feriencamp in Dänemark waren, nahm sie allen Mut zusammen. Gemeinsam mit der Bestatterin bestieg sie den Funkturm. Sie wollte Ralfs letzten Weg nachvollziehen. Ihre Erkenntnis: „Er kann hier oben nicht an uns gedacht haben. Sonst wäre er nicht gesprungen.“ Der Gedanke gibt ihr Trost.

So kämpft sich Bianca Albertsen Stück für Stück wieder ins Leben zurück. Sie liest Ratgeber-Bücher, versuchte es mit einer Selbsthilfe-Gruppe („Das kann ich noch nicht, in einer größeren Runde darüber sprechen“), holt sich weiter Unterstützung von ihrer Therapeutin. Sie kaufte einen großen Bilderrahmen. Zusammen mit den Kindern möchte sie eine schöne Collage mit Fotos aus glücklichen Tagen gestalten. „Wir haben schon zwei Mal angefangen, aber wir mussten abbrechen. Das geht noch nicht.“

Aber: Sie merkt doch Fortschritte. Das alles beherrschende Thema rückt allmählich zur Seite. „Ich kann mich wieder mehr auf das Alltägliche konzentrieren“, sagt Bianca Albertsen. Sie kann sogar wieder ein kleines bisschen lächeln.

Nicht ganz unschuldig daran ist Louis. Der kleine Mann ist erst zehn Wochen alt und passt gerade noch so auf eine Handfläche. Mit seiner Lacknase und den dunklen Knopfaugen unter den Stirnfransen bezaubert der Shih Tzu jeden, der ihn sieht. „Die Kinder haben sich so doll einen Hund gewünscht“, erzählt die Langenhornerin. Und mit Louis hat die Familie offensichtlich den richtigen Griff getan. Er ist erst gerade erst seit sieben Tagen das neue Familienmitglied der Albertsens – und hat schon alle um seine kleinen Pfoten gewickelt. Jetzt können es die Kinder gar nicht mehr abwarten, von der Schule nach Hause zu kommen.

Das Leben geht weiter. Und das ist gut so.

zur Startseite

von
erstellt am 14.Sep.2013 | 07:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen