Schneewinter im Film: Husumer erinnern sich : "Schnee von gestern" im Husumer Rathaus

Die Zuschauer des Dokumentar-Films 'Schnee von Gestern' werden von Willy-Peter Ström, Redakteur der Husumer Nachrichten, begrüßt. Foto: Bandixen
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Die Zuschauer des Dokumentar-Films "Schnee von Gestern" werden von Willy-Peter Ström, Redakteur der Husumer Nachrichten, begrüßt. Foto: Bandixen

Gespannt sahen die Besucher den Film über die Schneekatastrophe vor 30 Jahren. Die Regisseure Claus Oppermann und Gerald Grote hatten Amateurmaterial zu einer eindrucksvollen Dokumentation verarbeitet.

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21. Januar 2009, 07:11 Uhr

Husum | Normalerweise lockt eine Tageszeitung mit "Schnee von gestern" niemanden hinter dem Ofen hervor. Das war anders, als Montagabend im Ratssaal der gleichnamige Film über die Schneekatastrophe gezeigt wurde. 190 Karten hatten die Husumer Nachrichten verlost, und die glücklichen Gewinner kamen trotz des nasskalten Nieselwetters. Sie wollten einen Abend lang in Erinnerungen an das Ereignis schwelgen, das vor 30 Jahren die Gesetze des Alltags außer Kraft gesetzt hatte.

"Wir haben am 29. Dezember 1978 geheiratet", erinnerte sich ein Ehepaar anschließend. Sie schafften es noch gerade, die Schwiegermutter abzuholen und die Zeremonie zu vollziehen, dann schneiten sie im Haus seiner Eltern ein. "Aus der Hochzeitsnacht wurde nichts", lachten die beiden. Da war kein Platz für das junge Paar gewesen. Eine ähnliche Situation zeigte der Film: Eine ganze Hochzeitsgesellschaft war in Steinbergkirche eingeschneit. Weil sie zum großen Teil aus Klinikpersonal bestand, evakuierte ein Hubschrauber die Gäste und flog sie zur Arbeit nach Flensburg.
Amüsante Antworten

"Mein Baby war gerade mal drei Wochen alt", erinnerte sich eine andere. Auch sie war eingeschneit. "Zum Glück hatten wir Strom", sagte sie. Anderen ging es da schlechter, wie die Amateuraufnahmen zeigten: Eine junge Frau in Angeln konnte ihr Baby nicht mehr versorgen, weil sie in ihrem Haus kein Wasser erhitzen konnte. Sie wurde mit dem Kind von Nachbarn gerettet. "Die haben später das Haus verkauft", erzählte der Amateurfilmer, Gastwirt Helmut Simon, im Interview, "die wollten da nicht mehr wohnen." Mit viel Humor erinnerte er sich an die ereignisreichen Tage, und das Publikum fiel bei der Erzählung lustiger Anekdoten oft in sein Lachen ein.

Der heutige Bürgermeister Rainer Maaß war zwei Mal eingeschneit: Zur Jahreswende in seinem Haus in Rantrum, im Februar an seinem damaligen Arbeitsplatz in Husum. "Ich erinnere mich, dass wir im Schlafzimmer einen Wäscheständer hatten", sagte er, "und die Wäsche war gefroren." Auch diese Erfahrung griff der Film auf: Oft konnte nur ein einziger Raum im Haus halbwegs geheizt werden - bitterkalt war das Bettzeug. "Man zog mehr an als aus, bevor man sich schlafen legte", erinnerte sich ein Interviewter.
Authentisch und dennoch entrückt

Der einstündige Film war beeindruckend in seiner Authentizität. Mehr als 100 Hobbyfilmer hatten ihr Material zur Verfügung gestellt und zeigten, was sie erlebt hatten: Menschen mitten im Schneegestöber, haushohe Wehen, Gemeinsamkeit beim Schippen, spielende Kinder und völlig irritierte Hunde, Autos, von denen nur noch die Antenne zu sehen war, Skiläufer auf den Wiesen, Eiskristalle auf den Bäumen und eine Welt, die bizarr und weit der Wirklichkeit entrückt wirkte.
"Wir haben über 30 Stunden Material gesichtet", berichtetete Regisseur Claus Oppermann. Die Super-Acht-Filme waren damals teuer, und entsprechend sorgfältig hatten er und sein Kollege Gerald Grote die Aufnahmen behandelt. Oppermann dankte den Amateuren, die ihm so großzügig die kostbaren Streifen geliehen hatten: "Wir wollten diese ganz private Sicht", sagte der Regisseur.
Film interessiert, Ausführungen nicht

Entstanden ist ein raffiniert geschnittenes, sehr ansprechendes Werk. Das Husumer Publikum war spürbar innerlich beteiligt, lachte und staunte. Für sehnsüchtiges Seufzen sorgte unter anderem die Aufnahme einer Tankstelle im Schnee: 88 Pfennige für einen Liter Benzin - das waren noch Zeiten. Grußworte sprachen der Bürgermeister und Willy-Peter Ström, Redakteur der Husumer Nachrichten. Die Volks- und Raiffeisenbank, die das Vorhaben finanziell unterstützte, war ebenfalls vertreten. Schade nur, dass so viele keine Zeit hatten, den Ausführungen Oppermanns noch zu folgen: Kurz nach dem Ende des Film verließ ein Teil der Zuschauer umgehend das Rathaus.
Die Katastrophe
Eingeläutet wurde die Schneekatastrophe am 28. Dezember 1978, wo es im nördlichen Teil Schleswig-Holsteins im Laufe des Nachmittages zu schneien begann. Während der Nacht wurde aus dem dichten Schneegestöber, das nach und nach das ganze Land überzog, ein ausgewachsener Schneesturm, der mit bis zu Windstärke 10 wütete und fünf Tage dauerte. Am 13. Februar 1979 kam es erneut zu starken Schneefällen und Schneeverwehungen mit ähnlichen, aber weniger gravierenden Auswirkungen

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